Auftritt in Paris Sarkozy bestellt sich Schein-Applaus

"Hau ab, Idiot!" Dieser Ausraster Nicolas Sarkozys bei der Pariser Landwirtschaftsschau 2008 wurde zur Legende. Dieses Jahr geht man auf Nummer sicher: Die Organisatoren haben politisch korrektes Publikum herangeschafft - weil die Stimmung gerade alles andere als präsidentenfreundlich ist.

Von , Paris


Paris - Das Erfolgsrezept hat Tradition: Rindvieh, Ziegen, Schafe, Hasen, Hühner, Hunde - und jede Menge politische Prominenz. Die "Internationale Landwirtschaftsausstellung" an der Pariser "Porte de Versailles" zählt zu den unumgänglichen Pflichtterminen von Ministern, Abgeordneten und Senatoren.

Hier ein Biss in Rohmilchkäse, dort ein Schlückchen hochprozentigen Destillats und dazu (vor laufenden Kameras) schulterklopfende Bekenntnisse zu den Verdiensten von Viehzüchtern, Bio-Bauern und Agrarindustrie. Es duftet nach Heu, Kuhfladen, Diesel und feiner Küche.

Frankreich feiert den Nährstand der Republik. Deswegen gilt die alljährliche Leistungsschau als kalorienreiches Hochamt der Volksvertreter, die beim Verkosten von Wein, Schinken oder Schalentieren erdnahe Verbundenheit mit der "France profonde" demonstrieren und zugleich Heimatgefühle zu den Wählern ihrer Region unter Beweis stellen.

Vorneweg der Präsident. So will es das Protokoll. Doch nicht jeder Politiker hat das Faible für kräftiges Händeschütteln und den direkten Umgang mit den Menschen aus der Provinz. Wo Staatschef Jacques Chirac einst über Stunden in der Kunst des Kuh-Hintern-Tätschelns brillierte und sein Appetit für derbe Hausmannskost ebenso wie sein alkoholisches Standvermögen kopfnickende Zustimmung verbreitete, da sorgte Nicolas Sarkozy für einen peinlichen Eklat. Als ihm im Januar 2008, bei seinem ersten Besuch als Präsident, ein aufsässiger Besucher den Handschlag verweigerte ("Ich will mich nicht beschmutzen"), reagierte der Chef des Élysée mit einem giftigen: "Casse-toi, pauvre con" - etwa: "Hau ab, Idiot!"

Der wenig präsidiale Ausrutscher wurde von einer Kamera mitgeschnitten und fand Stunden später tausendfach Verbreitung im Internet; seither hat die peinliche Verbal-Injurie als geflügeltes Wort in den Polit-Wortschatz Eingang gefunden, bei YouTube wurde der Sarkozy-Ausfall zu satirischen Auftritten oder hämischen Videoclips verarbeitet.

Die Panne, die den Staatschef als rüden Choleriker erscheinen ließ, sollte sich beim Besuch des Präsidenten in den acht Messehallen am Freitag natürlich nicht wiederholen - zumal die Stimmung derzeit alles andere als präsidentenfreundlich ist: Sogar auf den französischen Antillen-Inseln gab es Massenproteste gegen die Teuerung. Sarkozys neues Milliardenpaket befriedete die Spannungen ebenso wenig wie ein "Sozialgipfel" mit Gewerkschaften und Arbeitgebern, und obendrein demonstrieren Uni-Professoren und Studenten gegen neue Auflagen der Hochschulreform.

Wirtschaftskrise, steigende Arbeitslosigkeit und der galoppierende Verfall der Konjunktur sorgen für stetiges Abrutschen in den Meinungsumfragen: Die Krisenkompetenz, die Sarkozy in der Rolle des umtriebigen EU-Präsidenten sechs Monate zwischen Russland, Georgien und Nahost zur Schau gestellt hatte - dahin. Zwar verfolgten rund 17,1 Millionen Fernsehzuschauer die Ausführungen des Präsidenten am Mittwoch dieser Woche; doch trotz seiner beschwörenden Worte für den "Geist der sozialen Gerechtigkeit", konnte der Staatschef nicht überzeugen. Laut einer Umfrage der Tageszeitung "Le Parisien" bewerten 49 Prozent der Franzosen Sarkozys Politik als "nicht kohärent", 54 Prozent halten seine Maßnahmen für nicht "gerecht" und 60 Prozent halten den Wirtschaftskurs für "unwirksam".

Das nagt am Ego. Und Sarkozy reagiert zunehmend dünnhäutig: Nachdem er während einer Rede im Normandie-Städtchen Saint-Lô von protestierenden Bürgern mit Pfiffen und Buhrufen gestört wurde, reagierte der erboste Staatschef auf die Majestätsbeleidigung mit der Strafversetzung des Präfekten und seines Polizeichefs.

Für den Besuch auf der Landwirtschaftsausstellung hat Sarkozys Entourage nun alles Menschenmögliche getan, um ein Aufwallen des präsidialen Zorns zu vermeiden: Der Rundgang wurde zur Blitzvisite eingekürzt, und gleich mehrere tausend Anhänger der regierenden UMP sollten obendrein für freundliche Stimmung sorgen.

Weil weder der Élysée noch das Landwirtschaftsministerium einfach Freikarten unter das Parteivolk streuen konnten, musste der Bürgermeister des 15. Arrondissements von Paris einspringen - in seinem Bezirk liegen die Messehallen der Porte de Versailles. Philipe Goujon, zugleich UMP-Abgeordneter im Nordteil des Stadtteils, setzte Parteiaktivisten an die Telefone, um Sarkozy-Claqueure in ausreichender Zahl zu mobilisieren. Präsidenten-Fans, die bereit waren, am Samstagmorgen den Staatschef zu beklatschen, versprach man Freikarten, erzählt ein UMP-Politiker.

Natürlich durfte dabei keinesfalls der Eindruck entstehen, das parteiamtliche Engagement käme in Konflikt mit den hoheitlichen Aufgaben des Bürgermeisters: "Holen Sie sich die Tickets also nicht im Rathaus ab", so die telefonische erteilte Anweisung seines Vorzimmers, "sondern kommen Sie direkt zur Sprechstunde von Monsieur Goujon."



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