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21. November 2010, 09:43 Uhr

Augenzeugen-Bericht

Nordkorea errichtet hochmoderne Uran-Anlage

Das Regime in Pjöngjang hat einem Bericht der "New York Times" zufolge heimlich eine Fabrik zur Urananreicherung gebaut. Ein US-Experte, der die nordkoreanische Anlage besichtigen durfte, zeigte sich "verblüfft" über deren Komplexität. Das Weiße Haus wurde von der Nachricht offenkundig überrascht.

Washington - Das nordkoreanische Atomprogramm ist einem US-Zeitungsbericht zufolge weiter fortgeschritten als bislang angenommen. Vertreter des kommunistischen Landes hätten einem US-Wissenschaftler in der vergangenen Woche eine neue weitläufige Anlage zur Urananreicherung gezeigt, berichtete die "New York Times". In der Anlage, deren genauer Ort zunächst unbekannt blieb, seien Hunderte Zentrifugen installiert gewesen.

Wissenschaftler Siegfried Hecker, der die US-Forschungseinrichtung Los Alamos National Laboratory leitete, sagte der Zeitung demnach, er sei "verblüfft" gewesen angesichts des ausgeklügelten Komplexes. Er habe "Hunderte und Hunderte" Zentrifugen und einen "ultra-modernen Kontrollraum" gesehen. Nordkoreanischen Angaben zufolge seien dort bereits rund 2000 Zentrifugen im Einsatz. Er habe das Weiße Haus bereits über die Neuigkeiten informiert, das laut "New York Times" die Bündnispartner und den US-Kongress unterrichtete.

Die "New York Times" zitierte Hecker mit den Worten, es sei ihm verboten worden, in der Anlage Fotos zu machen. Auch habe er die Angaben der Nordkoreaner nicht überprüfen können, wonach die Fabrik bereits niedrig angereichertes Uran produziere. "Es gibt Gründe, sich zu fragen, ob das wahr ist", sagte Hecker. Auch bezweifele er, dass Pjöngjang in der Lage sei, das Projekt fertigzustellen. In dem Bericht hieß es weiter, Nordkorea hätte die Anlage ohne ausländische Hilfe so schnell nicht errichten können.

Nach Ansicht von US-Regierungsmitarbeitern hat die neue Anlage zumindest bis April 2009 noch nicht existiert. Damals waren die internationalen Beobachter nach Abbruch der Verhandlungen über das nordkoreanische Atomprogramm durch Pjöngjang zum Verlassen des Landes aufgefordert worden.

In hoch angereicherter Form kann Uran für den Bau von Atombomben verwendet werden. Die USA verdächtigen die Diktatur bereits seit Jahren, nach solchen Waffen zu streben.

Das in Washington ansässige Institute for Science and International Security (ISIS) hatte erst am vergangenen Donnerstag Satellitenbilder veröffentlicht, die auf den Bau eines neuen Leichtwasserreaktors im Atomkomplex von Yongbyon hindeuten, mit dem nach Einschätzung von US-Experten die Herstellung von waffenfähigem Plutonium möglich ist. Hecker zufolge soll der Reaktor nach nordkoreanischen Plänen bis 2012 fertig sein. Die Atomanlage in Yongbyon ist das Herzstück des nordkoreanischen Atomprogramms.

US-Gesandte wird erwartet

Am Sonntag wurde der US-Gesandte Stephen Bosworth in der Region zu Gesprächen über das nordkoreanische Atomprogramm und über die Wiederaufnahme der suspendierten Sechser-Gespräche erwartet. Bosworth wollte zuerst in Seoul Station machen und dann weiter nach Tokio und Peking reisen.

Pjöngjang hatte erstmals im Oktober 2006 und dann im Mai 2009 Atomwaffen getestet. Kurz vor dem zweiten Test war Nordkorea aus den Sechser-Gesprächen mit Südkorea, China, den USA, Russland und Japan ausgestiegen.

In den vergangenen Monaten signalisierte Pjöngjang wiederholt, es sei bereit, unter bestimmten Bedingungen an den Verhandlungstisch zurückzukehren. US-Präsident Barack Obama sagte vergangene Woche in Seoul, erst müsse der Norden "die Aufrichtigkeit seines Anliegens" unter Beweis stellen.

jdl/AFP/dpa

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