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Schlacht um Homs: Eine Stadt kämpft um ihr Überleben

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Augenzeugenbericht aus Syrien "Homs ist ein See aus Blut"

In den zerstörten Häusern liegen Leichen, die Überlebenden haben Todesangst, alle paar Minuten schlagen Granaten der Assad-Soldaten ein: Die Menschen in der syrischen Widerstandshochburg Homs sind am Ende ihrer Kräfte. Die Stadt sei noch höchstens zwei Tage zu halten, fürchtet ein Einwohner.

Häuserruinen, aus denen es nach Leichen riecht. Von Granaten aufgerissene Straßen, auf deren Asphalt das Blut der Opfer angetrocknet ist. An den Ecken immer größer werdende Müllberge. Von Menschen aber keine Spur. "Homs ist ein See aus Blut. Homs ist ein Ort der Geister", sagt Abdelhakim Rafei*.

Doch gespenstische Stille liegt nicht über Syriens drittgrößer Stadt: Das Wummern von Panzergranaten und Artillerie lassen die Fensterscheiben alle paar Minuten vibrieren. Ab und an heult nach einem Einschlag die Alarmanlage eines Autos auf. Manchmal hört man die Schreie von Verletzten.

Mit Rafei über die Zustände in seiner Heimatstadt zu reden, ist eine langwierige Angelegenheit. Rafeis lange Seufzer und zögerliche Pausen lassen das Gespräch immer wieder stocken. Die Eindrücke aus Homs sind noch frisch, der 29-Jährige hat sie noch nicht für sich in Worte gefasst.

Am Montag ist Rafei aus Homs in den Libanon geflohen, seitdem holt er Schlaf nach: In den letzten Nächten in seiner Heimatstadt war an Ruhe nicht zu denken. Denn Rafei stammt aus Chalidija, jenem Stadtteil von Homs, der am vergangenen Freitag zu traurigem Ruhm gelangte: Nur Stunden vor der wichtigen Abstimmung über die Syrien-Resolution im Uno-Sicherheitsrat kam es dort zu einem Blutbad. Bis zu 400 Menschen sollen allein an jenem Tag der gnadenlosen Offensive der syrischen Regierungstruppen zum Opfer gefallen sein.

Die einst verträumte Provinzstadt, die sich im Kampf gegen Diktator Baschar al-Assads zur Hauptstadt der Revolution gemausert hat, zahlt für ihren Widerstand einen enorm hohen Preis. Auch am Mittwoch geriet Homs wieder unter heftigen Beschuss. Bis Mittag kamen nach Angaben von Aktivisten 52 Menschen ums Leben. Im Visier der Regierungstruppen standen wie zuvor die Stadtteile Chalidija, Baba Amr und Bajada. Nach Angaben der Aufständischen rücken Panzereinheiten des Regimes in Richtung Stadtzentrum vor.

"Ganz Homs friert"

"Meine Familie besitzt in Chalidija ein sechsgeschossiges Mietshaus, auf allen Etagen wohnen Verwandte", berichtet Rafei. Mit Beginn der Offensive floh die Sippe, die Textilboutiquen betreibt, ins Erdgeschoss. Im Wohnzimmer schoben sie ein Matratzenlager zusammen. Hier verbringen die zahlreichen Rafeis - Abdelhakim hat elf Geschwister, alle sind verheiratet und haben selbst schon Kinder - seitdem ihre Tage und Nächte. Draußen schlagen die Geschosse ein, drinnen herrscht Todesangst. "Vor allem das Weinen der Kinder ist auf die Dauer unerträglich. Sie sehen die Furcht in den Gesichtern ihrer Mütter und drehen schier durch. Wir schlafen vielleicht zwei Stunden pro Nacht."

Oberhalb des dritten Stocks ist sein Elternhaus inzwischen mit Einschusslöchern übersät, berichtet Rafei. Der Beschuss sei manchmal willkürlich und sei nur dazu gedacht, Terror zu verbreiten. Manchmal würde aber auch gezielt bombardiert. "Wir glauben, dass das Regime moderne Technik hat, mit der sie libanesische Handys und Satellitentelefone aufspüren kann", sagt Rafei. Die Aufständischen nutzen nicht-syrische Handynetze, um sich einigermaßen abhörsicher zu verständigen. "Wenn die Armee ein solches Signal auffängt, feuert sie in die entsprechende Wohnung", sagt Rafei. Die ausländischen Söldner, die das Regime nach Angabe von Aktivisten bei der Niederschlagung des Aufstands einsetzt, hat Rafei nicht gesehen. "Die feuern doch aus Kilometern Entfernung auf uns. Wie sollen wir wissen, welche Nationalität sie haben."

Von etwa 150 Häusern in seiner Straße seien 25 durch Granateinschläge so zerstört, dass sie nicht mehr bewohnbar seien, sagt Rafei. Am Wochenende habe das Haus eines Nachbarn einen Volltreffer abgekriegt. "Wir haben drei Stunden gebraucht, bis wir uns zu der Familie vorgearbeitet hatten." Die Helfer, die unter schwerem Beschuss in den Trümmern gruben, fanden den Vater tot, die Mutter schwer verletzt und bewusstlos. "Sie haben drei kleine Kinder, die älteste ist sechs. Die Kinder haben drei Stunden neben ihrem toten Vater geweint und versucht, ihre Mutter zu wecken."

Im Vergleich zu vielen anderen Menschen in Homs gehe es seiner Familie noch gut, sagt Rafei. "Wir haben Geld. Wir konnten die Kampfpause während des Besuchs der Beobachter der Arabischen Liga nutzen, um Lebensmittel zu horten", sagt der Textilkaufmann. Die Verpflegung ist trotzdem spartanisch. "Wir essen dreimal am Tag. Morgens tunken wir Fladenbrot in Olivenöl und Thymian. Mittags und abends gibt es gekochten Reis ohne alles. Die meisten hier essen nur einmal am Tag." Doch genau wie ihre Nachbarn sitzen die Rafeis ab dem späten Nachmittag im Dunkeln. "Strom gibt es gerade mal eine Stunde am Tag. Butan-Gas zum Kochen ist knapp. Heizen kann keiner. Ganz Homs friert."

Angst vor Bodentruppen

Wie viele junge Erwachsene in Homs hat sich Rafei seit Beginn des Aufstands der Revolution verschrieben. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, Demonstrationen und den Beschuss durch Regierungstruppen zu filmen. Um seine Filmchen hochzuladen, schleicht sich Rafei immer wieder in den etwa 30 Kilometer entfernt gelegenen Libanon. Die nächtlichen Grenzübertritte sind so gefährlich, dass Rafei seiner Mutter kaum mehr davon erzählt, wenn wieder einer ansteht. "Sie lebt ohnehin in ständiger Sorge."

Um ihren Freiheitskampf zu gewinnen, bräuchte die Freie Syrische Armee (FSA) nur ein wenig Unterstützung aus dem Ausland, sagt Rafei. "Wir brauchen keine militärische Intervention. Aber die anderen Araber könnten unseren Kampf finanzieren. Wenn die Freie Syrische Armee gut ausgerüstet wäre, brächte sie das Regime in wenigen Tagen zu Fall."

Doch derzeit ist die FSA von einem Sieg weit entfernt. Seiner geschundenen Heimatstadt stünden noch härtere Zeiten bevor, sagt Rafei. "Homs ist am Ende, ein Katastrophengebiet. Es gibt zu viele Verletzte und nicht einen Verband mehr. Die Freie Syrische Armee hat kaum noch Munition. Wir können die Stadt vielleicht noch zwei Tage halten."

Das, was die Homser am meisten fürchten, sei der Einmarsch von Assads Bodentruppen, sagt Rafei. "Alle haben von dem Fall in einer anderen Stadt gehört, als eine Tochter vor den Augen ihres Vaters vergewaltigt wurde. Wir haben Angst, dass so etwas auch hier passiert. Dass die Soldaten an der Bevölkerung Rache nehmen."

Nach einem Seufzer schiebt Rafei diese düsteren Gedanken beiseite: Auch wenn Homs falle, werde die Revolution weitergehen. "Wenn Homs besiegt wird, werden andere Städte für uns aufstehen. Dann werden die anderen Provinzen für uns gegen das Regime kämpfen. Es wird niemals aufhören."

*Name von der Redaktion geändert

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