Ayaan Hirsi Ali Van Goghs Freundin will sich dem Terror nicht beugen

Anfang November trafen den niederländischen Filmemacher Theo van Gogh die tödlichen Schüsse radikaler Muslime. Doch das eigentliche Ziel der Islamisten ist die Abgeordnete Ayaan Hirsi Ali. Die kompromisslose Reformerin lässt sich nicht einschüchtern und will ihre Kritik am Islam nicht zügeln.

Von Erich Wiedemann


Parlamentarierin Hirsi Ali: Hassobjekt Nummer eins der Islamisten
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Parlamentarierin Hirsi Ali: Hassobjekt Nummer eins der Islamisten

Hamburg - "Schön, dass Sie wieder da sind", säuselte Parlamentspräsident Frans Weisglas artig, als Ayaan Hirsi Ali am Haupteingang des Parlaments in Den Haag ihrem gepanzerten Mercedes entstieg. Ali lächelte verbindlich. Sie werde es sich nicht nehmen lassen, stets da zu sein, wo nach dem Willen des niederländischen Volkes ihr Platz sei. "Die niederländische Politik ist robust und stabil." Ebenso robust wie sie selbst, wollte sie offenbar sagen. Sie sprach es aber nicht aus.

Hirsi Alis dunkelblauer Samtstuhl mit dem Oranier-Krönchen im Haager Plenum war zwei Monate lang verwaist. Nach dem bestialischen Mord an dem Amsterdamer Filmemacher Theo van Gogh am 2. November hatte sich die hübsche junge Parlamentariern, Abgeordnete der rechtsliberalen "Volkspartij voor Vrijheid en Democratie" (VVD) in der Zweiten Kammer, zunächst in Holland versteckt. Am 10. November wurde sie mit einem Militärflugzeug in die USA geflogen. Am Tag ihrer Abreise beschlagnahmte die Polizei in Den Haag bei zwei Mitgliedern einer so genannten islamischen Hauptstadtgruppe Dokumente, aus denen hervorging, dass für den Silvestertag ein Mordanschlag auf sie geplant war.

Das Ergebnis der Ermittlungen gegen den mutmaßlichen van Gogh-Mörder Mohamed Bouyeri haben die Fahnder in der Vermutung bestärkt, dass nicht der Regisseur, sondern Hirsi Ali das Hassobjekt Nummer eins der islamischen Radikalen war. Sie hatte sich als Autorin der Fernsehdokumentation "Submission" (Unterwerfung) verhasst gemacht, in der nackte und mit Koranversen bemalte Musliminnen auftreten. Ihr Freund Theo van Gogh setzte die Provokation nur filmisch in Szene. Dass es ihn traf und nicht sie, lag im Wesentlichen daran, dass Hirsi Ali sich rund um die Uhr von Leibwächtern beschützen ließ, Theo van Gogh dagegen alle Sicherheitsvorkehrungen souverän missachtete.

"Es passiert jeden Tag - die Schläge, der Inzest"

Der vier Seiten lange Brief, den der Mörder seinem Opfer in die Brust spießte, war an Hirsi Ali gerichtet. "Geachte mevrouw", hieß es darin, "Sie verrichten als Soldatin des Bösen die Arbeit der Feinde des Islam." Sie habe einen Bumerang geschleudert, der sie bald selbst treffen werde. Bei der Strafe, die sie erwarte, sei sie gut beraten, sich den Tod zu wünschen. Van Gogh wurde in dem Brief gar nicht erwähnt.

Hirsi Ali bestreitet nicht, dass sie Spaß am Polemisieren hat. Sie könnte ihre Kritik an den radikalen Islamisten in den Niederlanden natürlich auch andante vortragen. Aber sie liebt es furios. Sie meint, die Sache, für die sie kämpfe, vertrage keine falschen Verbindlichkeiten.

Hirsi Ali weiß immerhin, wovon sie redet. Als kleines Mädchen wurde sie in der somalischen Hauptstadt Mogadischu beschnitten. Mit achtzehn erlitt sie bei der Züchtigung durch einen Korangelehrten in Saudi Arabien einen Schädelbruch.

1992 wurde Hirsi Ali von ihrem Vater in Abwesenheit mit einem Vetter in Kanada verheiratet, den sie noch nie gesehen hatte. Damals war sie gerade in Berlin. Sie rief den Vater an und teilte ihm mit, dass aus der Heirat nichts würde. Statt des Flugzeugs nach Kanada nahm sie den Zug nach Amsterdam. Sie beantragte dort Asyl, trat aus der Gemeinschaft der Muslime aus und schlug sich dann ein paar Jahre lang als Putzfrau und Sozialarbeiterin durch.

Bei ihrer Arbeit in den Frauenhäusern lernte Hirsi Ali das Elend der arabischen Frauen in den Niederlanden kennen. Vor allem die Folgen des sexuellen Missbrauchs in den Familien. Sie sagt: "Es passiert jeden Tag - der Inzest, die Schläge, die Abtreibungen." 60 Prozent der abtreibenden Frauen in Holland sind Musliminnen.

Wenn schon Opposition, dann kräftig

Hirsi Ali machte Karriere, wurde ins Parlament gewählt. Dass sich die Botschafter von Saudi Arabien nicht entblödeten, ihre Abberufung aus dem Parlament zu verlangen, trug ihr noch mal ein paar Pluspunkte extra ein. 2003 kam sie bei der Wahl des beliebtesten Niederländers auf Patz zwei.

Die politische Elite bewertet Hirsi Ali weniger enthusiastisch. Sie sagt, die Multikulti-Idee sei eine naive Illusion. Nicht allein der radikale Islam, nein die islamische Religion an sich sei "lebensgefährlich". Da ist kein Platz mehr für den politischen Kompromiss, der die Seele der holländischen Konsensdemokratie ist.

Das islamische Establishment läuft seit Jahren Amok gegen die rabiate Reformerin. "Se is krankzinnig in de Kop", wütete Hassan al-Barrakat, Geschäftsführer eines "Bundes islamtreuer Somalis". Mit ihr werde man sich nicht auseinandersetzen.

Wird sie sich wenigstens etwas bremsen? Wird sie aufhören, den Propheten Mohammed einen perversen Tyrannen und den Islam eine rückständige Kultur zu nennen? Der VVD-Vorstand drängt auf Mäßigung. Er ist nicht mehr sicher, ob Hirsi Alis Parolen noch im Einklang mit der liberalen Sache stehen. Parteivorsitzender Jozias van Aartsen mahnt, "Toleranz nicht durch Islamophobie zu ersetzen".

Hirsi Alis Antwort macht wenig Mut. Sie solle sich mäßigen? Wieso denn? Der Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen, so sagt sie, trage seine Kritik am Islam in sehr gemäßigter Form vor. Trotzdem stehe er auch auf der Todesliste der Islamisten. Nein, nein, wenn schon Opposition, dann kräftig. Am Dienstag gab sie bekannt, sie arbeite nun am Drehbuch von "Submission II". Die Akte Hirsi Ali wird noch nicht geschlossen. Die bei der Polizei nicht und die Todesakte, die die islamischen Assassinen über sie angelegt haben, auch nicht.



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