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21. September 2012, 07:25 Uhr

SPIEGEL-Buch "Flucht aus Lager 14"

"Du kleines Aas, du hast Mais gestohlen?"

Hungersnot, brutale Lehrer, unmenschliche Regeln - Shin Dong-hyuk wuchs in einem nordkoreanischen Straflager auf. Im SPIEGEL-Buch "Flucht aus Lager 14" schildert der Journalist Blaine Harden das Schicksal des jungen Mannes. Ein Auszug.

Eines Tages nahm der Lehrer bei den Schülern ohne Ankündigung eine Leibesvisitation vor und durchsuchte bei Shin und jedem der übrigen vierzig Sechsjährigen in der Klasse sämtliche Taschen.

Nachdem die Prozedur beendet war, hielt der Lehrer fünf Maiskörner in der Hand. Sie gehörten alle einem Mädchen, das klein, schmächtig und, wie Shin sich erinnert, besonders hübsch war. Den Namen des Mädchens hat er vergessen, doch alles andere, was an jenem Schultag im Juni 1989 geschah, ist ihm deutlich im Gedächtnis geblieben.

Der Lehrer war bereits schlechter Laune, als er mit dem Durchsuchen der Taschen begann. Als er die Maiskörner entdeckte, wurde er fuchsteufelswild.

"Du kleines Aas, du hast Mais gestohlen? Du willst wohl, dass man dir die Hände abhackt?"

Er befahl dem Mädchen, nach vorn zu kommen und sich vor der Klasse niederzuknien. Er nahm seinen langen Zeigestock aus Holz, holte weit aus und schlug immer wieder auf den Kopf des Mädchens. Während Shin und seine Klassenkameraden schweigend zusahen, bildeten sich auf dem Kopf des Mädchens kleine Schwellungen. Aus seiner Nase floss Blut. Es stürzte auf den harten Betonboden nieder. Shin und andere Schüler hoben das Mädchen auf und trugen es zu seiner Unterkunft auf der Schweinefarm unweit der Schule. Noch am selben Abend starb das Mädchen. In den Regeln von Lager 14 heißt es: "Jeder, der Lebensmittel stiehlt oder versteckt, wird auf der Stelle erschossen."

Der Lehrer trug eine Pistole

Shin hatte die Erfahrung gemacht, dass die Lehrer diese Regel normalerweise nicht so streng nahmen. Wenn sie Lebensmittel in der Tasche eines Schülers fanden, bestraften sie ihn mit ein paar leichten Schlägen mit einem Stock, doch in den meisten Fällen unternahmen sie gar nichts. In der Regel ließen es Shin und die anderen Schüler einfach darauf ankommen. Wie Shin es damals sah, hatte das Mädchen einfach Pech gehabt.

Die Wärter und die Lehrer hatten Shin immer und immer wieder eingebläut, dass er die Prügel, die er bekam, auch verdient hatte - wegen des treulosen Bluts, das er von seinen Eltern geerbt hatte. Mit diesem Mädchen verhielt es sich nicht anders. Für Shin stand außer Frage, dass seine Strafe verdient und gerecht war, und er wurde später zu keiner Zeit wütend auf den Lehrer, weil er das kleine Mädchen getötet hatte. Shin war überzeugt, dass seine Klassenkameraden ebenso dachten.

Am nächsten Tag wurde in der Schule über den Vorfall nicht gesprochen. Nichts änderte sich im Klassenzimmer. Soweit Shin es mitbekam, erhielt der Lehrer wegen seines Vorgehens auch keine Strafe.

In den fünf Jahren auf der Grundschule hatte Shin immer diesen selben Lehrer, der damals in den Dreißigern war, eine Uniform trug und in einem Holster an seiner Hüfte eine Pistole. In den Pausen zwischen den Unterrichtsstunden erlaubte er den Schülern, "Stein, Papier, Schere" zu spielen. An Samstagen ließ er gelegentlich eine oder zwei Unterrichtsstunden ausfallen und gab den Schülern die Gelegenheit, sich gegenseitig ihre Läuse abzusammeln. Shin hat den Namen des Lehrers nie erfahren.

In der Grundschule wurde Shin beigebracht, gerade zu stehen, sich vor den Lehrern zu verbeugen und ihnen nie in die Augen zu sehen. Beim Eintritt in die Schule erhielt er eine schwarze Uniform: Hose, Hemd, ein Unterhemd und ein Paar Schuhe. Nur alle zwei Jahre wurden sie ausgewechselt, obwohl sie bereits nach einem oder zwei Monaten verschlissen waren.

"Ihr müsst die Sünden eurer Mütter und Väter abwaschen"

Manchmal wurde an fleißige Schüler als Extrabelohnung für schwere Arbeit Seife ausgegeben. Shin zeigte keinen besonderen Ehrgeiz und bekam nur selten ein Stück Seife. Seine Hosen waren steif wie Pappe von Schmutz und Schweiß. Wenn er mit den Fingernägeln an seiner Haut kratzte, fiel der Dreck ab. Wenn es zu kalt war, um im Fluss zu baden oder bei Regen nackt ins Freie zu gehen, um den Schmutz loszuwerden, rochen Shin, seine Mutter und seine Klassenkameraden wie das Vieh. Bei fast allen wurden im Winter die Knie schwarz vom Schmutz. Shins Mutter nähte für ihn Unterwäsche und Socken aus Lumpen. Nach ihrem Tod trug er überhaupt keine Unterwäsche mehr und suchte überall nach Fetzen, die er als Fußlappen in seinen Schuhen benutzte.

Die Schule, eine Gruppe von Gebäuden, die auf Satellitenfotos leicht zu erkennen ist, lag etwa sieben Minuten zu Fuß von Shins Haus entfernt. Dort waren die Fenster nicht aus Vinyl, sondern aus Glas, der einzige Luxus, den es dort gab. Ebenso wie im Haus seiner Mutter waren Wände und Fußboden von Shins Klassenzimmer aus Beton. Der Lehrer stand auf einem Podium vor einer einzigen Tafel. Jungen und Mädchen saßen voneinander getrennt auf beiden Seiten eines Mittelgangs. Porträts von Kim Il Sung und Kim Jong Il - in Nordkorea an der Wand eines jeden Klassenzimmers - suchte man hier vergebens.

Dafür unterrichtete die Schule Grundkenntnisse in Schreiben und Rechnen, paukte den Kindern die Lagerordnung ein und erinnerte sie fortwährend an ihre schändliche Herkunft. Grundschüler hatten an sechs Tagen in der Woche Unterricht. Die Schüler auf der weiterführenden Schule wurden sieben Tage in der Woche unterrichtet, wobei sie einen Tag im Monat frei hatten.

"Ihr müsst die Sünden eurer Mütter und Väter abwaschen, also müsst ihr euch auch besonders anstrengen", sagte ihnen der Direktor bei Schulversammlungen.

Shins Bleistift war ein verkohltes Stück Holz

Der Schultag begann pünktlich um acht Uhr mit einer Zusammenkunft, die Chong-Hwa genannt wurde, "vollkommene Harmonie". Tatsächlich diente sie dazu, dem Lehrer eine Möglichkeit zu geben, Schüler wegen der Dinge zu kritisieren, die sie tags zuvor falsch gemacht hatten. Zweimal täglich wurde ihre Anwesenheit überprüft. Gleichgültig, wie krank ein Schüler sein mochte, Abwesenheit wurde nicht geduldet. Shin half bisweilen mit, wenn Klassenkameraden einen kranken Schüler zur Schule trugen. Er selbst war jedoch nur selten krank, abgesehen von gelegentlichen Erkältungen. Nur einmal wurde er gegen Pocken geimpft.

Shin lernte das koreanische Alphabet lesen und schreiben. Die Übungen machte er auf grobem Papier, das im Lager aus Maishülsen angefertigt wurde. Jedes Vierteljahr bekam er ein Heft mit 25 Blättern. Als Bleistift benutzte er häufig ein angespitztes verkohltes Stück Holz. Von einem Radiergummi hatte er nie gehört. Leseübungen gab es nicht, da nur der Lehrer ein Buch besaß. Bei den Schreibübungen mussten die Schüler notieren, warum es ihnen nicht möglich gewesen war, hart zu arbeiten und sich an die Vorschriften zu halten.

Shin lernte das Addieren und Subtrahieren, aber nicht das Multiplizieren und Dividieren. Wenn er heute Zahlen miteinander multiplizieren muss, addiert er noch immer eine ganze Zahlenkolonne.

Das Fach Körperertüchtigung beschränkte sich darauf, die Schüler im Schulhof herumlaufen und an Eisengittern klettern zu lassen. Manchmal gingen die Schüler hinunter zum Fluss und sammelten dort Schnecken für den Lehrer. Ballspiele gab es nicht, und Shin sah einen Fußball zum ersten Mal mit 23 Jahren, nachdem er nach China geflohen war.

Auszug aus: "Flucht aus Lager 14. Die Geschichte des Shin Dong-hyuk, der im nordkoreanischen Gulag geboren wurde und entkam" von Blaine Harden. Deutsche Verlags-Anstalt, 2012, 19,99 Euro

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