Autonome in Europa Internationale der Steinewerfer

Erst tagelange Straßenschlachten in Athen - dann randalierten in mehreren europäischen Städten Linksradikale "aus Solidarität". Die griechischen Autonomen gelten als militante Speerspitze einer internationalen Szene, die vor allem eines eint: Lust an Gewalt.
Von Florian Gathmann, Jan Grundmann und Philipp Wittrock

Berlin - Es dauerte keine 24 Stunden bis zu den ersten Solidaritätsbekundungen auf deutschem Boden: Einige Dutzend überwiegend schwarz gekleidete Demonstranten versammelten sich vor dem autonomen Zentrum Rote Flora im Hamburger Schanzenviertel. "Griechenland - das war Mord! Widerstand an jedem Ort!", skandierte die kleine Gruppe. Als Sicherheitskräfte die Spontandemo nach wenigen Metern stoppten, schallten den Beamten zweisprachige "Polizia - Assassini!"-Rufe entgegen.

Randalierer in Athen: Speerspitze der militanten Szene

Randalierer in Athen: Speerspitze der militanten Szene

Foto: Getty Images

Ähnliche Szenen am selben Abend in Berlin: Auch in Kreuzberg gingen Menschen auf die Straße, 150 vielleicht, um sich mit den demonstrierenden Autonomen in Griechenland zu solidarisieren, die in Athen und anderen griechischen Städten ihrer Wut freien Lauf ließen. Am Abend zuvor war im linken Szeneviertel Exarchia der 15-jährige Alexandros Grigoropoulos getötet worden, durch eine Polizeikugel. Der Beamte spricht von Warnschüssen und Querschlägern. Es war Mord, sagen die Autonomen - nicht nur in Griechenland.

Inzwischen wird im linken Internet-Portal Indymedia über mehr als ein Dutzend Soli-Veranstaltungen in Deutschland seit dem Tod des Jungen berichtet. Sie blieben weitgehend friedlich. Anders in der Nacht auf den Donnerstag in Barcelona, Madrid oder Rom: In Barcelona klirrten die Scheiben von Banken, als Hunderte Protestler bei einer nicht angemeldeten Demo durch die Stadt zogen. In Madrid griffen Randalierer ein Polizeirevier an, in Rom bewarfen Autonome Soldaten vor der griechischen Botschaft mit Steinen. In der dänischen Hauptstadt Kopenhagen lösten Sicherheitskräfte eine nicht genehmigte Kundgebung auf.

Die "Internationale der Steinewerfer", wie sie ein deutscher Verfassungsschützer einst bezeichnete, funktioniert - zum Teil zumindest, denn insgesamt hält sich die Mobilisierung doch in Grenzen. Dennoch treibt der Tod des jungen Alexandros Kampfgenossen im Geiste europaweit auf die Straße. "Getroffen hat es einen, gemeint sind wir alle!", ist auf deutschen Transparenten zu lesen. Großer Absprachen bedarf es nicht, um der autonomen Empörung Ausdruck zu verleihen.

Autonome Bewegung ist nicht homogen

Tatsächlich ist die Szene international nur lose vernetzt. Das Internet macht es zwar einfacher, Netzwerke zu knüpfen. Wirkliche Organisation aber widerspricht dem Selbstverständnis der Autonomen. "Die Bewegung der Autonomen ist nicht homogen", heißt es im Verfassungsschutzbericht über die rund 5800 deutschen Autonomen, es gebe "mehr oder weniger gefestigte und eigenständige Gruppierungen" ohne einheitliches ideologisches Konzept.

Stattdessen kämpft jeder seinen eigenen Kampf gegen den Staat, gegen das politische Establishment, gegen Rechtsextremisten. Alles unter dem Dach weniger, diffuser Ideologie-Fragmente, die gern die Vorsilbe "Anti" tragen. "Antiamerikanismus, Antiimperialismus und Antikapitalismus sind die globalen Leitideen der Autonomen", sagt der Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer von der Uni Bielefeld. "Sie sind ihr einigendes Band."

Ein noch stärkeres Band als der theoretische Minimalkonsens ist aber das praktische Mittel, mit dem sich die Bewegung Aufmerksamkeit verschafft: Gewalt gehört in der Szene zum guten Ton, um sich gegen das "System", die "Herrschenden" zu wehren. Militanz sei ein "identitätsstiftender, prägender Bestandteil der Bewegungserfahrung" und "notwendiger Bestandteil linksradikaler Politik", bekannten deutsche Autonome vor Jahren einmal in einem Buch. Geändert hat sich daran nichts, und das Prinzip ist weltweit gültig.

Die griechischen Autonomen dürfen in diesem Zusammenhang getrost als rabiate Speerspitze der Bewegung betrachtet werden. Zwar blieb es in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag zum ersten Mal seit Tagen wieder verhältnismäßig ruhig. Zuvor jedoch schien es, als würde sich in der andauernden Gewaltorgie nicht nur die Wut einer frustrierten Generation entladen, sondern als hätten die Anarchos von der Akropolis auch einen Ruf zu verteidigen.

Wenn die Militanten aus Athen oder Thessaloniki zu den wenigen internationalen Feiertagen der linksextremen Szene auf Reisen gehen, sind die Sicherheitsbehörden stets alarmiert. So wie sich zur Fußball-WM Schläger aus aller Welt zum Kräftemessen treffen, pilgern die Polit-Hooligans zum jährlichen Weltwirtschaftsgipfel zur Schlacht mit dem Sicherheitsapparat des Gastgeberlandes.

Beim Treffen der großen Industrienationen 2001 in Genua versuchte die italienische Polizei, die griechischen Krawallmacher schon am Hafen abzufangen - mit mäßigem Erfolg. Und auch deutsche Sicherheitsbehörden fürchteten im Vorfeld des Gipfels von Heiligendamm im vergangenen Jahr die Chaoten aus Südosteuropa. Die deutschen Autonomen, um die es seit der Hochzeit der Mai-Krawalle Ende der achtziger Jahre immer ruhiger geworden war, dagegen freuten sich auf Action: "Geil, die Griechen kommen!", zitierte die "tageszeitung" einen aufgeregten Autonomen.

Als es dann am Rande der Großdemo in Rostock tatsächlich kräftig knallte, wollten Einsatzkräfte die Gewalttouristen in vorderster Front erkannt haben, neben Griechen auch Spanier, Italiener, Skandinavier, alle ebenfalls als wenig zimperlich bekannt. Bis zu 15 Meter traute sich die ausländische Autonomenarmada mit Pflastersteinen in der Hand an die behelmten deutschen Polizisten heran, berichtete ein Berliner Linksextremist dem "Tagesspiegel" voller Anerkennung.

Dass die autonome Szene in Griechenland wie auch in Italien oder Spanien so stark ausgeprägt ist, begründet der Politikwissenschaftler Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin unter anderem mit einer tiefen Rechts-Links-Spaltung der Gesellschaft und einer fehlenden politischen Mitte. Dazu komme, insbesondere in Griechenland und Spanien, die noch relativ frische Erfahrung der Diktatur, sagt Protestforscher Rucht.

Die griechischen Autonomen aus dem Exarchia-Viertel, wo Scharmützel mit der Polizei an der Tagesordnung sind, sehen sich in der Tradition der Widerstandsbewegung gegen die Obristenjunta. Jeden 17. November feiern die Anarchisten den Jahrestag der 1973 blutig niedergeschlagenen Studentenrevolte an der Polytechnischen Universität. Regelmäßig kommt es zu Ausschreitungen. Der Campus ist auch in diesen Tagen Rückzugsgebiet der Krawallmacher.

In Exarchia war Alexandros' Tod der Funke, der die Gewalt explodieren ließ. Der Brandbeschleuniger ist das tiefe Misstrauen gegen die Regierung, zusätzlich befeuert durch Vetternwirtschaft und Korruption, ein marodes Bildungswesen, hohe Arbeitslosigkeit: Selbst wer mit gutem Abschluss von Uni oder Schule kommt, hat wenig Aussichten auf einen gut bezahlten Job. Und statt ihnen eine Perspektive zu bieten, so die Logik derer, die nun das Athener Zentrum in Brand steckten, greift die Staatsmacht zur Waffe, wenn ein Jugendlicher aufmuckt.

Dass es in Deutschland einmal zu einer ähnlichen Eruption wie nun in Griechenland kommt, hält der Berliner Protestforscher Rucht zwar nicht für unmöglich, "aber doch sehr unwahrscheinlich". Allerdings: Auch deutsche Sicherheitskräfte wurden jüngst auf Demonstrationen von Gewaltausbrüchen überrascht, die zeigen, dass eine Situation jederzeit außer Kontrolle geraten kann - nicht nur wenn ausländische Autonome auf Krawalltour gehen.

Im Mai stießen in Hamburg Links- und Rechtsextremisten derart heftig zusammen, dass es laut Polizei beinahe Tote gegeben hätte. Ein Jahr zuvor hatte ein isolierter Polizist am Rande einer Demo gegen das euro-asiatische Außenministertreffen schon seine Dienstwaffe aus dem Holster gezogen, weil mehrere Randalierer ihn bedrängten, Steine, Flaschen und Farbbeutel auf ihn warfen. Im letzten Moment verzichtete der Mann auf einen Warnschuss und rettete sich in sein Fahrzeug.

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