Augenzeugen in Mumbai "Meine Töchter sind noch im Hotel"

Sie suchten Schutz, wo immer sie konnten - als Terroristen die Luxushotels in Mumbai angriffen, versteckten sich die Gäste hinter Verletzten, in Schränken, unter Tischen. Wer lebend entkam, berichtet Schreckliches.


Hamburg - Der Überfall dauert nun schon fast 24 Stunden - und noch immer hat die Polizei die Lage in Mumbai nicht unter Kontrolle. Den jüngsten Meldungen zufolge ist die Situation im Hotel Taj Mahal Palace unter Kontrolle. Im nahegelegenen Luxushotel Oberoi dagegen nicht. Noch immer halten Terroristen Geiseln in ihrer Gewalt. Wieviele und wen? Niemand weiß es.

Gespräch mit Angehörigen: Wer überlebt hat, telefoniert erstmal
AFP

Gespräch mit Angehörigen: Wer überlebt hat, telefoniert erstmal

Mehrere Besucher Mumbais, die dem Inferno entkommen konnten, haben inzwischen erzählen können, was sie in den vergangenen Stunden gesehen haben.

Unter den Gästen im Taj Mahal waren auch die deutschen Europa-Abgeordneten Erika Mann und Daniel Caspary. Sie gehörten zu einer achtköpfigen Delegation des Ausschusses für Außenhandel, die in Mumbai gastierte. Sozialdemokratin Mann war mit indischen Freunden im Hotel zum Essen verabredet gewesen, sagte sie der Nachrichtenagentur AP. Nach dem ersten Angriff sei sie stundenlang auf der Flucht gewesen. Caspary sagte, die gesamte im Taj Mahal untergebrachte EU-Delegation habe die Anschläge gut überstanden. "Wir haben Glück gehabt", sagte der CDU-Politiker. Einige seien im Kugelhagel aus dem Hotel geflüchtet. Mann erklärte, nach dem Angriff hätten sich Gäste in dem Hotel zu Gruppen zusammengefunden, "die immer wieder verfolgt wurden". Man habe sich selbst verbarrikadiert.


Der "Bild"-Zeitung sagte Mann, sie habe sich unter einen Tisch geflüchtet, als draußen Bomben explodierten. Sie habe immer wieder an anderen Stellen im Hotel Schutz gesucht. Immer wieder habe man Schüsse gehört "und man wusste, man muss jetzt hier raus, an den nächsten Ort".

Der Rest der EU-Delegation befand sich in einem Restaurant nahe des Taj Mahal, wo sie ausharrten, bis der französische Konsul sie abholen ließ.

SPIEGEL ONLINE; Google Earth

Auch eine Delegation von spanischen Politikern ist den Anschlägen knapp entgangen. Die Chefin der Regionalregierung von Madrid, Esperanza Aguirre, wurde im Hotel Oberoi von einem Kugelhagel überrascht und ging hinter der Rezeption auf dem Boden in Deckung.

Die Politikerin, eine der führenden Figuren in der konservativen Volkspartei (PP), rief nach spanischen Presseberichten vom Donnerstag ihren Begleitern zu: "Wir müssen hier raus, sonst werden wir von Kugeln durchsiebt!" Aguirre konnte mit ihren Begleitern durch die Hotelküche in ein Nachbargebäude flüchten. Andere Mitglieder der spanischen Delegation versteckten sich hinter einer Kaimauer, bis sie mit Autos in Sicherheit gebracht wurden.

Ein Hörer des Hessischen Rundfunks schilderte am Mittag seine Eindrücke aus einem in der Nähe des Taj Mahal liegenden Hotel. "Als es losging, sind Touristen und Einheimische auf die Straße gestürmt. Sie sind von maskierten Schwerbewaffneten verfolgt worden." Das sei die ganze Nacht so gegangen. "Die haben alle erschossen, die sie vor die Flinte bekommen haben."

Der australische Tourist Paul Stanley berichtete, er habe gerade an der Bar gestanden, als der Angriff losging. Der "timesonline" sagte er: "Die Angreifer haben wahllos umhergeschossen." Ein spanischer Gast des Hotel Oberoi erklärte: "Ich war im Restaurant und ich habe diese Serien von Schüssen und Toten gesehen. So etwas will ich nie wieder sehen." Er sei auf allen Vieren in die Küche gekrochen, berichtete er weiter. "Ich bin dort geblieben, bis ich gefühlt habe, dass jetzt alles ruhig ist und überstanden schien."

Alan Jones aus Süd-Wales war gerade im Hotel Oberoi mit einem Lift unterwegs hinunter in die Lobby, als es losging. "Als die Tür sich öffnete, wurde der Mann neben mir, ein Japaner, erschossen", berichtete er der britischen BBC. Er habe in rasender Eile den "Tür schließen"-Knopf gedrückt. Doch der Verletzte am Boden habe die Tür blockiert. "Ich musste erst seinen Fuß aus der Tür ziehen." Er sei dann zurück in sein Zimmer geflohen, bis Hotelangestellte ihn in einen sicheren Raum geführt hätten. Er sei dann aus dem Hotel begleitet worden, berichtete er weiter.

Aus dem Oberoi entkam auch der 84-jährige Mangho Kripalni. Der Inder, der als junger Mann nach New York ausgewandert war, ist mit seinen Töchtern und einem Enkelkind in Mumbai zu Besuch. Er sagte dem "Guardian", er sei völlig in Panik gewesen. "Ich war in meinem Zimmer, hatte mich gerade hingelegt, als ich plötzlich laute Explosionen hörte." Zunächst habe er gedacht, dass es sich um Feuerwerk handele. "Ich habe dann schnell gemerkt, dass etwas nicht stimmt und dass auch Schüsse zu hören sind." Er sei dann im Bademantel auf die Straße gelaufen. "Meine Töchter sind noch im Hotel."

Der Brite Alex Chamberlain aß gerade im Hotel Oberoi zu Abend, als ein bewaffneter Mann in das Restaurant eindrang. Dem britischen Fernsehsender Sky News sagte er, der Unbekannte habe 30 bis 40 Gäste ins Treppenhaus gescheucht und ihnen befohlen, die Hände zu heben. Er habe mit seinen Komplizen Hindi oder Urdu gesprochen.

"Sie haben sich besonders über Briten und Amerikaner unterhalten", sagte Chamberlain. Einen Italiener hätten sie gefragt, woher er stamme. Als dieser antwortete, er sei aus Italien, hätten die Männer gesagt "Gut" und von ihm abgelassen. "Ich dachte: 'Okay, wenn sie mich auch fragen, erschießen sie mich bestimmt' - Gott sei Dank haben sie mich nichts gefragt", sagte er. Chamberlain berichtete, er habe entkommen können, als die anderen Gäste gezwungen worden seien, die Treppen hochzugehen. Er gehe davon aus, dass sich die anderen noch immer in der Gewalt der Geiselnehmer befinden.

Die australische Schauspielerin Brooke Satchwell berichtet aus dem Hotel Taj Mahal: Sie habe sich mit sechs anderen Gästen in den Toiletten eingeschlossen, als in der Lobby eine Schießerei ausbrach, sagte Satchwell am Donnerstag im australischen Fernsehen. "Es war schrecklich, da ist auf den Fluren auf die Leute geschossen worden, vor den Waschräumen lag eine Leiche", berichtete die 28-Jährige, die in der Serie "Neighbours" mitspielt. "Wir waren zu sechst in den Waschräumen. Die Leute schlossen sich in den Toiletten ein." Sie selbst sei in einen kleinen Schrank gekrochen, berichtete sie.

Der Brite Ashok Patel berichtete aus dem Taj Mahal ähnliche Szenen wie sein Landsmann Chamberlain aus dem Oberoi. Die Angreifer hätten gerufen "Wer hat amerikanische oder britische Pässe?", sagte Patel, der aus dem Hotel entkam.

Eine indische Architektin hat den Anschlag auf das Taj Mahal aus einem nahe gelegenen Café miterlebt. "Wir haben gegen 22 Uhr das Café verlassen und eine Reihe von Schüssen gehört, es klang wie Feuerwerk", sagte die 33-jährige Perena Motwane. "Es wurde immer lauter, wie Explosionen, aber es war nicht klar, aus welcher Richtung es kam", sagte sie. "Wir haben uns zunächst nichts dabei gedacht, in Mumbai ist immer was los", fügte sie hinzu. Dann seien Menschen angelaufen gekommen. Ein Mann in einem blutigen T-Shirt habe um Hilfe geschrien. "Dann kam ein junges Pärchen, vermutlich ausländische Touristen. Die Frau heulte, der Mann humpelte, es sah aus, als sei er angeschossen worden", berichtete Motwane. Sie sagten, sie seien in einem Café gewesen, als ein paar Männer wild um sich geschossen hätten. Überall sei Blut gewesen.

Mindestens zwei der gefangenen Gäste riefen aus dem Taj Mahal über ihre Handys TV-Sender an. Einer sagte, die Türen der Notausgänge seien verschlossen, der andere berichtete von zwei Leichen im Swimmingpool der Hotelanlage.

ler, mit Material von dpa, AP, Reuters

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.