Auftritt in Jad Waschem Zentralrat der Juden kritisiert Papst als halbherzig

Der Auftritt von Papst Benedikt in Jad Waschem provoziert heftigen Protest. Nach dem Leiter der israelischen Holocaust-Gedenkstätte greift auch der Zentralrat der Juden den Papst an - Präsidentin Knobloch spricht von einem "Graben" zwischen den Religionen.


Hamburg - Der Papst wirbt im Heiligen Land für Versöhnung - doch mit seiner Rede in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem hat er Kritik provoziert. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, sagte der "Bild"-Zeitung, Benedikt XVI. habe mit seinem Aufruf zum Kampf gegen Antisemitismus zwar ein positives Signal in Richtung Judentum ausgesandt. Diese Geste erscheine jedoch "halbherzig" angesichts der noch ausstehenden klaren Distanzierung des Vatikans von der Piusbruderschaft, die Juden als Gottesmörder bezeichne.

"In Jad Waschem hätte ich mir deutliche Worte vom Papst im Fall Williamson erwartet", sagte Knobloch. Richard Williamson ist Bischof in der vom Papst nicht anerkannten Piusbruderschaft und hatte den Holocaust in Frage gestellt. Der Vatikan hatte Anfang des Jahres mit der Aufhebung der Exkommunikation von vier traditionalistischen Bischöfen, zu denen auch Williamson gehört, das Verhältnis zu Israel schwer belastet.

In der ARD wurde Knobloch noch deutlicher: "Es ist ein Graben zwischen den Juden und dem Vatikan", sagte sie. Knobloch forderte den Papst auf, die Archive des Vatikans zu öffnen, damit das Verhältnis von Papst Pius XII. in der Nazi-Zeit zu den Juden geklärt werden könne. Nötig ist aus ihrer Sicht zudem eine generelle Entschuldigung für die Verfolgung der Juden auch durch die katholische Kirche in früheren Jahrhunderten.

Weitere offene Themen wie die Karfreitagsfürbitte, die zur Judenmissionierung auffordere, seien ebenfalls "ausgespart" worden. "Es bleibt zu hoffen, dass diese Themen baldmöglichst klargestellt werden", sagte Knobloch weiter.

Auch der Generalsekretär des Zentralrates, Stephan Kramer, kritisierte, dass Benedikt nicht schärfer gegen Williamson vorgehe. "Was soll man von einem öffentlichen Aufruf zum Kampf gegen Antisemitismus halten, wenn er selbst nicht handelt und keine Konsequenzen zieht?", sagte Kramer den Dortmunder "Ruhr Nachrichten".

"Die Namen der Opfer niemals auslöschen"

Schon Minuten nach Ende der Zeremonie in Jad Waschem hatte der Vorstand der Holocaust-Gedenkstätte mitteilen lassen: "Wir sind sehr enttäuscht von der Rede des Papstes." Benedikt XVI. habe "nicht gesagt, dass es ihm weh tut oder dass es ihm leid tut. Von einer Entschuldigung ganz zu schweigen", kritisierte der Vorsitzende, der Holocaust-Überlebende Rabbi Meir Lau.

Dagegen nahm der Vorsitzende der katholischen deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, den Papst in Schutz. Die Kirche in Deutschland sei ihm für seine klaren Worte gegen jede Form des Antisemitismus sehr dankbar. "Benedikt XVI. hat deutlich gemacht: Jede Generation hat die Verpflichtung, an das Geschehene zu erinnern und alles dafür zu tun, dass sich der Holocaust nie wiederhole", sagte Zollitsch der "Bild"-Zeitung.

Auch der Vorsitzende des israelischen Holocaust-Dachverbands, Noach Flug, gab Benedikt XVI. Rückendeckung. Flug sagte dem israelischen Online-Dienst "ynet", er verstehe die Vorwürfe gegen den deutschen Papst nicht. "Er ist nicht Präsident einer zionistischen Organisation", sagte Flug, der auch Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees ist. Daher könne man auch nicht erwarten, dass er wie ein Rabbiner spricht. "Er ist hergekommen, um eine Annäherung zwischen der Kirche und dem Judentum zu bewirken und daher ist sein Besuch als positiv und wichtig einzustufen."

Benedikt hatte sich am ersten Tag seines Besuches in Israel gegen Holocaust-Leugner ausgesprochen. "Mögen die Namen dieser Opfer niemals ausgelöscht werden! Mögen ihre Leiden niemals geleugnet, heruntergespielt oder vergessen werden", sagte er. Der Papst rief außerdem zu einem weltweiten Kampf gegen den Antisemitismus auf. "Traurigerweise erhebt der Antisemitismus in weiten Teilen der Welt weiterhin sein hässliches Haupt. Das ist völlig inakzeptabel. Jede Anstrengung muss unternommen werden, um den Antisemitismus zu bekämpfen, wo immer er auftritt", sagte das Kirchenoberhaupt.

Zwischenfall am Mikrofon

Doch die Rede Benedikts stieß auch in Israel auf Protest. Anders als von vielen Juden erhofft, ging der deutsche Papst in Jad Waschem nicht auf die Rolle der Kirche während der Judenvernichtung zur NS-Zeit ein.

Am Abend des ersten Tages war es während eines interreligiösen Dialogs in Jerusalem auch zu einem Zwischenfall gekommen. Obwohl er nicht auf der Rednerliste stand, hatte Scheich Taisir Tamimi das Mikrofon ergriffen und Muslime wie Christen aufgefordert, gemeinsam gegen Israel zu arbeiten.

Der Vorsitzende der palästinensischen Religionsgerichte warf Israel vor, die Palästinensergebiete in ein riesiges Gefängnis verwandelt zu haben. Er forderte Benedikt auf, "diese Verbrechen" zu verurteilen und Druck auf die israelische Regierung auszuüben.

Die israelischen Zeitungen "Haaretz" und "Jerusalem Post" berichteten, der Papst habe nach den Angriffen die Veranstaltung vor deren Ende verlassen. Laut "Jerusalem Post" schüttelte Benedikt jedoch vor seinem Weggang noch Taminis Hand.

Messe am Fuße des Ölbergs

Der Besuch in Jad Waschem zählte von Anfang an zu den heiklen Höhepunkten der einwöchigen Reise ins Heilige Land. Im historischen Museum der Gedenkstätte, das Benedikt nicht besuchte, wird sein Vorgänger Pius XII. (Papst von 1939 bis 1958) als Oberhirte dargestellt, der nicht genügend gegen die Judenverfolgung getan hat. Ein für Israel bislang einmaliges Aufgebot von 80.000 Polizisten und Sicherheitskräften soll das Kirchenoberhaupt in den fünf Tagen seines Besuchs schützen. Zuletzt hatte Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. Israel im März 2000 besucht.

Der zweite Besuchstag von Papst Benedikt XVI. in Israel wird ganz im Zeichen der heiligen Stätten in Jerusalem stehen. Das Oberhaupt der katholischen Kirche wird am Dienstag unter anderem islamische Heiligtümer wie den Felsendom und die Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg in der Altstadt von Jerusalem ansehen. Danach besucht der Pontifex die Klagemauer, den heiligsten Platz für Juden in aller Welt.

Am Nachmittag wird Benedikt in Gethsemane am Fuße des Ölbergs eine Messe für rund 5000 Gläubige halten. Das ist der Ort, wo Jesus der Überlieferung nach vor seiner Kreuzigung gefangengenommen wurde. Der Papst wird im Laufe des Tages außerdem mit hochrangigen christlichen, jüdischen und muslimischen Würdenträgern sprechen.

amz/ddp/Reuters/dpa



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