Auslandspresse Wie eine Schafherde hinter Kohl

Mit einer Mischung aus Entsetzen und Empörung blickt die internationale Presse in diesen Wochen nach Deutschland. Auch der jüngste Beschluss der CDU-Führung, Helmut Kohl nicht strafrechtlich zu verfolgen, stieß nur auf Kritik.


Der Standard

, Wien

"Der Druck wird von Tag zu Tag größer. Die Frage ist nur, wie lange hält die CDU das noch aus? Ein Befreiungsschlag ist unausweichlich, will die CDU nicht weiterhin Kohl ausgeliefert sein."

The Times, London:

"Kohl könnte dieses Leiden verkürzen. Dies zu verweigern, ist nicht nur niederträchtig, sondern unpatriotisch."

La Vanguardia, Barcelona:

"... ist es schon eher realistisch, die Lage der CDU mit dem Schicksal der italienischen Christdemokraten zu vergleichen. Eine Aufsplitterung der CDU in kleine Grüppchen oder ihr Untergang hätte schwerwiegende Folgen für die Stabilität nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa. Denn Deutschland ist eine der wichtigsten Säulen der Europäischen Union."

Information, Kopenhagen:

"Die CDU-Basis hat in starkem Maße für Helmut Kohl Partei ergriffen. Damit erweist sich das Fundament des bürgerlichen Deutschland selbst als eine Herde von Schafen hinter ihrem Anführer. Und sie scheinen auch noch stolz zu sein auf ihre fehlende demokratische Reife, wenn sie rufen: Halte durch, Helmut! Die gewählten Funktionsträger können sich offenbar nicht entscheiden, ob sie sich an Kohl oder an das Gesetz halten sollen."

La Repubblica, Rom:

"Kohl gewinnt wieder, er belastet weiterhin die politische Bühne in Deutschland mit seinem Gewicht, er macht der Partei nach wie vor Angst mit dem Gespenst einer Spaltung."

La Stampa, Turin:

"Es ist die politische Kraft Kohls, die Angst macht, seine Fähigkeit, noch immer große Teile der Mitglieder zu mobilisieren. Schäuble und mit ihm die CDU-Führung sehen die Gefahr einer Spaltung der Partei: eine ganz konkrete Möglichkeit für eine Partei, die am Rande des finanziellen Zusammenbruchs steht, sich in der Gunst der öffentlichen Zustimmung laut Umfragen in freiem Fall befindet und zudem immer verzweifelter wird über die nicht endenden Enthüllungen und den Schatten der internationalen Schmiergeld-Verbindungen, die bis nach Frankreich und Großbritannien reichen."

de Volkskrant, Den Haag:

"Der 'Held der deutschen Einheit' führt sich auf wie ein beleidigter Kurfürst. (...) Bedauernswert und erschreckend ist es, dass die CDU sichtlich nicht über den Mut verfügt, sich aus Kohls Griff zu befreien, der zum Würgegriff geworden ist."

La Croix, Paris:

"Dunkle Tage für Deutschland. Dunkle Tage für seine Demokratie. Dunkle Tage auch für das Bild, das ein Volk von sich hat, dem doch bereits die zweifache totalitäre Vergangenheit keine Ruhe lässt. Das Ausmaß, das die Affäre Kohl im Laufe der Wochen angenommen hat, mit den halben Geständnissen in dem bedrückenden Schweigen, grenzt an ein wahres Erdbeben."



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