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08. Mai 2014, 15:28 Uhr

S.P.O.N. - Im Zweifel links

Die Kriegsgewinnler

Eine Kolumne von

Der Westen hat aufs falsche Pferd gesetzt: Viele Ukrainer sind nicht besser als Putins prorussische Banden. In dem osteuropäischen Land hat ein Bürgerkrieg begonnen. Er könnte lange dauern. Denn seine Profiteure sitzen auf allen Seiten.

Odessa. Mehr als 40 Menschen verbrennen, ersticken, zerschellen beim Sprung aus dem Fenster - "prorussische Kräfte" werden sie in westlichen Medien genannt. Draußen stehen applaudierend ihre Gegner.

Es waren Ukrainer, die immer noch Brandsätze warfen, als die Verzweifelten versuchten, ihr Leben zu retten. "Springt doch, euer Putin wird euch schon retten", sollen sie gerufen haben. Vor kurzem haben wir die Ukrainer noch kollektiv als Helden der Freiheit gefeiert. Wir haben uns vorschnell auf ihre Seite geschlagen.

In der Ukraine stehen sich verfeindete Parteien in einem Bürgerkrieg gegenüber, nicht die Anhänger von Demokratie und Despotie. Es geht um Macht und Gebiet - nicht um die Freiheit. Sind uns prowestliche Brandstifter näher als prorussische Schlägertruppen?

Gerade hat Angela Merkel den Fabrikanten Petro Poroschenko empfangen. Der Milliardär, der in Schokolade, Schiffen und Medien macht, ist der aussichtsreichste Kandidat für die Präsidentenwahl. Dass er sowohl unter Julija Tymoschenko als auch unter Wiktor Janukowytsch bereits Außen- und Wirtschaftsminister war, spricht aus Merkels Sicht vermutlich für ihn: Die Kanzlerin hat etwas übrig für pragmatische Menschen.

Der Krieg hat viele Freunde

Warum mischen wir uns in den inneren Zwist eines zerrissenen Landes ein? Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat das nicht beantwortet in dem klugen Text, den er zum Ukraine-Konflikt in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" geschrieben hat. Immerhin: Steinmeier warnt vor der Eigendynamik des Konfliktes, der seine Schuldigen und seine Opfer auf allen Seiten findet. Aber er verschweigt, dass der Westen selbst längst Partei geworden ist.

Russen, Amerikaner, Europäer haben in der Ukraine das "Great Game" wieder aufgenommen, das eine Zeitlang ruhte: den offenen Konflikt um Einflusssphären und Machtbereiche. Die Frage nach der Demokratie spielt eine untergeordnete Rolle. Und die Belange des Volkes kommen zuletzt. Das ist charakteristisch für imperialistische Politik, sei sie westlich, sei sie östlich.

Die Sehnsucht der Demonstranten vom Maidan, die ihr korruptes Regime abschütteln wollten, die Zerrissenheit der Jugend in Donezk und Luhansk, die russisch träumt und ukrainisch fühlt - das spielt schon lange keine Rolle mehr. Und wer immer sich um "Frieden" in dieser Region bemüht, wird erkennen müssen: Der Krieg hat viele Freunde.

WAR! - WHAT IS IT GOOD FOR? - ABSOLUTELY NOTHING! Krieg nützt niemandem, Edwin Starr hat das einst gesungen. Aber es war falsch. Es gibt eine Menge Leute, die von Streit und Kampf profitieren. Auch in der Ukraine ist die Schlange schon lang: Ganz vorne steht ohnehin Wladimir Putin, der Außenpolitik als Innenpolitik betreibt. Dann gleich die rechte Opposition in den USA, die es genießt, ihren Präsidenten als Schwächling vor sich herzutreiben. Dann der Generalsekretär der Nato, der sichtlich seine wiedergewonnene Bedeutung genießt, die seiner in die Jahre gekommenen Organisation zuletzt abhandengekommen war. Dann die osteuropäischen Länder, für die mehr westliche Militärpräsenz vor allem mehr Devisen bedeutet.

Im Ukraine-Konflikt liefern sich zwei streitlustige Parteien, blind für eigene Opfer, eine jede genährt und gestützt von äußeren Mächten, einen blutigen Kampf. Das Land kann für lange Zeit zum Schlachtfeld werden und Steinmeiers düstere Prophezeiung aus der "FAZ" wird wahr: "Der Irrsinn nimmt seinen Lauf".

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