Ausblick Musharraf sieht Risse in Taliban-Gefolgschaft

Nach Ansicht des pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf gibt es zunehmende Unstimmigkeiten in der Gefolgschaft der Taliban. Eine Revolte der Paschtunen sei durchaus möglich.


Sitzt noch fest im Sattel: Präsident Musharraf
AP

Sitzt noch fest im Sattel: Präsident Musharraf

Islamabad - In einem Gespräch mit Reuters-TV sagte der General, er sei sich einigermaßen sicher, dass sich viele Menschen im Nachbarland fragten, ob es klug sei, für Männer wie Osama Bin Laden und dessen Anhänger, die keine Afghanen seien, Leid auf sich zu nehmen. Pakistan unterhält als einziges Land noch diplomatische Beziehungen zu den Taliban, steht aber im Krieg der USA gegen die Taliban und deren Schützling Bin Laden auf der Seite der Amerikaner.

Die Möglichkeiten einer Revolte gegen die Taliban werde größer, sagte Musharraf. Dies könnte den Weg für eine politische Lösung ebnen und die Luftangriffe der USA überflüssig machen.

"Das ist kein Wunschdenken", sagte Musharraf auf die Frage nach den Aussichten auf Absetzbewegungen von den Taliban unter den Paschtunen, die die größte Volksgruppe in Afghanistan stellen und das Rückgrat der radikal-islamischen Bewegung sind. "Wer führt die Paschtunen? Nicht die Taliban. Das sage ich mit großem Vorbedacht", fügte Musharraf hinzu.

Der Präsident weiter: "Afghanistan leidet, die Menschen leiden so sehr, dass ich mir einigermaßen sicher bin, dass es viele Leute gibt, die bezweifeln, ob es klug ist, für jemanden zu leiden, der dort lebt und kein Afghane ist wie Osama Bin Laden und seine Männer. Es gibt Leute, die in dieser Richtung denken, und das sind die Leute, die möglicherweise in Wartestellung stehen, um die Seiten zu wechseln."

Er hoffe, dass das Kriegsziel vor dem Beginn des moslemischen Fastenmonats Ramadan Mitte November erreicht sei, sagte Musharraf, der auch Generalstabschef der Streitkräfte ist.

In Pakistan war mit erbittertem Widerstand der Islamisten gegen die Parteinahme für die USA gerechnet worden, auch wegen der Toten unter der Zivilbevölkerung, doch sagte Musharraf, er sei zuversichtlich, dass die Opposition unter Kontrolle gehalten werden könne. "Ich hatte mit stärkerem Widerstand gerechnet", sagte er zu den Kundgebungen mit vergleichsweise wenig Teilnehmern in einem Land mit 140 Millionen Moslems. "Es gibt nur sehr wenige Gegner." Pakistan tauscht mit den USA Geheimdienstinformationen aus, hat seinen Luftraum für amerikanische Kampfflugzeuge geöffnet und auch Eliteeinheiten der USA ins Land gelassen.

Musharraf hat in Islamabad auch mit dem Flüchtlingskommissar der Uno, Ruud Lubbers, gesprochen. Dieser habe seine Forderung wiederholt, es müssten Flüchtlingslager in Afghanistan selbst eingerichtet werden. In Pakistan leben als Folge der über zwei Jahrzehnte Bürgerkrieg und der Hungersnöte über zwei Millionen Afghanen. Die Zurückhaltung Pakistans erkläre sich teilweise auch daraus, dass das Land in den neunziger Jahren wenig Hilfe bei der Versorgung der Kriegsflüchtlinge erhalten habe. Wenn solche Hilfe garantiert werde, werde Pakistan die Grenze öffnen. Benötigt würden 100 Dollar pro Flüchtling im Jahr.



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