Aufstand in Syrien Türkei wirft Assads Truppen Gräueltaten vor

Es ist die größte Operation der syrischen Armee seit Wochen: Tausende Soldaten sind laut Augenzeugenberichten in die Stadt Dschisir al-Schughur im Norden des Landes eingefallen. Sie verbreiten dort Angst und Schrecken. Der türkische Premier Erdogan spricht von Gräueltaten.

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Hamburg - Sie kamen mit gepanzerten Wagen und schweren Geschützen, sie feuerten auf Zivilisten, während sie fuhren, es waren Tausende. Sie steckten Felder in Brand, fackelten ganze Dörfer ab, ihre Opfer suchten sie sich zufällig. Die Truppen des syrischen Despoten Baschar al-Assad sollten bei ihrem größten Einsatz seit Wochen wohl vor allem Angst und Schrecken verbreiten, sie hatten die Bevölkerung einzuschüchtern und brutale Stärke zu zeigen.

Augenzeugen der Offensive gegen die Stadt Dschisir al-Schughur im Norden des Landes berichteten der "New York Times", dem "Guardian" und der BBC, mit welcher Grausamkeit die Soldaten dabei vorgingen. "Die Armee stürmt Dörfer, brennt Höfe nieder und tötet Menschen ganz willkürlich", sagte ein Mann namens Hozan der "New York Times". Ein anderer, der mit seinen Angehörigen in der Region telefoniert hatte, erzählte: "Sie schießen auf jeden, der ihnen in den Weg kommt. Es ist furchtbar dort."

Die Angaben waren von unabhängiger Seite nicht zu überprüfen. Syrien unterbindet die Berichterstattung ausländischer Journalisten.

Hochburg der Aufständischen

Dschisir al-Schughur gilt als Hochburg der Aufständischen, es soll dort in der jüngeren Vergangenheit zu Dutzenden Fällen von Befehlsverweigerung gekommen sein. Laut "New York Times" ist die Stadt gleichzeitig ein Zentrum islamischer Fundamentalisten und wurde bereits in den achtziger Jahren von der Armee attackiert, als diese gegen die Muslimbruderschaft vorging.

Ein Restaurant-Angestellter namens Fadi, 27, sagte der Zeitung, die Armee habe bei ihrer Attacke auch Hubschrauber gegen die Bevölkerung der Stadt eingesetzt. "Sie feuerten aus Maschinengewehren. Niemand wurde verschont."

Inzwischen heißt es, der Ort gleiche einer Geisterstadt, Telefonverbindungen seien gekappt. Ein Großteil der Bevölkerung sei geflohen. Einige Familien seien von der Armee vertrieben worden. "Die Menschen werden nicht dableiben und sich wie Lämmer abschlachten lassen", sagte ein Flüchtling.

Befehlen widersetzt

Anfang der Woche waren in Dschisir al-Schughur nahe der Grenze zur Türkei nach offiziellen Angaben aus Damaskus 120 Soldaten und Polizisten getötet worden. Das Regime von Präsident Baschar al-Assad macht Extremisten dafür verantwortlich. Regimegegner aus dem Bezirk berichteten dagegen, die Soldaten und Polizisten seien von Angehörigen der Sicherheitskräfte erschossen worden, weil sie sich Befehlen widersetzt hätten.

In mehreren Städten Syriens gingen nach dem Freitagsgebet Demonstranten auf die Straße, die zum Sturz des Regimes aufriefen. "Lang lebe Syrien - nieder mit Assad", riefen sie. Nach Informationen arabischer TV-Sender wurden mindestens 28 Demonstranten erschossen, darunter auch ein Kind. In Damaskus starben mindestens zwei Kundgebungsteilnehmer. In der Ortschaft Busra al-Harir in der südlichen Hauran-Ebene töteten Einwohnern zufolge Regierungstruppen zwei Demonstranten. In der Stadt Deraa feuerten Sicherheitskräfte auf Tausende Menschen, die sich trotz eines Kundgebungsverbots versammelt hatten. Menschenrechtler berichteten zudem von einem getöteten Demonstranten in der Hafenstadt Latakia.

In der nordwestlichen Stadt Maarat al-Numaan schoss die Armee einer Menschenrechtsgruppe zufolge aus Kampfhubschraubern auf Zehntausende Demonstranten. Mindestens fünf Hubschrauber hätten das Feuer aus automatischen Waffen eröffnet, um eine Protestkundgebung aufzulösen, berichtete ein Augenzeuge über Telefon. "Die Menschen flohen in Felder, unter Brücken und in ihre Häuser, aber obwohl die Straßen dann fast menschenleer waren, dauerte der Beschuss noch Stunden an."

Das syrische Staatsfernsehen machte dagegen erneut regierungsfeindliche Gruppen für die Gewalt verantwortlich. Rettungshubschrauber seien von "bewaffneten Terroristengruppen" in Maarat al-Numaan beschossen und Besatzungsmitglieder dabei verletzt worden, hieß es dort.

Tausende flüchten in die Türkei

Der türkische Präsident Abdullah Gül warnte Assad vor weiterer Gewalt. "Wir verfolgen die Lage in Syrien täglich nachrichtendienstlich genau, und zwar äußerst genau", sagte Gül. Sein Land sei zivil und militärisch auch auf die schlimmsten Szenarien vorbereitet. "Natürlich wollen wir nicht, dass diese schlimmsten Szenarien wahr werden. Aber die Dinge entwickeln sich nicht in die richtige Richtung", sagte er.

Aus Furcht vor der angekündigten Militäroffensive sind seit Anfang dieser Woche nach Angaben der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu schon mehr als 3000 Menschen in die Türkei geflüchtet. Aktivisten warnten, dass sich unter die Flüchtenden auch einige Mitarbeiter des syrischen Geheimdienstes gemischt hätten.

Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan, der sich in der Vergangenheit oft als "Freund" Syriens darstellte, warf dem Nachbarn "Gräueltaten" an Zivilisten vor. Die syrischen Behörden verhielten sich "leider nicht menschlich", sagte er wenige Tage nach einem Gespräch mit Assad. Die Führung in Damaskus unterschätze die Lage, so Erdogan.

Die internationale Gemeinschaft hat die syrische Führung erneut zu einem Ende der Gewalt gegen Demonstranten gedrängt. "Die Vereinigten Staaten verurteilen die abscheuliche Gewalt in ganz Syrien und vor allem in der nordwestlichen Region", sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, in Washington. Diese Gewalt müsse umgehend beendet werden. Die syrische Regierung führe das Land "auf einen gefährlichen Pfad", so Carney. US-Verteidigungsminister Robert Gates sprach von einem "Massaker an unschuldigem Leben". Alle Staaten müssten sich fragen, ob Assad noch zur Führung des Landes legitimiert sei.

Carney zufolge unterstützen die USA den Resolutionsentwurf gegen Syrien, über den am Freitag weiter im Uno-Sicherheitsrat diskutiert wurde. Die Debatte über den von mehreren europäischen Ländern, darunter Deutschland, eingebrachten Entwurf sollte am Wochenende fortgesetzt werden. Russland und China lehnen den Text ab, der eine Verurteilung der Gewalt und ein Waffenembargo vorsieht.

Assad geht nicht ans Telefon

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon nannte die Gewalt syrischer Sicherheitskräfte gegen Zivilisten "inakzeptabel". Er sei "zutiefst beunruhigt", sagte Ban laut seinem Sprecher Martin Nesirky. Die syrischen Behörden hätten die Pflicht, ihr Volk zu schützen und seine Rechte zu respektieren. Ban rief die Regierung in Damaskus zu "echten Reformen" auf.

Nesirky zufolge weigert sich der syrische Präsident Baschar al-Assad inzwischen, weiterhin mit dem Uno-Generalsekretär zu telefonieren. Ban habe Assad am Donnerstag angerufen, doch ihm sei gesagt worden, Syriens Staatschef sei nicht zu sprechen.

Ban und Assad hatten seit dem Beginn der Oppositionsproteste in Syrien im März drei Telefonate geführt, bei denen sie sich heftig stritten. Während eines Gesprächs hatte Assad Ban versprochen, Uno-Menschenrechtsermittler ins Land zu lassen. Das Versprechen wurde bislang nicht eingehalten.

jdl/dpa/Reuters/dapd/AFP

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robertll 11.06.2011
1. Leider..
Leider wird hier sehr deutlich, der Westen macht einen großen Unterschied ob ein Land über reiche Rohstoffvorkommen verfügt oder nicht. Der Westen scheint seit der Kolonialisierung nur aus wirtschaftlichen Gründe zu intervenieren. Noch nicht einmal der Bundestag bemüht sich zur Diskussion, obwohl die Massaker den libyschen durchaus gleichen. Wieso ist der eine Aufstand uns egal, der andere aber landet vor der UN? Was sollen den die Bürger einer Demokratie noch von ihren Vertretern halten.. Ave Cäsar, sag ich da nur.
moritzdog, 11.06.2011
2. Assad
Zitat von sysopEs ist die größte Operation der syrischen Armee seit Wochen: Tausende Soldaten sind laut Augenzeugenberichten in die Stadt Dschisir al-Schughur im Norden des Landes eingefallen. Sie verbreiten dort Angst und Schrecken. Der türkische Premier Erdogan spricht von Gräueltaten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,768041,00.html
kann wohl machen, was er will. Ist ja "innere Angelegenheit". Bei Gadaffi hat die UNO gehandelt, weil der schwächer u. ohne Verbündete ist. Bei Syrien will man sich nicht mit dem Iran anlegen.
k-3.14 11.06.2011
3. und wo ist die Nato?
Libyen wird gebombt. Nun auch Bomben auf Syrien? Wär doch was für unsere Landesverteidiger ....
si_tacuisses 11.06.2011
4. falsch !!
Zitat von moritzdogkann wohl machen, was er will. Ist ja "innere Angelegenheit". Bei Gadaffi hat die UNO gehandelt, weil der schwächer u. ohne Verbündete ist. Bei Syrien will man sich nicht mit dem Iran anlegen.
An Gaddafi´s Öl ist leichter dranzukommen als an das syrische. Das und nur das ist der Grund.
P.H., 11.06.2011
5. Europa schaut zu, wie ein Diktator sein Volk ermordet!
Unsere Politiker sind Feiglinge. Wie soll man da noch hinter Europa stehen können ? Naja, wir können ja einen kritischen Dialog mit Assad führen, vielleicht hilft es ihm ja.
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