Aufstand in Teheran "Betet für uns!"

Längst geht es nicht mehr nur um Wahlbetrug: Die Aufständischen in Iran kämpfen zunehmend für einen Regimewechsel. Mit äußerster Brutalität versucht die Staatsmacht, den Proteststurm aufzuhalten. Doch das Volk hält dagegen - mit dem Mut der Verzweiflung.

Aus Teheran berichtet


Es ist ein Ruf, der wie ein nicht verklingendes Echo über der dunklen Stadt liegt. "Ahmadi Diktator" schallt es tausendfach von Teherans Dächern, springt von Straße zu Straße, von Stadtteil zu Stadtteil. "Allahu Akbar" kommt die Antwort: Dies ist ein Aufstand im Namen der Freiheit, der Demokratie, aber auch im Namen des Islam. Es ist die dritte Nacht seit der Wahl in Teheran. Die Menschen haben ihren Protest auf die Dächer ihrer Häuser verlegt.

Denn auf den Straßen herrscht Krieg.

Doch der Reihe nach: Zuerst schlägt an diesem Sonntag noch die Stunde des Siegers. Ein selbstsicherer Mahmud Ahmadinedschad stellt sich der Presse, den Protest wegen mutmaßlichen Wahlbetrugs am Freitag redet er klein. Bei einer Jubelfeier im Zentrum Teherans huldigen Zehntausende Iraner ihrem wiedergewählten Präsidenten.

Danach geht es los.

Aufgepeitscht von der Rede ihres Idols ziehen Tausende Ahmadinedschad-Anhänger in eine staatlich abgesegnete Schlacht. Bewaffnet sind sie mit schweren Motorradschlössern, Holzlatten, Knüppeln. Dirigiert wird der Mob von der Geheimpolizei, die den Zug auf Motorrädern begleitet. Sie ziehen nach Norden, gegen die Anhänger des unterlegenen Hossein Mussawis.

Immer wieder lösen sich Pulks aus der Masse der Männer. Sie prügeln, wen immer sie für verdächtig halten. Häuser werden gestürmt, blutende Opfer herausgezogen. Es ist Jagdzeit.

Polizei, Geheimdienst, Revolutionsgarden, jetzt auch Schlägertrupps aus Freiwilligen: Mit allen Mitteln kämpft das Regime gegen die anhaltenden Proteste in Iran. Der Aufruhr soll so schnell wie möglich erstickt werden, denn er droht, den Machthabern gefährlich zu werden. Längst geht es nicht mehr nur um den mutmaßlichen Wahlbetrug, den die Opposition anprangert. Die Menschen begreifen das Geschehene als Staatsstreich, mit dem sich die Hardliner die Macht im Staat sichern wollen.

"Nieder mit der Diktatur" ist deshalb zum Schlachtruf des Protests geworden. Das Wort von einer neuen Revolution, diesmal gegen die Ajatollahs, macht die Runde. "Ohne Neuwahlen gibt es Bürgerkrieg", immer wieder hört man diese Sorge, diese Warnung.

Dass der Protest zum Flächenbrand geworden ist, scheint offensichtlich. Wo vom Staat Blackout-Politik betrieben wird, dienen die weit verzweigten Familien Irans als alternative Informationsquellen. Verwandte zuverlässiger Informanten berichten von Aufständen in den Millionenmetropolen Schiraz, Isfahan, Tabris, von Zusammenstößen in der Wüstenstadt Yaz, in der Ölstadt Ahwaz, in den Nord- und Westprovinzen. In Teheran ist die Vali-Asr-Straße zur Hauptschlagader des Protests geworden. Tausende sammeln sich entlang der Bürgersteige, Hupkonzerte dröhnen, Schlachtrufe schallen.

Dann rennt alles: Die Motorradstaffeln der Revolutionsgarden rauschen heran, knüppeln um sich, dreschen mit Ketten auf die Flüchtenden ein, schlagen Scheiben ein. Die Masse weicht in die Seitenstraßen aus, die Garde verschwindet zum nächsten Brennpunkt.

Minuten später ist die Menge zurück auf der Straße. Das trotzige Kräftemessen beginnt von vorn.

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