Auftritt im Weißen Haus Obama warnt die Ajatollahs - und taktiert

Zu lasch, zu vorsichtig - sogar Parteifreunde beklagten sich über die Iran-Politik des US-Präsidenten. Jetzt hat Barack Obama nachgelegt und das Regime in Teheran mit neuer Schärfe kritisiert. Er zeigte Mitgefühl für Opfer wie Neda Agha-Soltan. Und ließ doch Raum für Verhandlungen.

Von , Washington


Barack Obama ist bekannt für seine "Coolness" - doch an diesem schwülen Dienstag scheint es selbst dem Präsidenten ein bisschen zu warm in Washington. Eigentlich war angekündigt, dass Obama im Rosengarten des Weißen Hauses für seine vierte Live-Pressekonferenz vor die Journalisten treten würde. Aber die Sonne schien wohl zu heftig, also verschickten die Präsidenten-Helfer am Morgen eine schlichte E-Mail, der Auftritt sei ins kühle Innere verlegt worden. Dem Vernehmen nach wollte der mächtigste Mann der Welt nicht ins Schwitzen geraten.

Obama bei Live-Pressekonferenz: Beim Thema Iran in der Defensive
AP

Obama bei Live-Pressekonferenz: Beim Thema Iran in der Defensive

Auch das Meinungsklima in der US-Hauptstadt hat sich in den vergangenen Tagen kräftig aufgeheizt. Umfragen zeigen wachsende Unzufriedenheit mit dem frisch gekürten Präsidenten. Die Amerikaner sorgen sich über das explodierende Haushaltsdefizit und die Arbeitslosenquote, die entgegen früheren Voraussagen des Weißen Hauses schon bald auf zehn Prozent steigen könnte. Die Bewertung Obamas sei " professioneller" geworden, sagt Chuck Todd von NBC - viele unterstützten ihn zwar noch als Person, doch seine Politik werde genauer unter die Lupe genommen. Darunter auch seine Haltung zu Iran: Der Opposition und selbst Parteifreunden war die Reaktion Obamas auf die bewegenden Bilder aus Teheran schlicht viel zu vorsichtig.

Vor den Journalisten versucht der Präsident sogleich, diese Zweifel zu zerstreuen. "Die USA und die internationale Gemeinschaft sind schockiert und wütend", sagt der Präsident, er verurteile die Aktionen des iranischen Regimes gegen unschuldige Zivilisten scharf. "Keine eiserne Faust kann die Welt davon abhalten, solche Aktionen genau zu verfolgen", warnt er die Führer in Teheran. "Wer für Gerechtigkeit aufsteht, ist immer auf der richtigen Seite der Geschichte." Obama nennt das im Internet zirkulierende Video des Todes der jungen Iranerin Neda Agha-Soltan "herzzerreißend". Es sei klar, dass eine extreme Ungerechtigkeit geschehen sei.

Der Präsident liest die meisten Sätze ab, er verwendet diesmal keinen Teleprompter. Er spricht danach ausführlich über seine Energiegesetzgebung, die am Freitag im Kongress verabschiedet werden soll. Er redet über die Gesundheitsreform, sein derzeit wichtigstes innenpolitisches Anliegen.

Doch die Reporter haben vor allem Fragen zu Iran. Wann denn die von Obama avisierten Verhandlungen mit Teheran angesichts der Entwicklungen dort keinen Sinn mehr machen würden? "Es ist weiterhin im nationalen Interesse der USA, dass die Iraner ihr Nuklearprogramm aufgeben", erwidert Obama. Aber das Land stecke mitten in einer außergewöhnlichen Debatte. "Wir werden beobachten, wie sich dies entwickelt, bevor wir ein Urteil fällen. Wir wissen noch nicht, wie die Iraner antworten werden." Eins sei jedoch klar: "Viele Menschen sehen diese Wahl als illegitim an, es handelt sich nicht um vereinzelte Zwischenfälle oder ein paar Beschwerden hier und dort."

Die US-Reporter haken nach. Sie reihen Fragen aneinander, einer nach dem anderen - wie sie es gerne tun, wenn ihnen ein Thema besonders wichtig ist. Warum Obama denn keine klaren Konsequenzen benennen wolle, sollte die Gewalt in Teheran weitergehen oder gar eskalieren? Obama weicht aus: "Iran sollte wissen, dass die Reaktion auf die Proteste seine Zukunft und seine Beziehungen zu anderen Ländern prägen wird."

Der Präsident bemüht sich um einen vorsichtigen Mittelweg, zwischen der offenen Verdammung der Gewalt auf den Straßen Teherans - und den begrenzten Möglichkeiten der Supermacht, die immer noch eine Verhandlungslösung mit dem iranischen Regime zu dessen Nuklearprogramm erreichen will.

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Doch die Reporter im Weißen Haus machen es ihm nicht einfach. "Warum haben Sie dafür so lange gebraucht?", fragt einer schlicht zu Obamas scharfer Iran-Kritik. Der verteidigt sich: "Sobald Gewalt ausbrach, haben wir sehr klar gemacht, dass dies nicht akzeptabel ist." Aber Amerika habe sich auch nicht offen in eine Wahl einmischen können - schon jetzt erhebe Ahmadinedschads Lager ja bereits die "absurden" Vorwürfe, CIA und Washington steuerten die Proteste auf den Straßen Teherans.

"Nur ich bin der Präsident"

"Wir wissen nicht, wie dies alles ausgeht", wiederholt Obama mehrfach. Er will sich alle Optionen offenhalten - er gibt sich Mühe, partout nicht wie ein Politiker zu erscheinen, der nur die Schlagzeile von morgen im Kopf hat. "Ihr alle denkt an den Nachrichtenfluss, 24 Stunden lang. Ich nicht", hält der Präsident den Journalisten staatsmännisch entgegen.

Also weist er auch die Frage, ob scharfe Kritik des republikanischen Ex-Kandidaten John McCain an seiner Zurückhaltung ihn nun zu entschlosseneren Worten bewegt habe, gelassen zurück. "Was denken Sie denn wohl?", fragt er grinsend zurück. Dann fügt er ernst hinzu, andere könnten ihre Meinung frei äußern - doch er müsse als Oberbefehlshaber vorsichtig agieren. "Nur ich bin der Präsident", sagt er, es soll sehr stark klingen.

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Doch auch ein Präsident kann kleine Schwächen haben. Die US-Regierung hat gerade neue Vorschriften für die Tabakindustrie erlassen, und so muss sich der bekennende Ex-Raucher Obama die Frage gefallen lassen, ob er manchmal noch Glimmstengel anrühre - ein Geheimnis, das seine Helfer bislang sorgsam hüteten.

Obama lacht: "Ja, manchmal bin ich rückfällig geworden." Doch ein regelmäßiger Raucher sei er nicht mehr - und er rauche nicht vor seinen Kindern. "Ich würde sagen, ich bin zu 95 Prozent geheilt", sinniert er. "Aber manchmal werde ich einfach schwach."

Anmerkung der Redaktion: In diesem Text war ein Foto eingebaut, das nicht die getötete Iranerin Neda Agha-Soltan zeigt. SPIEGEL ONLINE hat das betroffene Bild gelöscht, bemüht sich, den Fall aufzuklären, und entschuldigt sich für den Fehler.



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