Auftritt in Hollywood Neues Drehbuch für das Demokraten-Traumpaar

Wenige Tage vor dem wichtigsten Abstimmungstag der US-Vorwahlen sind Experten ratlos, ob Barack Obama oder Hillary Clinton die Nase vorn hat. Beim letzten TV-Duell starteten beide eine Charmeoffensive - als mögliches Traum-Team wollen sie deswegen aber noch lange nicht gelten.

Aus Los Angeles berichtet


Los Angeles - Die Vorwahlen der US-Demokraten sind eigentlich ein ewig langer Fortsetzungsfilm. Mehr als ein Jahr streckt der sich schon, mit jeder Menge Episoden: 17 TV-Debatten, Hunderte Wahlkampfreden, Tausende Werbespots. Ein Nebendarsteller nach dem anderen scheidet dahin - und jetzt, endlich, sind zwei Hauptdarsteller übrig: der junge Held, der ein Hoffnungsträger ist. Die Charakterdarstellerin, die schon in vielen Rollen brilliert hat.

Barack Obama. Hillary Clinton. Der erste aussichtsreiche schwarze Bewerber, die erste ernsthafte weibliche Bewerberin. In Hollywood würde man so was ein "Dream Couple" nennen, ein Traumpaar eben.

Deshalb ist nur passend, dass Obama und Clinton gestern Abend am Beginn ihrer ersten Zweier-Debatte auf der Bühne des Kodak Theatre im Herzen Hollywoods stehen. Es ist ein gewaltiger Stein-Tempel, den sich die Traumfabrik für historische Momente gebaut hat. In rund drei Wochen verleihen sie hier wieder die Oscars. In den Zuschauerreihen sitzen Warren Beatty, Pierce Brosnan, Steven Spielberg.

Die ganze Welt umarmt

Doch schon nach ein paar Minuten ist klar: Hier wird heute kein neues Drehbuch geschrieben, und keine Rolle neu besetzt. Dafür sorgt Barack Obama. 90 Sekunden hat der für seine Eröffnungsbemerkungen, und er schafft es, darin die ganze Welt rhetorisch zu umarmen. Zu der gehört - Rivalin Clinton. "Ich bin mit Hillary Clinton vor Beginn dieses Wahlkampfes befreundet gewesen", sagt der Senator und strahlt sie an, "und ich werde danach mit ihr befreundet sein. Weil wir beide dieses Land lieben."

In den vorigen Tagen war Obama unter Beschuss geraten, weil er Clinton bei George W. Bushs Rede zur Lage der Nation nicht die Hand geschüttelt hatte. Die gab eigens ein Fernsehinterview, in dem sie betonte, leider vergeblich die Hand ausgestreckt zu haben. Sie wollte ihn nachtragend aussehen lassen, und kleinlich. Sie wollte mit aller Macht den Aufwärtstrend stoppen, den Obama durch seinen triumphalen Sieg in South Carolina und die öffentliche Unterstützung von Demokraten-Legenden wie Ted Kennedy erfuhr - in der Woche vor dem wichtigen "Super-Tuesday" am 5. Februar, wenn gleich 22 US-Bundesstaaten abstimmen.

Doch Obama lächelt diese Taktik einfach weg. So charmant-zahm tritt er auf, dass der CNN-Moderator nach einer Dreiviertelstunde fast entnervt zu einer etwas unklaren Obama-Bemerkung fragt: "War das jetzt gerade ein Seitenhieb auf Clinton?". "Nein, natürlich nicht", beteuert Obama und streckt den Arm freundschaftlich zur Gegnerin aus. Etwas später bohrt der Moderator erneut nach möglicher Kritik, aber nun gucken sich gar beide Bewerber nur an und lächeln: "Wir haben doch eine wundervolle Zeit hier."

Die neue Herzlichkeit lässt zum ersten Mal seit langem Zeit für echte Politik-Debatten. Die Rivalen reden über ihre Pläne zur Krankenversicherung für alle Amerikaner. Ein wichtiges Thema in einem Land, in dem 47 Millionen Menschen ohne Versicherungsschutz leben. Zu 95 Prozent seien ihre Vorschläge identisch, meint Obama - aber er wolle arme Menschen nicht zwingen, sich zu versichern, er wolle ihnen Geld geben, damit sie es sich leisten können. Clinton hält entschlossen dagegen: "Wir Demokraten müssen für eine Pflicht-Krankenversicherung für alle Amerikaner eintreten, sonst verwässert die Gesundheitslobby unsere Pläne." Sie zitiert Studien, sie jongliert Zahlen. Ihre Position zur Gesundheitspolitik ist besser zu erklären als die von Obama.

Dann reden die Rivalen über Irak. Clinton hat im Senat für den Krieg gestimmt, Obama hat früh eine flammende Rede gegen den "dummen, den falschen Krieg" gehalten. Clinton gibt zu bedenken, niemand habe vorhersehen können, wie Präsident Bush ihre Unterstützung missbrauchen würde. Doch Obama lässt das nicht gelten: "Es war eine Stimme für den Krieg. Senatorin Clinton mag behaupten, sie habe mehr Erfahrung, um vom ersten Tag an zu regieren. Aber es ist wichtiger, vom ersten Tag an das Richtige zu tun." Seine Position zu Irak ist weit besser zu erklären als die von Clinton.



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