Außenspiegel "Ein Symbol für Mut und ethische Strenge"

Aus dem Ausland kommt fast nur Lob: Europas Presse feiert die Nominierung Joachim Gaucks. "Der Wille des Volkes hat gesiegt", schreibt "La Repubblica" in Rom. Aber seine "Direktheit" könnte zur Gefahr für die deutsche Politik werden, merkt "De Volkskrant" aus Amsterdam an.

Joachim Gauck: Seine Wahl zeugt von der "funktionierenden deutschen Demokratie"
dapd

Joachim Gauck: Seine Wahl zeugt von der "funktionierenden deutschen Demokratie"

Von Carolin Lohrenz


Würde der deutsche Präsident direkt vom Volk gewählt, so säße er schon seit Juni 2010 im Schloss Bellevue, weiß Europas Presse. Dass Joachim Gauck nun trotz aller Hürden doch ins Schloss Bellevue einzieht, gilt so manchem Kommentator als Beweis für eine funktionierende deutsche Demokratie.

"Niemand ist unantastbar, nicht einmal der Staatschef." - Wenigstens in Deutschland, schreibt in Prag die korruptionsgeplagte "Mladá Fronta DNES" , die sich Ähnliches auch im "tschechischen Kessel" wünscht.

"Die präsidialen Laufbahnen der beiden Männer, die die Chefin der Christdemokraten durchgesetzt hatte, endeten in einem Fiasko. Mit Erinnerung an moralische Instanzen wie Richard von Weizsäcker oder Roman Herzog ist klar, dass das Prestige des höchsten Amtes in den letzten Jahren in Deutschland sehr gelitten hat. [Wulffs Abtritt] ist hauptsächlich der investigativen Presse zu verdanken, die keine Angst vor Einschüchterungsversuchen durch die Politik hat. Er ist auch der Beweis dafür, dass deutsche Behörden ermitteln, ob es den Mächtigen nun gefällt oder nicht." ("Mladá Fronta DNES", Prag, 18. Februar)

Ähnliches Echo kommt aus Italien. "La Repubblica" schreibt mit einiger Zufriedenheit:

"Es ist geschafft, der Wille des souveränen Volkes hat gesiegt". "Wulff einmal gestürzt, konnte Merkel es sich nicht erlauben, sich noch einmal in ihrer Wahl für das höchste Staatsamt zu täuschen. [...] Die deutsche Demokratie hat hier in beispielhafter Weise auf die durch Wulffs gierige Ungezwungenheit hervorgerufene Ethik-Krise reagiert. [...] Gauck will ein für die nationale Einheit symbolischer Präsident sein. Er wird auch ein Symbol sein für Mut und ethische Strenge, in einem für Europa harten und schweren Moment." ("La Repubblica", Rom, 19. Februar)

Das lässt auch "El País" in Spanien hoffen.

"Jetzt, wo Deutschland weniger 'europäisch' wird, bräuchte es wirklich eine moralische Instanz an der Spitze des Staates, die überzeugen von dem Weg sprechen kann, den es jetzt zu gehen gilt." ("El País", Madrid, 18. Februar)

In der Schweiz ist der "Tages-Anzeiger" optimistisch:

"Joachim Gauck wirkt so wie die Antithese zu Wulff, dem Politprofi und Karrieristen, dem Schnäppchenjäger, der sich von reichen Freunden einladen ließ, sich günstig ein Haus und schicke Autos besorgte - aber sonst kaum etwas zu bieten hatte. Mit Gauck gibt es eine reale Chance, dass das durch die Ereignisse der letzten Wochen so abgehalfterte Amt des Bundespräsidenten in Deutschland neuen Glanz bekommt, neue Tiefe und Bedeutung." ("Tages-Anzeiger", Zürich, 20. Februar)

Das könnte aber auch unbequem werden: Ein Widerwort kommt aus den Niederlanden. Trotz seiner "immensen Beliebtheit" habe Gauck mindestens einen Fehler, wendet "De Volkskrant" aus Amsterdam ein:

"Die einzige "Gefahr", die Gauck für die deutsche Politik darstellen könnte ist seine Direktheit. Gauck ist dafür bekannt, die Dinge beim Namen zu nennen und dabei kein Blatt vor den Mund zu nehmen, ohne Rücksicht auf die Folgen. Als Präsidentschaftskandidat vor allem der deutschen Linken steht er zum Beispiel der Occupy-Bewegung sehr skeptisch gegenüber. Während man auf der Linken in ihr eine neue Weltrevolution sah, sah Gauck einen Club mit einer romantischen Weltvision." ("De Volkskrant" , Amsterdam, 20. Februar)

Die Londoner "Times" geht näher auf die Position der Bundeskanzlerin ein:

"Mit der Wahl Gaucks muss Frau Merkel ein ordentliches Stück Kreide schlucken .Aber indem sie dem ehemaligen ostdeutschen Anti-Kommunisten-Kreuzritter so schnell ihre Unterstützung aussprach, bekam die Kanzlerin ein wenig von ihrer Trittsicherheit zurück. Denn sie vermied einen weiteren unschönen Kampf, der sie weit von ihrem Hauptaugenmerk, der Euro-Rettung abgelenkt hätte." ("The Times" , London, 20. Februar)

Für die "Presse" aus Wien hat Merkel dagegen nur den Minimaldienst geleistet.

"Das Risiko bestand ausschließlich darin, dass Frau Merkel durch die abermalige Ablehnung Gaucks die Bereitschaft dokumentiert hätte, einen Fehler zwei Mal zu machen. Das hat sie nicht getan. Viel mehr sollte man gegenwärtig von Politikern auch nicht erwarten." ("Die Presse", Wien, 20. Februar)

Der Pariser "Figaro" schließlich zollt der Merkelschen Fähigkeit, immer wieder auf die Füße zu fallen, all seinen Respekt. Die Männer der Kanzlerin, von Köhler über Guttenberg bis Wulff, fielen einer nach dem anderen...

"Und nie hat ihre Beliebtheit darunter gelitten. Ihre Methode liegt in einem Wort: Schlichtheit. Das ist ihre Waffe. Ihr Präsident ist angeklagt, Geschenke von reichen Freunden angenommen zu haben, Ermäßigungen akzeptiert zu haben, sich in den Urlaub eingeladen lassen zu haben. Am Abend des Interviews von Wulff im deutschen Fernsehen lässt sie sich im Supermarkt sehen, wo sie selbst ihre Einkäufe macht. Merkel, die für französischen Käse schwärmt, steht an der Kühltheke im Berliner Lafayette und schleppt ihre Vorräte in einem gemeinen Plastiksack nach Hause... Entwaffnend!" ("Le Figaro", Paris, 20. Februar)

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bertaii 20.02.2012
1. Der „Präsident der Herzen“
Zitat von sysopdapdAus dem Ausland kommt fast nur Lob: Europas Presse feiert die Nominierung Joachim Gaucks. "Der Wille des Volkes hat gesiegt", schreibt "La Repubblica" in Rom. Aber seine "Direktheit" könnte zur Gefahr für die deutsche Politik werden, merkt "De Volkskrant" aus Amsterdam an. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,816485,00.html
wird jetzt, wenn er sein Amt ausüben wird, dafür Sorge tragen, dass es 1. Keine Kinderarmut mehr in Deutschland gibt, 2. die Schere wischen Arm und Reich nicht weiter auseinanderklafft, 3. die Obdachlosen in Deutschland ein menschliches Dasein führen können, 4. endlich die Renten angepasst werden, 5. endlich die gleiche Entlohnung für gleiche Leistungen und Arbeit erfolgt, 6. das Recht auf Wohnraum in die Verfassung aufgenommen wird, 7. das Recht auf Arbeit Bestandteil des Grundgesetzes wird, 8. kein deutscher Soldat mehr in den Krieg ziehen muß und traumatisiert in die Heimat zurückkommt, 9. keine Waffen mehr in undemokratische Länder wie Saudi Arabien geliefert werden dürfen, 10. der Waffenhandel generell verboten wird, 11. der Austritt Deutschlands aus der NATO erfolgt, damit Deutschland nicht länger mitschuldig wird am Tod von unschuldigen Zivilisten und Kinder in besetzten Ländern, 12. die Beträge für Hartz IV Empfänger aufgestockt werden, 13. kein einziger Schiffbauer mehr absäuft, 14. menschliche soziale Verhältnisse und zwischenmenschliche Beziehungen das tägliche Zusammenleben bestimmen, 15. Hass und Zwietracht der Vergangenheit angehören, 16. das es in kirchlichen und staatlichen Einrichtungen nicht mehr zu sexuellen Verfehlungen kommt. Es kommt viel Arbeit zu, auf den „Präsidenten der Herzen“. Viel Erfolg!
easyrider68 20.02.2012
2. Wünsch dir was
Zitat von bertaiiwird jetzt, wenn er sein Amt ausüben wird, dafür Sorge tragen, dass es 1. Keine Kinderarmut mehr in Deutschland gibt, 2. die Schere wischen Arm und Reich nicht weiter auseinanderklafft, 3. die Obdachlosen in Deutschland ein menschliches Dasein führen können, 4. endlich die Renten angepasst werden, 5. endlich die gleiche Entlohnung für gleiche Leistungen und Arbeit erfolgt, 6. das Recht auf Wohnraum in die Verfassung aufgenommen wird, 7. das Recht auf Arbeit Bestandteil des Grundgesetzes wird, 8. kein deutscher Soldat mehr in den Krieg ziehen muß und traumatisiert in die Heimat zurückkommt, 9. keine Waffen mehr in undemokratische Länder wie Saudi Arabien geliefert werden dürfen, 10. der Waffenhandel generell verboten wird, 11. der Austritt Deutschlands aus der NATO erfolgt, damit Deutschland nicht länger mitschuldig wird am Tod von unschuldigen Zivilisten und Kinder in besetzten Ländern, 12. die Beträge für Hartz IV Empfänger aufgestockt werden, 13. kein einziger Schiffbauer mehr absäuft, 14. menschliche soziale Verhältnisse und zwischenmenschliche Beziehungen das tägliche Zusammenleben bestimmen, 15. Hass und Zwietracht der Vergangenheit angehören, 16. das es in kirchlichen und staatlichen Einrichtungen nicht mehr zu sexuellen Verfehlungen kommt. Es kommt viel Arbeit zu, auf den „Präsidenten der Herzen“. Viel Erfolg!
Schön, schön - aber offensichtlich ist Ihnen entweder nicht klar, welche Aufgaben resp. Kompetenzen ein Bundespräsident hat oder es sollte halt nur eine satirische Einleitung zum Forum sein.
hjm 20.02.2012
3.
Also, ich würde mir das nicht antun. Ich gehe mal davon aus, dass Herr Gauck so oder so inzwischen finanziell unabhängig ist. Ich käme mir einfach blöd vor, wenn ich erst nicht gewählt werde, weil statt meiner ein „Parteifunktionär“ gewünscht wird, und zwar gegen die öffentliche Meinung und gegen exakt die Vorbehalte, die sich nun zu 150% auch noch bestätigt haben. Erinnere ich mich richtig, oder wurden die, die Herrn Gauck damals aufstellten, nicht auch noch lächerlich gemacht ob der Versuche, ihn auch beim dritten (oder war's sogar der vierte) Wahlgang wieder antreten zu lassen? Und nun werde ich auf einmal von eben denen als „Konsenskandidat“ hervorgezaubert, weil man gemerkt hat, dass man sich vergaloppiert hat?
irgendwer_bln 21.02.2012
4. Puppe, nicht Puppenspieler
Zitat von sysopdapdAus dem Ausland kommt fast nur Lob: Europas Presse feiert die Nominierung Joachim Gaucks. "Der Wille des Volkes hat gesiegt", schreibt "La Repubblica" in Rom. Aber seine "Direktheit" könnte zur Gefahr für die deutsche Politik werden, merkt "De Volkskrant" aus Amsterdam an. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,816485,00.html
Hr. Gauck tut mir ein bisschen leid. Bei der Vorstellung als Konsenzkandidant wirkte er so unbeholfen, wie ein Kind am ersten Schultag. Die an ihn nun gestellten Erwartungen überschreiten bei weitem seinen Handlungsspielraum als Bundespräsidenten. Und sobald er versucht, einiges umzusetzen, was an Mißständen zu bekämpfen ist, wird man ihn absägen - wie man es bei den Vorgängern getan hat. Er wirkt auf mich eher wie eine Puppe, als wie ein Puppenspieler. Aber vllt. ist das nur die gelbe Aura...
bloub 21.02.2012
5. guter witz
Zitat von bertaiiwird jetzt, wenn er sein Amt ausüben wird, dafür Sorge tragen, dass es 1. Keine Kinderarmut mehr in Deutschland gibt, 2. die Schere wischen Arm und Reich nicht weiter auseinanderklafft, 3. die Obdachlosen in Deutschland ein menschliches Dasein führen können, 4. endlich die Renten angepasst werden, 5. endlich die gleiche Entlohnung für gleiche Leistungen und Arbeit erfolgt, 6. das Recht auf Wohnraum in die Verfassung aufgenommen wird, 7. das Recht auf Arbeit Bestandteil des Grundgesetzes wird, 8. kein deutscher Soldat mehr in den Krieg ziehen muß und traumatisiert in die Heimat zurückkommt, 9. keine Waffen mehr in undemokratische Länder wie Saudi Arabien geliefert werden dürfen, 10. der Waffenhandel generell verboten wird, 11. der Austritt Deutschlands aus der NATO erfolgt, damit Deutschland nicht länger mitschuldig wird am Tod von unschuldigen Zivilisten und Kinder in besetzten Ländern, 12. die Beträge für Hartz IV Empfänger aufgestockt werden, 13. kein einziger Schiffbauer mehr absäuft, 14. menschliche soziale Verhältnisse und zwischenmenschliche Beziehungen das tägliche Zusammenleben bestimmen, 15. Hass und Zwietracht der Vergangenheit angehören, 16. das es in kirchlichen und staatlichen Einrichtungen nicht mehr zu sexuellen Verfehlungen kommt. Es kommt viel Arbeit zu, auf den „Präsidenten der Herzen“. Viel Erfolg!
man kann jetzt schon aufgrund seiner bisherigen aussagen sagen, das gauck bei keinen einzigen punkt irgendeinen änderungsbedarf sieht. aber wahrscheinlich habe ich nur die ironie übersehen ;).
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