Australien Wahl-Krimi im Tropenparadies

Das Rennen zwischen Australiens Labor-Führerin Gillard und Liberalen-Chef Abbott gerät zur Hängepartie - doch im Tropenparadies Broome lockt selbst das spannendste Duell niemanden von der Strandmatte. Die Bürger sehen es hier pragmatisch: Wer seine Chance vermasselt, wird wieder abgewählt.

Annett Meiritz

Aus Broome berichtet


Die Beute des Tages ist erlegt. Vier Mittsechziger beugen sich über einen massiven Tisch mit Metallplatte, sie zerteilen Berge von Red Snapper, Makrelen, Barramundi. Es ist acht Uhr in der Früh, die Männer kommen vom Fischen. Gary, Duncan, Bill und Chris verbringen ihren Angelurlaub an Australiens tropischer Nordküste. Seit 20 Jahren.

Tschack!, macht es, Garys Fischmesser zerteilt ein saftiges Filetstück auf der Tischplatte.

"Das", sagt Gary und wirft den Fisch in einen Plastikeimer "das sollen sie heute mit der Gillard machen."

Oha. Rohe Worte. Dabei ist Julia Gillard, Australiens erste Premierministerin, doch erst seit fünf Wochen im Amt. Die rothaarige Juristin ist unverheiratet, kinderlos, steht an der Spitze der australischen Labor-Partei - und wird an diesem Samstag vermutlich im Amt bestätigt. Viel zu verkraften für Gary und seine Freunde.

"Wir haben hart gearbeitet (Tschack!), unser Leben lang, mit der ganzen Familie, für unsere Kinder und Enkel", fährt er fort. "Was bitte (Tschack!) versteht diese Frau davon?"

Versteht Liberalen-Führer Tony Abbott denn etwas davon, Gillards Herausforderer?

Abbott habe immerhin "die richtigen Ansichten", meint Gary und fügt hinzu: "Der Junge kann es schaffen."

Kopf-an-Kopf-Rennen - vielleicht noch 10 Tage

Ob er es geschafft hat, das bleibt allerdings vorerst offen. Vielleicht sogar noch zehn Tage lang - denn erst dann werden auch alle Briefwahlstimmen ausgezählt sein. Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Auch nachdem ein Großteil der Stimmen ausgezählt ist, erreicht weder Labor noch die konservative Koalition aus Liberalen und Nationalen eine Mehrheit der 150 Parlamentssitze.

Sollte es dabei bleiben, wäre für die Regierungsbildung die Unterstützung der Grünen oder unabhängiger Abgeordneter erforderlich. Eine ähnliche Konstellation gab es in Australien zuletzt vor 70 Jahren.

Regierungs- und Labor-Chefin Gillard kündigte an, sie werde bis zur Entscheidung im letzten Wahlkreis die Regierungsgeschäfte weiterführen. "Offensichtlich ist es zu knapp, um entschieden zu sein", sagte sie. "Es gibt viele Sitze mit unklarem Ergebnis, wo die Auszählung einige Tage beanspruchen wird, bis man das Ergebnis hat."

Gillard schien unaufhaltsam - bis jetzt

Ein äußerst knapper Ausgang zeichnet sich also ab - dabei galt Gillard anfänglich als Selbstläufer. Die selbstsichere, rhetorisch gewandte Parteichefin, die ihren Vorgänger Kevin Rudd in einer spektakulären Parteirevolte stürzte, wurde als willkommene Ablöse zum glücklosen, von miesen Umfragewerten gebeutelte Rudd gefeiert - und als neues Gesicht einer modernen Frauenbewegung gehandelt.

Doch Abbotts national-liberales Bündnis holte in den vergangenen Wochen deutlich auf, hoffte auf einen Überraschungssieg - und kommt Labor bei der Abstimmung unter 14 Millionen Wahlberechtigten nun anscheinend gefährlich nah.

"Gillard hat den Sieg in der Tasche", meint die Australierin Louella Rintoul, 59, kurz vor den ersten Hochrechnungen. Die elegante, in weiß gekleidete Pensionärin hat missmutig die Konversation der Angelfreunde belauscht. "Rednecks!", schimpft sie - Hinterwäldler. Louella wählt Gillard, weil diese Investitionen in Bildung und Gesundheit verspricht, und weil ihr die Idee einer Minensteuer, die Besteuerung auf boomende Rohstofffirmen, sinnvoll erscheint: "Wir sollten diesen Goldschatz nutzen, um unser Sozialsystem zu verbessern".

Kreuzchen machen, dann zum Schnorchelkurs

Aus Melbourne ist sie angereist, dem südaustralischen Winter entflohen. Hier, im tropischen Broome, ist Hochsaison, Zehntausende Touristen strömen jedes Jahr ins Palmenparadies am Indischen Ozean. Wie die meisten Urlauber hat sie bereits per Brief gewählt - denn wer das "vergisst", muss zahlen. Schnorchelkurse, Surfboard-Wettbewerbe, Barbecues: Der Wahltag ändert nicht viel an der traumblauen Strandidylle.

Selbst Louella, die jeden Tag die Nachrichten über das ABC-Radioprogramm verfolgt, bleibt tiefenentspannt. Sie ist auf dem Weg zum Meer, mittags gibt es Aqua-Aerobic, abends Kamelreiten im Sonnenuntergang. "Meine Kinder erzählen mir dann am Telefon, wie es ausgegangen ist", sagt sie. Das politische Duell Australiens lockt zumindest hier kaum einen von der Strandmatte - der Blick in die Sonntagszeitung ist früh genug, um den Namen des künftigen Premiers zu kennen, heißt es von den meisten.

Auf der einen Seite steht die 48-jährige Gillard - ehrgeizig, unkonventionell, gewerkschaftsnah. Die Umstände ihrer Machtübernahme verprellten allerdings viele treue Labor-Wähler: Sie sind verärgert, dass der von ihnen gewählte Ministerpräsident aus dem Amt geputscht wurde.

Liberalen-Chef Tony Abbott spricht als strikt religiöser, verheirateter Familienvater konservative Wähler an - von einigen, oft verspotteten öffentlichen Auftritten in knapper Badehose einmal abgesehen. Aus seiner Homophobie oder radikalen Anti-Abtreibungs-Haltung macht er keinen Hehl, unbedachte Formulierungen ("Klimawandel ist Blödsinn") haben ihm den Namen "der verrückte Mönch" eingebracht. In modernen, emanzipierten Schichten des Landes hat dieser Konservatismus keine Chance.

Getränkt von Populismus

Regierung und Opposition unterschieden sich im Wahlkampf allerdings nur unwesentlich - was sich jetzt offenbar in dem knappen Wahlergebnis widerspiegelt. Zündende Ideen, konkreten Lösungen für drängende Probleme wie horrende Immobilienpreise, Wasserknappheit, einem Gesundheitssystem am Rande des Kollaps präsentierten weder Abbott noch Gillard.

Beim Wahlvolk hinterließ das vor allem eines: Gleichgültigkeit. "Zum Glück lief der Wahlkampf nur einen Monat", meinen James und Milena Sanson aus Victoria vor dem Wahllokal in Broome, "länger hätten wir uns das nicht antun können." Bezeichnend für die Popularität der Wahl: Die einzige Fernsehdebatte der Kandidaten Ende Juli wurde kurzfristig um eine Stunde vorgezogen - um nicht zeitgleich zum Finale einer beliebten Kochshow zu laufen.

Ansonsten ging es im australischen Wahlkampf auch nicht konstruierter zu als in anderen Staaten: Kinderschwenken im Einkaufszentrum (Gillard), Besuch auf dem Blumenmarkt mit Familie (Abbott), posieren auf dem Cover eines Frauenmagazins (Gillard), Truckfahren in der Goldmine (Abbott), Besuch eines Footballspiels (Gillard, Abbott) - alles war dabei.

"Australien ist reich"

Um Stimmen zu mobilisieren, konzentrierte sich der politische Schlagabtausch auf ein Dauerthema in vielen australischen Wohnzimmern: Die Angst vor Asylsuchenden aus Afghanistan und Sri Lanka, "Boat People", die mit dem Schiff an Australiens Küste zu gelangen versuchen. Viele schaffen es nicht. Abbott machte mit dem Slogan "Stoppt die Boote" unmissverständlich klar, wohin die Reise gehen soll - nämlich zurück. Sein Plan: Ein berüchtigtes Auffanglager auf der Insel Nauru wiederzueröffnen. Gillard formuliert es mit dem Schlagwort einer "nachhaltigeren Bevölkerungspolitik" zwar blumiger, meint aber das gleiche wie ihr Gegner. Sie will im Fall eines Siegs Flüchtlinge in ein Lager nach Osttimor überführen .

Grünen-Wähler Ben, 26, hat gerade auf einer der schattigen Veranden im Broomer Wahllokal seine Stimme abgegeben. Er ärgert sich über die Furcht vieler Australier vor einem Zustrom illegaler Flüchtlinge: "Australien ist reich, Australien geht es gut. Es ist Zeit, zu teilen", sagt er.

Das Wahllokal hat mit dem Grau deutscher Grundschulen nicht viel gemein - Wahlplakate sind an Palmen getackert, Urlauber machen ihr Kreuzchen in Flipflops, Sonnenbrille und mit dem Badetuch über der Schulter. Es ist schwer, in einem riesigen Land wie Australien, das sich über drei Zeitzonen erstreckt, den Wähler für die Wirren der Politik zu interessieren: Canberra ist weit weg, überall.

Noch schwerer ist es im Tropenparadies. "Ich weiß noch nicht, wen ich wähle", sagen Julie und Eric. Sie schieben einen Kinderwagen vor sich her. Entschieden wird spontan, aus dem Bauch heraus. Spielt es denn gar keine Rolle, wer an diesem Samstag gewinnt? "Ist die Glühbirne kaputt, wechsle ich sie eben aus", ist Erics Kommentar.

Soll heißen: Die nächste Wahl kommt bestimmt.



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