Wahlkampf in Burma  "Die Angst ist weg, weil die Lady kommt"

Wo sie auftritt, reagieren die Menschen mit Ehrfurcht und Euphorie: Burmas Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi tourt unermüdlich durch ihr Land, wirbt für Freiheit und Demokratie - aber erst die Wahl am 1. April wird zeigen, ob es die Regierung ernst meint mit dem friedlichen Wandel.

Ruth Fend

Aus Rangun und Mandalay berichtet Ruth Fend


Sie kommt! Schon springen Tausende Menschen auf. Gerade erst haben die Ordner sie per Lautsprecher dazu gebracht, sich auf den staubig-steinigen Boden zu setzen. Doch es ist wieder nur ein Fehlalarm. Seit Stunden harren sie auf dem Sportplatz am Stadtrand von Mandalay aus. 100.000, vielleicht 200.000, heißt es. Ohne Toiletten, ohne Essen. Kinder und Alte, Mönche und Jugendliche, alle schwenken sie rote Fähnchen und Bilder ihrer Heldin, tanzen, stimmen Sprechchöre an. Nicht einmal der einsetzenden Regen scheint sie zu stören. "Sogar das Wetter ist mit uns", sagt einer - glühend heiß wäre es sonst in der zweitgrößten Stadt Burmas.

Fast vier Stunden braucht der Konvoi von Aung San Suu Kyi für die kurze Strecke vom Flughafen zum Sportstadium. Er steckt in den Massen fest. Ganz Mandalay scheint auf den Beinen zu sein. Die Menschen drängeln sich am Straßenrand, um sie zu sehen, zu berühren, ihr eine Blume zu reichen. Oder sie fahren auf Fahrrädern, Sammel-Pickups und Mopeds Richtung Stadium. Wer eine Hupe hat, der nutzt sie.

Dann steht sie auf einmal leibhaftig auf der Bühne: Aung San Suu Kyi, Tochter des legendären Unabhängigkeitskämpfers Aung San. "Die Lady", wie sie viele Anhänger einfach nennen. Die 15 Jahre Hausarrest scheinen an den feinen Gesichtszügen der 66-Jährigen mit der stolzen Haltung einer Prinzessin fast spurlos vorübergegangen zu sein. Wenn sie lächelt, schieben sich ihre hohen Wangenknochen noch weiter hinauf. Sie strahlt herab auf die Menschenmenge, die sich bis weit hinter den Sportplatz ausdehnt. "Seit 1988 habe ich nicht mehr vor so vielen Menschen gesprochen!", ruft sie ins Mikrofon.

"Wenn wir sie sehen, bekommen wir Gänsehaut"

Noch immer scheint die Friedensnobelpreisträgerin es kaum zu fassen, dass sie wieder öffentlich auftritt. Dass sie sogar Wahlkampf machen darf. Die Menschen, die jetzt T-Shirts mit ihrem Konterfei tragen und Fahnen von Suu Kyis Partei NLD schwenken, wären noch vor zwei Jahren für den Besitz eines Bildes von ihr im Gefängnis gelandet. Keiner hätte sich getraut, auf der Straße über Politik zu reden, überall lauern Spione. "Die Angst ist weg, weil die Lady kommt", erklärt ein Mandalayer die ungehemmt zur Schau getragene Euphorie vor ihrem Auftritt. "Wenn wir sie sehen, bekommen wir Gänsehaut."

50 Jahre lang sind es vor allem Horrorgeschichten, die aus dem isolierten Burma dringen. Von Mönchen, die bei Demonstrationen niedergeschossen werden. Von zynischen Generälen, die humanitäre Hilfe aufhalten, als der Wirbelsturm Nargis mindestens 138.000 Todesopfer fordert. Jetzt spielt sich hier ein märchenhaft friedlicher Wandel in Richtung Demokratie ab, den zunächst niemand glauben will.

Ende 2010 entlässt das Regime ohne Druck von der Straße erst Aung San Suu Kyi aus dem Hausarrest. Dann zieht General Thein Sein die Uniform aus und nennt sich Präsident einer zivilen Regierung - und nimmt im vergangenen Sommer Verhandlungen mit der einstigen Staatsfeindin auf. Am 1. April sollen 48 Parlamentssitze nachbesetzt werden - und endlich darf bei der Wahl Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi als Kandidatin antreten. Seit Anfang des Jahres reist sie quer durchs Land und mobilisiert ihre Anhänger.

In Burmas größter Stadt Rangun stehen die Türen des Hauptbüros der NLD wieder weit offen. Vom Dach flattert stolz die rote Parteiflagge mit dem Stern und dem angreifenden Pfau - Burmas Nationaltier. Früher parkten stets Polizeiautos vor dem zweistöckigen Gebäude, im Teehaus gegenüber saßen die Geheimdienstagenten und fotografierten jeden, der es betrat.

"Flackerndes Licht der Demokratie"

Heute reißen sich die Leute um Fanartikel rund um die Lady. Im Erdgeschoss arrangieren NLD-Helfer Aufkleber, Poster, T-Shirts und allerlei Devotionalien mit Aung San Suu Kyis Konterfei. In einem kleinen Büroraum im ersten Stock sitzt ein dünner alter Mann im traditionellen Longyi, einer Art Wickelrock. U Tin Oo, 83 Jahre, hat 1988 zusammen mit Aung San Suu Kyi und einem anderen Ex-General die NLD gegründet. Auch er hat schon viele Jahre im Gefängnis verbracht. Jetzt ist er der zweite Mann hinter der Lady.

Wie viele ältere Menschen in Burma spricht Tin Oo mit Akzent, aber fließend Englisch - ein Erbe der britischen Kolonialzeit. Das Volk habe noch keineswegs gewonnen, sagt Tin Oo, aber er sehe das "flackernde Licht der Demokratie". Als der neue Präsident Thein Sein im Sommer auf die NLD zukommt, passiert etwas Neues: "Dieses Mal, wundervollerweise, hatten wir Substanz in den Verhandlungen", sagt Tin Oo. Es klingt noch immer leicht erstaunt.

Die Lady hat die ausgestreckte Hand von Thein Sein ergriffen und dem Präsidenten öffentlich ihr Vertrauen ausgesprochen. Dass der ein Vertreter des alten Systems ist, hat auch für Tin Oo nichts zu bedeuten. Schließlich war Tin Oo selbst einmal Armeechef des Landes. Bis er sich in den siebziger Jahren weigerte, einen Aufstand niederzuschlagen. "Wenn Soldaten mich heute sehen, stehen sie immer noch instinktiv stramm", sagt der 83-Jährige mit einem leicht ironischen Lächeln. Auch an den heutigen Präsidenten erinnert er sich aus seinen Zeiten als Marinechef. Hauptmann war Thein Sein in seiner Abteilung, ein Junge vom Land, mit dem er manchmal Karten spielte. "Ein hart arbeitender, guter, liberaler Mann", sagt Tin Oo.

Wenn man Tin Oo zuhört, dann klingt der wundersame Stimmungswandel im Regime fast logisch. "Eines Tages musste ein echter Dialog kommen", sagt der alte Mann. "Der Wille des Volkes ist zu stark." Tatsächlich gibt die Regierung seit 2008 vor, sich mit ihrer "Roadmap to Democracy" schrittweise von der Diktatur zu verabschieden. Als im vergangenen Jahr die arabische Welt aufbegehrt und Demokratie verlangt, verfolgen Burmas Generäle genau mit, wie Nato-Bomber über Libyen fliegen. Wirtschaftlich steht Burma am Abgrund, es gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Wegen der Sanktionen im Westen findet Handel nur über Schlupflöcher sowie mit asiatischen Verbündeten wie China und Thailand statt. Die Abhängigkeit von China wird der Regierung zunehmend unangenehm.

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der_mündige_bürger 24.03.2012
1. Wenn
wenn sie gewählt werden sollte, wird es ihre vornehmste und wichtigste Aufgabe sein, ihr Land für 'Investoren' zu öffnen und 'Freihandelsabkommen' mit westlichen Staaten abzuschließen, um die in Burma vorherrschende bäuerliche Subsistenzwirtschaft durch den Import subventionierter Nahrungsmittel aus EU, USA & Co. zu ruinieren. Wenn sie nicht gewählt werden sollte, war es auf jeden Fall Wahlfälschung und wir können uns auf Szenarien wie im Iran oder in Syrien gefaßt machen. Armes Burma. Herzliche Grüße
blob123y 24.03.2012
2. Stimmt so nicht
Zitat von der_mündige_bürgerwenn sie gewählt werden sollte, wird es ihre vornehmste und wichtigste Aufgabe sein, ihr Land für 'Investoren' zu öffnen und 'Freihandelsabkommen' mit westlichen Staaten abzuschließen, um die in Burma vorherrschende bäuerliche Subsistenzwirtschaft durch den Import subventionierter Nahrungsmittel aus EU, USA & Co. zu ruinieren. Wenn sie nicht gewählt werden sollte, war es auf jeden Fall Wahlfälschung und wir können uns auf Szenarien wie im Iran oder in Syrien gefaßt machen. Armes Burma. Herzliche Grüße
der ganze Agrarhandel, Export etc. ist, ausser Reis (das ist Staatsdomaene) sowieso in der Hand von Indern und deren Firmen die das Alles beherschen und die Bauern ueber Kredite in der Hand haben. Myanmar Agrar bedient nahezu ausschliesslich den Indischen Markt, mehr: Myanmar agriculture rice beans kenaf bamboo products (http://www.allmyanmar.com/myanmarmore/myanmar-agriculture.htm) und die Fischerei wird von Thailaendern und Singaporeaner beherrscht, es ist gut wenn da etwas Wind reinkommt, eigentlich egal von wo.
Trondesson 24.03.2012
3.
Zitat von der_mündige_bürgerwenn sie gewählt werden sollte, wird es ihre vornehmste und wichtigste Aufgabe sein, ihr Land für 'Investoren' zu öffnen und 'Freihandelsabkommen' mit westlichen Staaten abzuschließen, um die in Burma vorherrschende bäuerliche Subsistenzwirtschaft durch den Import subventionierter Nahrungsmittel aus EU, USA & Co. zu ruinieren. Wenn sie nicht gewählt werden sollte, war es auf jeden Fall Wahlfälschung und wir können uns auf Szenarien wie im Iran oder in Syrien gefaßt machen. Armes Burma. Herzliche Grüße
Einfuhren aus dem Westen? Wohl kaum, das würde auch Aung San Suu Kyi den Burmesen nicht erklären können, wo sie doch alles wesentlich billiger aus China bekommen. Sie wird wohl nicht zur Wahl antreten, da wieder irgendetwas dazwischenkommen wird. Und wenn doch, und sie verliert, glaube ich nicht, daß die Burmesen solch einen Aufstand machen wie im Nahen Osten. Es fehlt schließlich eine der Muslim-Bruderschaft vergleichbare Organisation, die das ganze anzettelt, und ansonsten hat die Junta die Bevölkerung dort sehr gut im Griff. Daß Aung San Suu Kyi so viele Freiheiten wie schon lange nicht mehr genießen kann, hat wohl hauptsächlich wirtschaftliche Gründe.
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