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Assads Krieg: Syrien droht mit Flächenbrand

Foto: AP / IHA

Syrien Assad schürt Terror in den Nachbarländern

Wenn eine Intervention von außen kommt, überzieht Syrien die gesamte Region mit Krieg - so lautet die unverhohlene Drohung des Regimes. Tatsächlich setzt Damaskus schon jetzt auf blutiges Chaos in Nachbarstaaten wie der Türkei und dem Libanon.

Es ist eine kaum verhüllte Drohung, die Syriens Vize-Premierminister Kadri Dschamil in Moskau aussprach: "Wer sich Gedanken über eine Militärintervention macht, will offensichtlich eine Ausweitung der Krise über Syrien hinaus." Noch deutlicher hatte es Rami Makhlouf formuliert, Cousin von Baschar al-Assad und Finanzier des Regimes. Er sagte in einem Gespräch mit der "New York Times" im Mai 2011: "Wir werden bis zum Ende kämpfen. Wenn wir leiden, werden wir nicht als einzige leiden - darüber muss sich die Welt im Klaren sein. Bringt Syrien nicht dazu, etwas zu tun, was es nur ungern tun würde."

Die internationale Gemeinschaft versteht genau, was Damaskus meint. Gerät das Assad-Regime in Bedrängnis, wird es alles daran setzen, die Region mit hineinzuziehen, nach dem Motto: Nach uns das Chaos! Tatsächlich ist es jedoch das Regime, das alles daran setzt, im eigenen Land und den Nachbarstaaten den Terror zu schüren - mit Erfolg.

Türkei: In den vergangenen Monaten haben die Angriffe der kurdischen Arbeiterpartei und Terrororganisation PKK rapide zugenommen. Die PKK ist ein Verbündeter des Assad-Regimes. Nachdem Damaskus 13 Jahre lang auf Druck Ankaras die PKK im Zaum hielt, darf diese seit Sommer 2011 frei auf syrischem Gebiet operieren und Trainingszentren eröffnen.

Dies, glaubt Soner Cagaptay, Türkei-Experte am Washington Institute for Near East Policy, hat Ankara im Sommer 2011 eine vorsichtigere Politik einschlagen lassen, nachdem Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bereits mit Intervention drohte. "Ankara hat verstanden: Wenn es militärisch eingreift, hat es nicht nur Elemente des Assad-Regimes gegen sich, sondern auch den syrischen Teil der PKK. Das war für die Türkei der größte Realitäts-Check ihrer anfangs viel aggressiveren Politik gegenüber Syrien", sagte Cagaptay SPIEGEL ONLINE.

Libanon: Das syrische Regime sieht das kleine Nachbarland als seinen Hinterhof an. Zwar musste es 2005 seine Armee von dort abziehen, nachdem der Politiker Rafik Hariri, der als Assad-kritisch galt, bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen war. Doch ist Damaskus nach wie vor mit Verbündeten seines Sicherheitsapparats im Libanon vertreten.

Im August sorgte die Verhaftung eines libanesischen Ex-Ministers und engem Vertrauten von Baschar al-Assad für Aufruhr. Er soll zugegeben haben, im Auftrag von Assad Sprengstoff ins Land geschmuggelt zu haben, um damit Anschläge im Norden des Landes zu verüben - und die konfessionellen Spannungen zur Explosion zu bringen.

Doch der Libanon zeigte auch die Grenzen der Terror-Export-Strategie des Assad-Regimes auf: Die wichtigsten libanesischen Akteure scheinen sich einig, ein Abrutschen ihres Landes in einen Bürgerkrieg verhindern zu wollen. Zwar kommt es seit einer Woche im ganzen Land immer wieder zu Entführungen mutmaßlicher Assad-Gegner und im nordlibanesischen Tripoli toben seit Tagen Kämpfe. Doch bisher ist es ihnen im Großen und Ganzen gelungen, eine weitere Eskalation zu unterbinden.

Für Damaskus ist die Terrorstrategie ein voller Erfolg

Aus den inneren Angelegenheiten seiner zwei weiteren Nachbarstaaten, Irak und Jordanien, scheint sich Damaskus bisher herauszuhalten. Die irakische Regierung in Bagdad unterstützt Assad. Jordaniens König hat sich zwar öffentlich von Assad distanziert, vermeidet aber, sich den Zorn Damaskus' zuzuziehen.

Innerhalb Syriens, scheint das Regime eine ähnliche Strategie zu verfolgen. Dort versucht es, ethnische und konfessionelle Spannungen zu schüren. Verschiedene christliche und schiitische Bevölkerungsgruppen werden vom Regime bewaffnet. Zudem verlieh Damaskus dem kurdischen Teil des Landes quasi einen Autonomiestatus. Das Ziel: in dem Land möglichst viele verschiedene Fronten aufzubauen.

Der amerikanische Syrien-Experte Joshua Landis bezeichnete diese Technik als "Sumpf-Strategie": Sollten ausländische Truppen in Syrien intervenieren, müssten sie damit rechnen, wie im Irak in einem Chaos verschiedener rivalisierenden Gruppen unterzugehen. Im Irak hatte das Assad-Regime schiitische Milizen, Dschihadisten und al-Qaida bei ihrem Kampf gegen die US-Soldaten unterstützt. Tausende Amerikaner kamen in Schießereien und Terroranschlägen ums Leben sowie Hunderttausende Iraker, die meisten von ihnen Zivilisten.

Die Sorge vor einem blutigen Chaos ist in Syrien umso akuter, angesichts einer zersplitterten Opposition, von denen sich Teile unter der brutalen Repression des Regimes zunehmend zu radikalisieren scheinen. "Die Komplexität Syriens lässt Afghanistan 1985 unkompliziert aussehen", sagte Milton A. Bearden der "New York Times". Er organisierte in den achtziger Jahren die geheime amerikanische Unterstützung für afghanische Kämpfer gegen die Sowjetunion. "Wer ist die syrische Opposition?" Washington zögert, den Rebellen die von ihnen geforderten Raketen zu geben, um sich gegen Assads Luftwaffe wehren zu können. Bisher liefern die USA nach offiziellen Angaben lediglich ziviles Equipment wie Satellitentelefone an die Aufständischen.

Für Damaskus ist seine Terrorstrategie ein voller Erfolg. Wenige Tage, nachdem ein Uno-Bericht zu den Ergebnissen kam, dass das Assad-Regime systematisch Zivilisten bombardiert, seine Kämpfer regelmäßig Zivilisten vergewaltigen und die Kriegsverbrechen des Assad-Regimes bei weitem die Kriegsverbrechen übersteigen, die die Rebellen begangen haben, hat US-Präsident Barack Obama dem syrischen Regime quasi einen Freibrief ausgestellt: Assad kann sich nun gewiss sein, dass ihm kein direkter Militäreingriff des Westens droht - solange er keine biologischen oder chemischen Waffen einsetzt.

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