Aufstand in Thailand "Die Guten lassen sich schlecht ausmachen"

Taktieren, drohen, Gewalt auf beiden Seiten: In den Straßen von Bangkok stehen sich Regierungstruppen und Rothemden gegenüber. Gerhard Will, Thailand-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, was dahintersteckt - und wer die Strippen zieht.
Demonstrant in den Straßen von Bangkok: "Thailand als Motor der Region fällt nun aus"

Demonstrant in den Straßen von Bangkok: "Thailand als Motor der Region fällt nun aus"

Foto: ADREES LATIF/ REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Wer sind in Thailand eigentlich die Guten? Die oppositionellen Rothemden oder die regierungstreuen Gelbhemden?

Thaksin Shinawatra

Will: Die Guten lassen sich da schlecht ausmachen. Es gibt zwei Lager, aber keines der beiden Lager wird durch gemeinsame Interessen zusammengehalten, sondern eher durch einen gemeinsamen Gegner. Wir haben auf der einen Seite die Roten - das sind die Verarmten aus dem Norden und Nordosten, also aus dem weniger entwickelten Teil Thailands. Die Roten wurden lange Zeit vom ehemaligen Regierungschef angeführt - einem Milliardär, und der passt natürlich nicht zu dieser Klientel. Es war das Geschick von Thaksin, dass er in diesen Leuten ein Wählerpotential erkannt und einiges für sie getan hat. Auf der anderen Seite gibt es auch im Regierungslager unterschiedliche Kräfte: zum Beispiel die Königsnahen, das Militär und Teile der neuen Mittelschichten.

SPIEGEL ONLINE: Treten die Rothemden denn zumindest nach außen geschlossen auf?

Will: Das hat man gesehen, als Ministerpräsident Abhisit Vejjajiva vor etwa 14 Tagen einen Kompromissvorschlag unterbreitet hat. Ein Teil der Rothemden stimmte dem erst einmal zu. Auf der anderen Seite gibt es radikale Kräfte, die davon leben, dass sich die Bewegung verselbständigt. Wenn Sie 60.000 Menschen, die es ja ursprünglich waren, auf der Straße halten wollen, müssen Sie etwas machen, damit sich der Konflikt verschärft - damit den Leuten klar ist: Es geht um einen Kampf auf Leben und Tod. Auf Seiten der Regierung ist es übrigens bemerkenswert, dass man sehr geduldig und abwartend damit umgeht. Stellen Sie sich vor, man würde in Berlin das Geschäftsviertel Unter den Linden besetzen. Dann würde alles schreien: "Diese Situation muss beendet werden."

SPIEGEL ONLINE: Kämpfen die Demonstranten denn wirklich für ihre eigenen Interessen, oder werden die Proteste von Machteliten aus dem Hintergrund gesteuert?

Will: Es war in der Tat so, dass Thaksin die Massen instrumentalisiert hat. Er hat den Leuten aber auch ein neues Selbstverständnis gegeben - dass sie mit ihrer Stimme wirklich etwas bewegen können. Da ist eine Bewegung entstanden, die Thaksin ursprünglich so nicht wollte.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist zu erklären, dass der ins Exil geflüchtete Thaksin bei großen Teilen der Bevölkerung immer noch so beliebt ist? Kritiker werfen ihm vor, er habe wenig Sinn für demokratische Spielregeln.

Will: Man muss ihm lassen, dass er sein Wahlprogramm, mit dem er im Jahr 2000 angetreten war, sehr schnell umgesetzt hat. Dazu gehörten die Themen Gesundheitsfürsorge und Kreditvergabe. Das hat den Leuten Vertrauen in Thaksin gegeben. Vielleicht kommt auch hinzu, dass Thaksin heute von der eigentlichen Macht weg ist. Wenn man eine verfolgte Ikone ist, können sich Hoffnungen auf einen richten, die man als real agierender Politiker gar nicht erfüllen kann.

SPIEGEL ONLINE: Die Oppositionellen sagen: "Wir verhandeln erst, wenn die Soldaten abziehen." Die Regierung entgegnet: "Wir reden nur dann, wenn sich die Blockaden auflösen." Was könnte in dieser Pattsituation der Ausweg sein?

Will: Es sah in den letzten Tagen so aus, als würde sich die Situation immer weiter zuspitzen. Aber es kommen immer wieder Kompromissangebote. Der Wechsel aus harter Linie und Kompromissangeboten zeigt, dass man nicht sehr geschlossen ist. Mal kann sich die eine Fraktion, mal die andere durchsetzen. Die Demonstranten, die jetzt noch ausharren, sind ein geringer Bruchteil der Leute, die sich ursprünglich versammelt hatten. Die denken sich: "Wir haben nichts mehr zu verlieren. Lieber sterben wir in Würde, als dass wir aufgeben."

SPIEGEL ONLINE: Wird der Konflikt von den breiten Massen getragen?

Will: Am Anfang waren es 50.000 bis 60.000 Menschen, die demonstriert hatten. Man muss aber sehen, dass die Bevölkerungszahl von Thailand bei gut 60 Millionen liegt. Insofern wären Wahlen nicht schlecht, damit man ein Bild bekommt, wie die Bevölkerung eigentlich denkt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt sich die labile Lage Thailands auf die gesamte Südostasien-Region aus?

Will: Thailand hat lange Zeit in der Asean, also in der regionalen Kooperation, eine führende Rolle gespielt. Thailand war der Motor und fällt da jetzt aus. Aber auch als Demokratisierungsmodell fällt Thailand für die Region flach. In einem Land wie Vietnam wird die Krise in Thailand sehr breit dargestellt. Und dann heißt es: "Da sieht man, wo man mit einem demokratischen Modell hinkommt. Was haben wir für eine wunderbare politische Stabilität mit Hilfe der kommunistischen Partei." Das regionale Image Thailands hat gelitten, und das ist für die regionale Kooperation ein empfindlicher Rückschlag.

SPIEGEL ONLINE: Kann der 82 Jahre alte, schwer kranke König Bhumibol Adulyadej in dem Konflikt moderieren?

Will: Nein, das sehe ich nicht. Zum einen ist er krank, zum anderen hat er sich in diesen Konflikten positioniert. Damals, als die Gelbhemden den Flughafen von Bangkok besetzt hatten, sagte er nichts. Damit gab er sein stillschweigendes Einverständnis und beraubte sich der Möglichkeit, als unabhängiger Schiedsrichter und König aller Thais aufzutreten.

SPIEGEL ONLINE: Die Konflikte konzentrieren sich auf Bangkok, aber wie sieht es anderen Landesteilen aus?

Will: Es ist auch im Norden und Nordosten des Landes, wo ein Großteil der ärmeren Thais lebt, zu Auseinandersetzungen gekommen. Diese Art von Auseinandersetzungen mit Überfällen auf Polizeistationen könnten weitergehen. Ich rechne damit, dass die Militanten, die jetzt in den Straßen von Bangkok ausharren, auch im Norden und Nordosten sporadische Gewaltaktionen durchführen werden.

SPIEGEL ONLINE: Thailand gilt in Deutschland als beliebtes Urlaubsland. Was bedeuten die Zustände in Bangkok für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes?

Will: Man kann jetzt schon feststellen, dass die Zahl der einreisenden Touristen dramatisch eingebrochen ist - um bis zu 50 Prozent, obwohl die eigentlichen Touristengebiete nicht betroffen sind. Auf die Dauer leidet die wirtschaftliche Entwicklung darunter, Investitionen werden abgezogen. Das ist höchst bedauerlich, denn Thailand hat in den vergangenen Jahren eine gute wirtschaftliche Entwicklung genommen. Aber zu dieser wirtschaftlichen Entwicklung fehlt das adäquate politische System.

Das Interview führten Michael Kieffer und Kerstin Schulz