Augenzeugen in Tibet Chinesen riegeln Klöster ab, Razzien in Lhasa
Hamburg - Als sie loszogen, war es noch friedlich in Lhasa. Für zehn Tage verabschiedeten sich Benjamin Jacob und seine Freundin Mandy Helmis aus der Zivilisation und wanderten mit Rucksack, Schlafsack und Zelt zehn Tage durch die Ausläufer des Himalaja. Einen einzigen Menschen trafen sie, einen Tibeter mit einem Yak, der ihnen eines Morgens heißes Wasser anbot.
Als sie aus den Bergen zurückkehrten, merkten sie, je näher sie Lhasa kamen, dass sich die Welt in Tibet verändert hatte. Plötzlich gab es Straßensperren. Auf der letzten Strecke in die Hauptstadt Tibets mussten sie mehrmals den Bus wechseln, die üblichen Verkehrsverbindungen waren unterbrochen. Ein tibetischer Taxifahrer nahm sie ein Stück mit, allerdings nur bis zum Stadtrand, weiter traute er sich nicht.
In Lhasa tobte ein Aufstand - und die Niederschlagung desselben. Genaue Zahlen gibt es nach wie vor nicht, möglicherweise kamen Dutzende Menschen ums Leben, mehrere hundert sollen von den chinesischen Machthabern gefasst worden sein.
Inzwischen gibt es kaum noch unabhängige Beobachter in der Stadt - fast alle ausländischen Journalisten wurden ausgewiesen. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) kritisierte die Informationsperre, die die Chinesen über die Provinz verhängt haben: "China schadet sich selbst, wenn es ausländische Beobachter daran hindert, sich ein eigenes Bild der Lage zu machen", sagte er und forderte die komplette Aufklärung der Unruhen.
Vereinzelt sind noch Schüsse zu hören
Jacob und Helmis gehören zu den wenigen Ausländern, die sich nun noch in Lhasa aufhalten. "Heute ist die Lage ruhig, aber angespannt", berichtet Globetrotter Jacob in einem Telefongespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Stadt sei voller Militär. Ständig seien Konvois der Armee unterwegs. Alle Kreuzungen würden von Soldaten kontrolliert. Straßen, in denen aufgebrachte Demonstranten in den vergangenen Tagen Geschäfte zerstört und geplündert haben, seien abgeriegelt. Die chinesischen Behörden seien dabei, die Trümmer zu beseitigen und die Löcher in den gepflasterten Straßen zu stopfen. Und sie seien dabei, ihre Videobänder auszuwerten, um dann die Leute darauf festzunehmen.
Die Bewegungsfreiheit sei für viele Einwohner noch immer sehr eingeschränkt. Zwar herrsche nur noch nachts eine Ausgangssperre, doch die meisten der rund 30.000 tibetischen von insgesamt 300.000 Einwohnern Lhasas verzichteten darauf, ihre Häuser zu verlassen. Einige Viertel seien noch komplett abgesperrt, besonders die Klöster, so der 27-Jährige.
Obwohl das Ausmaß der Gewalt deutlich zurückgegangen ist - nur sehr selten seien Schüsse zu hören, sagt Jacob -, kommt es noch immer zu schrecklichen Szenen. Jacob berichtet von einem Holländer, den er in seinem Hotel kennengelernt hat. Dieser sei Zeuge geworden, wie knapp zehn Tibeter gefesselt auf der Straße lagen und von Sicherheitskräften bewacht darauf warteten, abtransportiert zu werden.
Neben den Militäraktionen vor Ort läuft die chinesische Propaganda auf Hochtouren. Das Staatsfernsehen berichtet laut Jacob nicht von aktuellen Ereignissen, sondern sendet immer wieder dieselben Motive (siehe Video): wie randalierende Tibeter die Stadt demolieren, wie chinesische Opfer in Kliniken versorgt werden, und wie die Armee einschreitet und die öffentliche Ordnung wiederherstellt.
Touristen haben derzeit unter den strengen Sicherheitsvorkehrungen in Lhasa am wenigsten zu leiden. Jacobs holländischem Bekannten wurde zwar von chinesischen Militärs die Kamera konfisziert, doch die wenigen ausländischen Reisenden, die es noch in Lhasa hält, können sich nahezu frei bewegen. Als Ausländer fühle er sich sicher, sagt Jacob: "Die Tibeter freuen sich über uns, weil wir über die Zustände im Land berichten können. Die Chinesen behandeln uns auch möglichst gut, weil sie um ihr Image besorgt sind."
Mönche und Studenten aus dem Straßenbild verschwunden
Nur die eigentlichen touristischen Highlights, die Klöster, sind auch für Tibet-Besucher nicht zugänglich. Es ist nahezu unmöglich, an Informationen zu kommen, was sich in den buddhistischen Klöstern abspielt. Sicher ist: Mönche und Studenten, die die gewaltsamen Proteste angeführt hatten, sind aus dem Straßenbild verschwunden.
Verschwunden ist auch der Betreiber eines Ladens für Ausrüstung. Bei ihm hatte Jacob Rucksäcke, Stöcke und weiteres Wandermaterial gegen Hinterlegung von rund hundert Euro Kaution ausgeliehen. Doch das Geschäft ist dicht. "Als wir das Ausgeliehene zurückbringen wollten, wurden wir von der Polizei weggeschickt", sagt Jacob. Entweder wurde der Besitzer verhaftet, vermutet er, oder er traut sich nicht mehr in das Viertel, in dem es auch zu schweren Krawallen gekommen war.
Jacob und Freundin Helmis warten derzeit auf die Verlängerung ihres chinesischen Visums. Die beiden waren im April 2006 mit dem Fahrrad in Deutschland gestartet und hatten über die Türkei, Iran, Pakistan, Indien, West-China am 23. Januar Lhasa erreicht. Sie hoffen, in wenigen Tagen weiterradeln zu dürfen - wenn sie vorher nicht ausgewiesen werden.