Aufstand in Syrien Türkei prophezeit Ende des Assad-Regimes

"Wir haben das Vertrauen verloren" - in ungewöhnlich scharfer Form hat sich die türkische Staatsführung von Syriens Diktator Assad distanziert. Besonders deutlich wird Ministerpräsident Erdogan: Da das Regime des Nachbarlandes unbewaffnete Menschen brutal töte, könne es keinen Bestand haben.
Anti-Assad-Proteste in der Türkei: Scharfe Kritik am ehemaligen Verbündeten

Anti-Assad-Proteste in der Türkei: Scharfe Kritik am ehemaligen Verbündeten

Foto: MURAD SEZER/ REUTERS

Beirut/Ankara - Die Türkei hat den syrischen Machthaber Baschar al-Assad in ungewöhnlich scharfer Form kritisiert: Die Regierung in Ankara habe jedes Vertrauen in den ehemaligen Verbündeten verloren, berichten türkische Zeitungen am Montag. Staatspräsident Abdullah Gül und Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hätten Assad aufgefordert, die Einsätze gegen Demonstranten zu beenden, wenn er nicht das Schicksal der früheren Machthaber in Libyen und Ägypten teilen wolle.

Bereits in den vergangenen Monaten hatte Ankara vergeblich demokratische Reformen in Syrien gefordert. Nun sagte Gül: "Wir sind an dem Punkt, wo alles zu wenig ist, zu spät kommt. Wir haben das Vertrauen verloren." Erdogan sagte, ein Regime, das unbewaffnete Menschen mit brutaler Gewalt töte, könne keinen Bestand haben. Damit hat der türkische Ministerpräsident in klarer Form ausgesprochen, was bisher nur wenige Regierungschefs zu sagen wagen: Die Zeit des syrischen Diktators Assad ist womöglich abgelaufen. Nach Ägypten, Tunesien und demnächst wohl Libyen ist Syrien das nächste arabische Land, das seinen autokratischen Herrscher verlieren könnte.

Das Regime in Damaskus zeigt sich davon allerdings unbeeindruckt: Es setzt trotz anders lautender Versprechen an die Uno sein brutales Vorgehen gegen Regierungsgegner fort. Nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten hat die Armee einen großangelegten Einsatz in der Nähe der Grenze zum Libanon gestartet. Panzer, Truppentransporter und andere Militärfahrzeuge seien am Montag in die Ortschaft Hitt, zwei Kilometer von der Grenze entfernt, eingefahren, sagte der Leiter der in Großbritannien ansässigen syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman, der Nachrichtenagentur AFP. Seit dem Morgen seien "Schüsse von starker Intensität" zu hören.

Assad-Gegner drohen mit Gewalt

Auch in anderen Gegenden rückte die Armee vor: Sicherheitskräfte sollen die Stadt Rastan in der Mitte des Landes eingekreist haben. Das berichten Aktivisten. Rastan gilt als eine der Hochburgen des Protests gegen Präsident Baschar al-Assad. Die Aktivisten berichten von heftigem Maschinengewehrfeuer aus Waffen der Sicherheitskräfte am südlichen Eingang der Stadt. Aus Angst, dass Rastan gestürmt werde, seien bereits zahlreiche Einwohner geflohen, berichteten die örtlichen Koordinationskomitees.

Assad hatte vor anderthalb Wochen in einem Telefonat mit Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon versichert, dass die seit Wochen anhaltenden Militäreinsätze gegen Regierungskritiker im Land beendet worden seien. Dies ist ganz offensichtlich nicht wahr: Die Militäraktionen werden fortgesetzt. Bei der Niederschlagung der Proteste in Syrien wurden nach Uno-Angaben seit Mitte März mehr als 2200 Menschen getötet.

Auch am Wochenende wurden nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten mehrere Demonstranten getötet. Angesichts der anhaltenden Gewalt in Syrien kündigten sowohl die Arabische Liga als auch Russland an, eine Delegation nach Damaskus zu schicken.

Die Aufständischen in Syrien drohten mit einer Eskalation der Proteste: "Um gegen dieses Monster anzukommen, braucht es Waffen, da inzwischen klar ist, dass die Welt den syrischen Aufstand nur mit Reden unterstützt", sagte Mohammad Rahhal, Anführer des Revolutionsrats der Koordinationskomitees Syriens, der in London erscheinenden Zeitung "As-Sharq al-Awsat". In Kürze werde die Revolution "sehr gewalttätig".

anr/dpa/AFP/dapd