Außenspiegel "Die Retter brauchen gar nicht so scheinheilig tun"

Jetzt braucht auch Portugal ein EU-Rettungspaket - und Europas Presse beginnt an der deutschen Zahlungsmoral zu zweifeln: "Les Echos" hält die deutsche Wirtschaftsstärke für bedenklich und die "Times" meint, die Deutschen seien bereits "rettungsmüde".

Reuters

Von Carolin Lohrenz


Portugal unten, Deutschland ganz oben? Treten die Ungleichgewichte in der Euro-Zone zu Tage, richtet sich der Blick der Kommentatoren unwiderruflich gen Berlin. In Spanien mag man die guten Wirtschaftsdaten aus Deutschland gar nicht glauben: "Die Deutschen arbeiten weniger, aber alle Wirtschaftsdaten lassen den Rest der industrialisierten Welt vor Neid erblassen", schreibt der Kommentator von El Pais. Zur Erklärung trägt der Korrespondent aus Madrid Folgendes bei:

"Ein Neuankömmling in Deutschland wird von der Starrheit der Öffnungszeiten in Handel und Ämtern überrascht sein. Ist um acht Uhr Ladenschluss, so wird ab halb sieben zusammengepackt. Ladenschluss wird strikt befolgt. Ein weiteres interessantes Detail ist die Art, wie die Deutschen sich auf die ihnen zugeteilte Aufgabe begrenzen. Es kann sehr frustrierend sein, einen Deutschen um eine Auskunft zu bitten, die seine Kompetenzen überschreitet. Möglich, dass all diese Details die Effizienz der deutschen Angestellten erklärt und dass die alte protestantische Ethik etwas damit zu tun hat." (Madrid, 13. April 2011)

Mit bloßer Schufterei lassen sich für Les Echos aber keine Wirtschaftserfolge erklären. Deutschland profitiere von einer europäischen Geldpolitik, die für seine Wirtschaft schon fast zu kulant sei.

"Daher werden sich die guten Nachrichten nur so stapeln. Sein Wachstum wird besser sein als angekündigt. Sein Haushalt wird sich mit geradezu unverschämter Leichtigkeit ausgleichen. Zahlreiche Experten werden wieder das deutsche Wunder beschreien. In der Euro-Zone gibt es aber keinen Länderfinanzausgleich. Wo die einen zuviel leiden zuviel, haben die anderen zu viele Vorteile. Damit schaffen sie eine Blase, die am Ende platzen wird. Hier liegt Deutschlands nächste Aufgabe." (Paris, 15. April 2011)

Vor der Blase stehen noch ganz andere Notfälle zur Debatte. Zum Beispiel die finanzielle Unterstützung Portugals, vielleicht sogar Spaniens durch die EU, und damit beschäftigt sich The Times aus London.

"Ob Spanien in den Sog gerät oder Griechenlands Ausfall droht, das ist der Stoff, aus dem die Alpträume der deutschen Banker sind. Der deutschen Regierung bleibt wenig politischer Raum zum Atmen. Der durchschnittliche Deutsche ist von hohen Wachstumsraten und steigenden Beschäftigungszahlen eingelullt. Aber die Kanzlerin weiß, dass es nicht viel braucht, um die Stimmung in der Öffentlichkeit zu kippen. Wenn Deutschland wie der Zahler hoher Summen (und nicht nur verbürgter Kredite) für Griechenland dasteht, wenn die portugiesische Regierung stürzt und Spanien wackelt, dann werden sich weite Teile der Deutschen von Europa abwenden. Rettungsmüdigkeit hat in Europas reichstem Land Wurzeln geschlagen." (London, 9. April 2011)

Damit wären die Deutschen in den Augen anderer Londoner Kollegen allerdings schlecht beraten. Wer wissen wolle, wie der Hase in Euro-Land laufe, der folge der Spur des Geldes, empfiehlt The Economist:

"Einige Beobachter werfen ein, dass in Wahrheit die deutschen Banken gerettet werden. [Denn] ihnen wird von Geldhäusern in den drei Bail-out-Ländern doppelt so viel geschuldet wie von den Regierungen. Schließt man Unternehmensanleihen und andere Auslagen mit ein, dann wird Deutschlands Verwundbarkeit überdeutlich: es geht um 230 Milliarden Euro. Die Zahlen würden bei einem Ausfall Spaniens noch weiter hochfahren. Verglichen mit den potentiellen Kosten eines Komplettausfalls erscheinen die Summen, die Deutschland in die Rettungspakete stecken wird, wie eine hervorragende Anlage. Die Retter brauchen da gar nicht scheinheilig zu tun." (London, 14. April 2011)

Nicht Scheinheiligkeit, Unberechenbarkeit ist derzeit das zentrale Problem mit dem deutschen Partner, diagnostiziert De Volkskrant. In seiner wortreichen Analyse stellt der Historiker Dirk-Jan van Baar die These auf, die Gründlichkeit habe die Kanzlerin in der letzten Zeit zu manchem Alleingang veranlasst. Ob Fukushima, Libyen oder auch die Euro-Krise, die Kanzlerin habe so viel Rat eingeholt, dass sie am Ende ganz unmerkelisch handelte, nämlich aus dem Bauch.

Für die nächste Zukunft "ist noch nicht klar, ob Merkel auf die Meinung ihrer Experten vertrauen wird (viele deutsche Ökonomen, die einst den Euro priesen, weisen nun auf seine Gefahren hin), oder ob sie auf Politiker wie Schäuble hören wird, die meinen, Deutschland solle an seinem europäischen Anker festhalten, koste was es wolle. Merkels 'Gründlichkeit' hat sich vorübergehend gegen sie gewandt. Zu viele widersprüchliche Kräfte gleichzeitig haben die sonst so geordnete Naturwissenschaftlerin vom Weg abgebracht. Deutschland wird schnell zu seinen westlichen Partnern zurückkehren. Aber in ihrem Gefolge, nicht als ihr Spitzenreiter, so wie es sich für eine Provinzmacht, die sich als ökologisch, solide und zuverlässig versteht, gehört." (Amsterdam, 14. April 2011)



insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
exminer 15.04.2011
1. Rettung=Einladung zum Schlachtfest
Diese Rettungsschirmaktion ist selbstmöderisch. Lädt sie doch dazu ein gegen jedes schwache Land einen Angriff zu starten.Ein Dominoeffekt ist nicht auszuschließen! Aber wenn man auf die Geburtstaggäste hört, die nur ihre Felle im Auge haben,kommt so eine Fehlhandlung heraus. Schon die Verletzung des Maastrichtvertrages ist eine nicht wiedergutzumachende Sünde.Und ich wiederhole: "Politik ist eine Unterhaltungveranstaltung der Wirtschaft" Frank Zappa.
niepmann 15.04.2011
2. Crap!
Das Recht auf freie Meinungsäusserung gilt auch für Ausländer. Darüber hinaus gilt, dass jeder vor seiner eigenen Tür mit dem Fegen beginnen sollte. Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Bigsby, 15.04.2011
3. Als Euro-Retter zu schwach
Deutschland ist definitiv nicht in der Lage,ganz Europa finanziell zu "retten". Auch neidisch/hämisch geprägte Zeitungsartikel aus altbekannten ,nicht eben als deutschfreundlich bekannten Ländern, helfen da wenig. Jetzt rächt sich die voreilige Entscheidung,wirtschaftlich auch noch so schwache Länder, in den Euro-Pakt einzubinden. Die Wirtschaft profitiert und die Zeche zahlt der doofe(deutsche) Steuerzahler.
Kampfbuckler, 15.04.2011
4. Portugal braucht keine Hilfe,
Portugal braucht keine Hilfe, sondern Soforthilfe noch in diesem Monat, für mindestens 7 Mrd Euro zur termingerechten Rückzahlung. Problem 1: Es gibt keine Instanz in Portugal derzeit mit politischem Mandat, keine Regierung , kein Parlament Problem 2: Es ist Wahlkampf, jede Partei, die vor der Wahl den von der EU und dem IWF geforderten Sparprogramm zustimmt, verliert die Wahl Problem 3: Der Staatspräsident, vergleichbar unserem Grüßaugust Wulff, ohne politisches Mandat, spezialisiert auf nationale Gedenktage, verlangt daher einen sofortigen Überbrückungskredit, um das Handeln der zukünftigen Regierung nicht einzuengen. Problem 4: Keine EU-Regelung erlaubt einen Überbrückungskredit( Vielleicht schafft der Juncker da nen Supertrick an den Verträgen vorbei) Problem 5: Ein Überbrückungskredit könnte nur bilateral gewährt werden. Da haben aber bereits die Briten, die Finnen und die Schweden unangenehm deutlich erklärt: von uns nicht. Na ja ,vielleicht zahlen wieder die Deutschen, denn von Esten ,Slowaken und Slowenen ist ja kein Geld abzuzapfen .
GerwinZwo 15.04.2011
5. Sprichwort
Da fällt mir nur das alte Sprichwort ein: "Undank ist der Welten Lohn". Wenn der Euro crasht steht jedenfalls der Schuldige für Viele offensichtlich schon fest.....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.