Außenspiegel "Die berühmte deutsche Ordnung hat versagt"

Deutsche Behörden bekommen die Ehec-Krise nicht in den Griff, und Europas Presse hält sich mit Kritik nicht zurück. Die spanische "Diario de Sevilla" meint, die Bundesrepublik habe sich wie ein Entwicklungsland verhalten. Das niederländische "NRC Handelsblad" versucht, die Hexenjagd zu verstehen.

Ehec-Bakterium: "Deutschland hat sich wie ein Entwicklungsland verhalten"
AFP / Manfred Rohde / HZI

Ehec-Bakterium: "Deutschland hat sich wie ein Entwicklungsland verhalten"

Von Carolin Lohrenz


Wochen sind seit dem ersten Fall einer Ehec-Infektion vergangen, und in Deutschland wird über ihren Ursprung immer noch spekuliert. In Spanien, dessen Bauern zu unrecht als Bakterienherd beschuldigt wurden, reißt die Kritik nicht ab. Die Regionalzeitung "Diario de Sevilla" bescheinigt den deutschen Behörden eine Inkompetenz, wie sie es nicht erwartet hätte.

"Es ist unfassbar, wie Politiker in Bund und Ländern wissenschaftliche Erkenntnisse ignorierten. [...] Erst waren es Gurken aus Spanien, dann Sprossen, und immer noch herrscht keine Klarheit. Aber dafür leidet mittlerweile der gesamte europäische Gemüsemarkt. Deutschland hat sich wie ein Entwicklungsland verhalten: erst Panik schüren, dann im Tumult untergehen und schließlich die Schuld dem Ausland zuschieben." (Sevilla, 9. Juni 2011)

"Wie kommt es, dass das reichste Land der EU dies nicht vermeiden konnte?",

staunt auch die "Gazeta Wyborcza" in Warschau und bemerkt angesichts des Kompetenzwirrwarrs zwischen Bund und Ländern: Deutschland leide nicht nur an Ehec, sondern auch an einer "Amtsschimmel-Epidemie" (Warschau, 7. Juni 2011)

In Russland, das seine Grenzen für EU-Gemüse schloss, schreibt das linksliberale Moskauer Blatt "Nesawissimaïa Gaseta":

"In Deutschland hat die Bevölkerung Angst vor einer noch größeren Ausweitung der tödlichen Krankheit. Die Menschen wissen nicht, was sie noch ohne Furcht essen können. [...] Die so berühmte deutsche Ordnung hat klar versagt. Schon seit Wochen gelingt es weder den Behörden noch den wissenschaftlichen Instituten Licht ins Dunkel zu bringen. Dutzende Bundesministerien und -behörden haben sich in Expertisen und Diskussionen verzettelt. Medizinische Institute, Verbraucherverbände und die Opposition fordern ein bundesweites Krisenzentrum." (Moskau, 9. Juni 2011)

Ähnliches ist auch in dem Kommentar "Das Ehec-Fiasko" der niederländischen Zeitung "Volkskrant" zu lesen:

"Sollte die Ursache der Ehec-Seuche gefunden werden, steht den Deutschen noch viel Arbeit ins Haus. Es ist unausweichlich, dass die fragmentierte Regelung des Gesundheitswesens zentralisiert werden muss. Die Verwirrung hat Menschenleben gekostet und Millionenschäden angerichtet. Und hat dem Ansehen von Deutschland als modernes Land einen unnötigen Knacks gegeben." (Amsterdam, 7. Juni 2011)

In Spanien, wo Deutschland nicht nur mit falschen Schuldzuweisungen aneckte, sondern zuvor schon mit Vorwürfen über zu frühe Renten und zu lange Ferien für Schlagzeilen sorgte, überlegt "El Pais" wie Madrid aus der Rolle des Gemaßregelten ausbrechen könnte.

"Kein Zweifel, wer derzeit die Vaterrolle unter den rebellischen Mittelmeerkindern in Europas Familie einnimmt. Spanien ist nicht das schlimmste, aber ihm ist in letzter Zeit kräftig von Deutschland der Kopf gewaschen worden. Mit Deutschland verbindet uns ein jahrhundertealter Minderwertigkeitskomplex, der jeden Versuch einer Rebellion erschwert." (Madrid, 7. Juni 2011)

Und ein Schlagabtausch unter Medien helfe da nicht weiter, meint der Kollege der in Madrid erscheinenden Zeitung "ABC":

"Die sogenannte Gurken-Krise hat eine patriotische Furore ohnegleichen ausgelöst. Nicht ein Journalist, der die Deutschen nicht angeklagt hätte. Wäre ich Teutone, würde ich mir Sorgen machen, denn hier zeigt sich, in welchem Ausmaß die Euro-Krise die Natur der Europäischen Union verändert, und auch ihre Wahrnehmung durch die Bürger. [...] Ein tauber Groll wächst zwischen der Peripherie und dem Zentrum, verkörpert durch Kanzlerin Merkel, der die Karikatur der Erzieherin gut steht." (Madrid, 9. Juni 2011)

In Rotterdam konstatiert das "NRC Handelsblad", Deutschland habe sich in letzter Zeit auf einen ungewohnt unwissenschaftlichen Pfad begeben. Wie sei es möglich, dass das Land der Dichter und Denker sich nach dem Ehec-Ausbruch auf eine mittelalterliche Hexenjagd begebe?

"Mit den Wölfen über die Gefahren in der Nahrungskette zu heulen ist eine extrem gefährliche und kurzsichtige Strategie. [...] Ein risikofreie Lebensmittelkette gibt es nicht, selbst wenn alle Deutschen oder Europäer eine drastische Entscheidung treffen, und nur noch Lebensmittel aus der Region konsumieren und auf alle tierischen Produkte verzichten. Die Komplexität unserer Nahrungskette ist das unvermeidliche Nebenprodukt einer Gesellschaft, in der über 97 Prozent der Menschen von der Sorge um die Herstellung unseres täglichen Brotes befreit sind. Deutschland wäre sehr damit gedient, wenn alle Parteien, und allen voran die Grünen, die Ereignisse nutzten für eine breite öffentliche Debatte auf der Grundlage von Experiment und Beobachtung über die Zukunft der Lebensmittelkette in Deutschland, Europa und der Welt. Wer weiß, vielleicht werden die Grünen sich dann in den Worten eines anderen Dichters und Philosophen wiedererkennen - Goethe: Auch das Unnatürlichste ist die Natur." (Rotterdam, 8. Juni 2011)



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sever 10.06.2011
1. ...
Wo gibts die denn noch- die deutsche Ordnung?!?
c++ 10.06.2011
2. .versagt oder erfolglos
Man kann sicher davon sprechen, dass die Behörden ziemlich erfolglos agiert haben, aber haben sie deshalb versagt? Das sollte man nicht gleich setzen. Versagen müsste schon genauer beschrieben werden. Es ist auch nicht die erste Lebensmittelkrise, ich denke da z.B. an BSE. Was hätte man machen können, um die EHEC Krise zu verhindern?
rkinfo 10.06.2011
3. Eine Land ohne neue Bahnhöfe, E10 und Strom ...
Zitat von sysopDeutsche Behörden bekommen die Ehec-Krise nicht in den Griff, und Europas Presse hält sich mit Kritik nicht zurück. Die spanische "Diario de Sevilla" meint, die Bundesrepublik habe sich wie ein Entwicklungsland verhalten.*Das niederländische "NRC Handelsblad" versucht, die Hexenjagd zu verstehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,767958,00.html
Wobei die Gurken-Krise weitgehend der föderalen freiheitlich chaotischen Nachkriegsgrundordnung entsprang. Was will man von einem Land auch erwarten dass nicht mal einen S21-Bahnhof fristgerecht erbauen kann ? Unsere wirtschaftliche Hülle überdeckt das totale Chaos des Föderalismus und Inkompetenz jenseits der Technik.
sverris 10.06.2011
4. qwer
Da haben bloß ein paar allesbesserwissende Journalisten das alte Chliché von der "deutschen Ordnung" wohl allzu wörtlich genommen. Gab ja auch schöne Schlagzeilen.
tech.felix 10.06.2011
5. vollstes Verständnis für deutsche Regierung
Was hätte denn die Bundesregierung tun sollen, als die ersten Keime/Gurken auftraten? Sagen: "Ja manche Gurken sind verseucht, aber esst nur schön weiter" ? Da wär aber schnell ein Fegefeuer durchs Land gezogen. Und wenns französische, belgische oder bayrische Gurken gewesen wären, hätten sie genauso reagieren müssen.
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