Augenzeugen in Mumbai "Die Attentäter sahen aus wie kleine Jungs"

Sie schlugen an mehreren Orten gleichzeitig zu, schossen wild um sich und zündeten Sprengsätze: Bewaffnete Terroristen haben die indische Metropole Mumbai ins Chaos gestürzt. Augenzeugen berichten von rettenden Verstecken, Panik und Todesangst.


Tatort Hotel Oberoi

Der Brite Alex Chamberlain aß gerade im Hotel Oberoi zu Abend, als ein bewaffneter Mann in das Restaurant eindrang. Dem britischen Fernsehsender Sky News sagte er, der Unbekannte habe 30 bis 40 Gäste ins Treppenhaus gescheucht und ihnen befohlen, die Hände zu heben. Er habe mit seinen Komplizen Hindi oder Urdu gesprochen.

"Sie haben sich besonders über Briten und Amerikaner unterhalten", sagte Chamberlain. Einen Italiener hätten sie gefragt, woher er stamme. Als dieser antwortete, er sei aus Italien, hätten die Männer gesagt "Gut" und von ihm abgelassen. "Ich dachte: 'Okay, wenn sie mich auch fragen, erschießen sie mich bestimmt' - Gott sei Dank haben sie mich nichts gefragt", sagte er. Chamberlain berichtete, er habe entkommen können, als die anderen Gäste gezwungen worden seien, die Treppen hochzugehen. Er gehe davon aus, dass sich die anderen noch immer in der Gewalt der Geiselnehmer befinden.

Tatort Hotel Taj Mahal

Die australische Schauspielerin Brooke Satchwell berichtet aus dem Hotel Taj Mahal: Sie habe sich mit sechs anderen Gästen in den Toiletten eingeschlossen, als in der Lobby eine Schießerei ausbrach, sagte Satchwell am Donnerstag im australischen Fernsehen. "Es war schrecklich, da ist auf den Fluren auf die Leute geschossen worden, vor den Waschräumen lag eine Leiche", berichtete die 28-Jährige, die in der Serie "Neighbours" mitspielt. "Wir waren zu sechst in den Waschräumen. Die Leute schlossen sich in den Toiletten ein." Sie selbst sei in einen kleinen Schrank gekrochen, berichtete sie.

Der Brite Ashok Patel berichtet aus dem Taj Mahal ähnliche Szenen wie sein Landsmann Chamberlain aus dem Oberoi. Die Angreifer hätten gerufen "Wer hat amerikanische oder britische Pässe?", sagte Patel, der aus dem Hotel entkam.

Im Oberoi wohnte auch eine europäische Parlamentariergruppe, zu der der Brite Sajjad Karim gehört. "Ich war in der Lobby, als draußen auf einmal eine Schießerei losbrach", sagte er. Dann sei ein Mann mit einem Maschinengewehr vor ihm aufgetaucht. "Er begann, auf uns zu schießen. Ich drehte mich um und bin in die entgegengesetzte Richtung gerannt."

Ein indischer Architekt hat den Anschlag auf das Taj Mahal in Bombay aus einem nahe gelegenen Café miterlebt. "Wir haben gegen 22 Uhr das Café verlassen und eine Reihe von Schüssen gehört, es klang wie Feuerwerk", sagte der 33-jährige Perena Motwane. "Es wurde immer lauter, wie Explosionen, aber es war nicht klar, aus welcher Richtung es kam", sagte er. "Wir haben uns zunächst nichts dabei gedacht, in Mumbai ist immer was los", fügte er hinzu. Dann seien Menschen angelaufen gekommen. Ein Mann in einem blutigen T-Shirt habe um Hilfe geschrien. "Dann kam ein junges Pärchen, vermutlich ausländische Touristen. Die Frau heulte, der Mann humpelte, es sah aus, als sei er angeschossen worden", berichtete Motwane. Sie sagten, sie seien in einem Café gewesen, als ein paar Männer wild um sich geschossen hätten. Überall sei Blut gewesen.

Mindestens zwei der gefangenen Gäste riefen aus dem Taj Mahal über ihre Handys TV-Sender an. Einer sagte, die Türen der Notausgänge seien verschlossen, der andere berichtete von zwei Leichen im Swimmingpool der Hotelanlage.

Tatort Leopold Café

Die Attentäter drangen auch in das beliebte Touristenziel Leopold Café ein. Die australische Touristin Kate Anstee, 24, wurde von einer Kugel am Bein getroffen, berichtete ihr Freund David Coker, 23. Die jungen Attentäter hätten im Leopold Café das Feuer aus Schnellfeuergewehren eröffnet. "Sie sahen aus wie kleine Jungs. Das war ein Amoklauf", sagte Coker. "Wir hatten gerade bestellt, und dann hörte es sich an, als würden Feuerwerkskörper losgehen", berichtete der Student. "Die Leute schrien, dann sah ich Kate aus der Tür kriechen, weil sie nicht laufen konnte." Die beiden fuhren im Taxi ins Krankenhaus. Anstee und Coker hatten vor kurzem Examen gemacht und wollten elf Wochen durch Indien, Europa und die USA reisen. Sie waren am Mittwoch in Bombay angekommen.

Tatort Bahnhof

Auch am Bahnhof Chhatrapati Shivaji feuerten die Angreifer in die Menge. Nasim Inam beobachtete, wie vier Terroristen mit Schusswaffen etliche Pendler niedermähten. "Sie trugen schwarze T-Shirts und Jeans, sie hatten große Gewehre dabei", berichtete er. "Sie haben einfach wahllos in die Menschenmenge geschossen und sind dann weggerannt. Binnen Sekunden fielen die Getroffenen." Tote und Verletzte lagen in Blutlachen am Boden.

ffr/dpa/AP/Reuters

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.