Ausnahmezustand nach Machtwechsel Viele Tote bei Unruhen in Kirgisien

Kirgisien kommt nicht zur Ruhe. Zwei Monate nach dem blutigen Machtwechsel sind bei Unruhen in der Ex-Sowjetrepublik viele Menschen getötet worden - die Zahl der Toten steigt. In der Hochburg des gestürzten Präsidenten Bakijew wurde der Ausnahmezustand verhängt, Soldaten rückten an.


Bischkek - Die Übergangsregierung in Kirgisien bekommt die Lage in dem Land nicht in den Griff. Erneut ist es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen, bei denen mehrere Menschen starben. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am Freitag unter Berufung auf das Gesundheitsministerium von 37 Toten und mehr als 500 Verletzten.

Schwerpunkt der Gewalttaten sei Osch im Süden des Landes, sagte ein Regierungssprecher. Die Stadt gilt als Hochburg von Ex-Präsident Kurmanbek Bakijew. Dort und über drei Regionen in der Umgebung wurden der Ausnahmezustand sowie eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Gesundheitsministerin Jelena Bailinowa sagte, viele der Opfer hätten Schusswunden erlitten.

Fünf Menschen seien festgenommen worden, teilte das Innenministerium mit. Die Situation in Osch sei angespannt. Alle verfügbaren Kräfte würden mobilisiert, um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten, sagte ein Regierungssprecher. Seinen Angaben zufolge waren zwischen 1000 und 3000 Menschen an den Ausschreitungen beteiligt.

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Kirgisien: Unruhen im Armenhaus
"Ungeachtet des Ausnahmezustandes wird in der Stadt immer noch geschossen", sagte Regierungssprecher Asimbek Beknasarow im Radio. Die Polizisten entdecken immer mehr Leichen. Die Ausschreitungen seien ethnisch motiviert, sagte der Regierungssprecher. In mehreren Städten im Süden des Landes hätten sich Gruppen von Jugendlichen seit Donnerstag gewalttätige Auseinandersetzungen geliefert.

Übergangspräsidentin ruft zur Ruhe auf

Nach Berichten von Augenzeugen waren Unruhen zwischen Usbeken und Kirgisen Auslöser der Unruhen in Osch. Beobachter berichteten von lang anhaltendem Gewehrfeuer. Lokalen Medien zufolge zogen mit Stöcken und Steinen bewaffnete junge Männer durch die Straßen, warfen Fenster ein und setzten Autos in Brand. Demnach standen auch mehrere Gebäude in Flammen.

Die Übergangsregierung entsandte Truppen und Panzerfahrzeuge in die zweitgrößte Stadt des zentralasiatischen Landes. Anwohner sagten, auch am Freitagmorgen sei in ihrer Stadt noch geschossen worden. Der Ausnahmezustand soll bis zum 20. Juni gelten, teilte die Regierung mit.

Die Lage in Kirgisien ist seit dem Sturz von Präsident Bakijew im April gespannt. Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa rief in einer Fernsehansprache am Freitag die Bürger zur Ruhe auf. "Ich möchte besonders an die Frauen von Kirgisien appellieren", sagte sie. "Liebe Schwestern, findet die richtigen Worte für eure Söhne, Männer und Brüder. In der derzeitigen Lage ist es inakzeptabel, sich Gefühlen von Vergeltung und Wut hinzugeben."

Die aktuellen Unruhen bezeichnete sie als lokalen Konflikt, der vermutlich durch einen Streit in einem Kasino ausgelöst worden sei.

Ende Juni soll über Verfassung abgestimmt werden

Beobachter werteten den neuen Ausbruch von Gewalt als Provokation vor der geplanten Volksabstimmung Ende Juni. Bei dem Referendum soll nach dem Sturz von Bakijew über eine neue Verfassung abgestimmt werden.

Die erneute Gewalteskalation schürt Sorgen vor einer weiteren Destabilisierung der früheren Sowjetrepublik. Sowohl Russland als auch die USA haben in Kirgisien Militärstützpunkte. Der russische Präsident Dmitri Medwedew rief bei einem Treffen mit asiatischen Regierungschefs in Usbekistan zur Mäßigung auf und forderte ein rasches Ende der Gewalt. Sein chinesischer Kollege Hu Jintao pflichtete ihm bei und sicherte Kirgisien seine Unterstützung zu.

Bakijew war Anfang April gestürzt worden, dabei kamen 87 Menschen ums Leben. Der Ex-Präsident floh ins Exil nach Weißrussland, die Übergangsregierung vermutet ihn inzwischen in der Türkei.

Otunbajewa will als Chefin der bei dem blutigen Umsturz an die Macht gekommenen Übergangsregierung neue Präsidentin des Landes werden. Allerdings hat sie es bisher nicht geschafft, Ruhe in die verarmte ehemalige Sowjetrepublik zu bringen. Seit dem Umsturz gibt es immer wieder Zusammenstöße zwischen Usbeken und Kirgisen.

mmq/Reuters/AP/AFP



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moisdemai 12.06.2010
1. Genozid
Zitat von sysopKirgisien kommt nicht zur Ruhe. Zwei Monate nach dem blutigen Machtwechsel sind bei Unruhen in der Ex-Sowjetrepublik mehrere Menschen getötet worden. Hauptschauplatz war die Hochburg des gestürzten Präsidenten Bakijew. Dort wurde der Ausnahmezustand verhängt und Soldaten rückten an. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,700057,00.html
Laut emails aus Osh, die in der französischen "Le Monde" veröffentölicht wurden, handelt es sich bei den "Unruhen" in Wirklichkeit um ethnische Säuberungen und einen Genozid gegen die Usbeken, die dort leben, ihre Häuser und Geschäfte werden abgebrannt und zum Grossteil soll das Miltär gemeinsame Sache mit den Kirkisen machen und seit heute morgen seien mehr als 100 Usbeken getötet worden, 200 Verletzte in völlig überfüllten Krankenhäusern, wo es an allem fehlt. "Wenn hier nicht sofort Blauhelme kommen, dann gibt es keine Usbeken mehr im Süden von Kirkisien". http://sylvielasserre.blog.lemonde.fr/
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