Bagdad Autobomben reißen mehr als 200 Menschen in den Tod

So ein Blutbad hatte der terrorgeplagte Irak seit Monaten nicht erlebt. In Bagdad starben bei einer verheerenden Anschlagserie über 200 Menschen - die meisten auf einem Marktplatz, der als Zeichen der Befriedung gerade wieder aufgebaut werden sollte.


Bagdad - Terror, Mord, Entführungen. Das Leben in Bagdad ist jeden Tag brutal. Aber Anschläge dieser Dimension hatte es seit Wochen in der irakischen Hauptstadt nicht mehr gegeben. Innerhalb von nur wenigen Stunden explodierten fünf Autobomben - alle in überwiegend von Schiiten bewohnten Stadtvierteln.

Den schlimmsten Anschlag verübten die Terroristen im Schiiten-Viertel Sadrija im Zentrum Bagdads. Allein hier starben laut Polizei 140 Menschen. Der Markt war erst im Februar Ziel eines Anschlags, damals kamen 137 Menschen ums Leben. Unter den jetzigen Opfern sind zahlreiche Arbeiter, die mit dem Wiederaufbau der Marktstände beschäftigt waren. Die Neueröffnung sollte wieder ein bisschen Normalität in das Viertel bringen.

Stattdessen kehrte der Terror zurück: Ein Fotograf der Nachrichtenagentur Reuters berichtet, der Schauplatz des Anschlags - eine Kreuzung bei dem Markt - sei mit Leichen übersät. Unter den Opfern auch viele Kinder. "Ich sah Dutzende von Toten", sagte der Fotograf. Einige Menschen seien bei lebendigem Leib in Minibussen verbrannt. "Frauen weinten und riefen die Namen ihrer toten Angehörigen." Ein Mann schrie: "Wo ist Maliki? Holt ihn her und zeigt ihm, was hier passiert!"

Ministerpräsident Nuri al-Maliki hatte nur Stunden zuvor angekündigt, seine Regierung werde bis Jahresende die vollständige Verantwortung für die Sicherheit des Landes übernehmen. Im Februar wurden zahlreiche zusätzliche US-amerikanische und irakische Soldaten in Bagdad stationiert, um für mehr Sicherheit zu sorgen - was als letzter Versuch gewertet worden war, ein Abgleiten des Landes in einen Bürgerkrieg zu verhindern. 3000 amerikanische und 10.000 irakische Soldaten patrouillierten zusätzlich.

Weitere Autobomben detonierten heute unter anderem im Bagdader Stadtteil Sadr: An einem Kontrollpunkt sprengte sich ein Selbstmordattentäter in einem Auto in die Luft. Dabei kamen 35 Menschen ums Leben. Sadr-Stadt ist eine Hochburg des radikalen Schiiten-Predigers Moktada al-Sadr. Bei einem weiteren Anschlag wurden zehn Menschen getötet.

Die von Sunniten dominierte Terrororganisation al-Qaida wird für die meisten schweren Attentate auf Schiiten im Irak verantwortlich gemacht. Beobachter befürchten, dass die Mehdi-Miliz Sadrs mit Racheakten auf die Anschläge reagieren könnte. Die Miliz besteht aus mehreren zehntausend Kämpfern. Sie hat sich während der jüngsten US-Offensive, die im Februar in der Hauptstadt begann, weitgehend zurückgehalten.

Sadr zog jedoch am Montag seine Minister mit der Begründung aus der Regierung ab, Maliki müsse die USA zu einem Zeitplan für den Abzug ihrer 146.000 Soldaten im Irak drängen.

Heute übergaben britische Streitkräfte die Kontrolle der südlichen Provinz Maisan den irakischen Behörden. Damit sind diese jetzt für vier von 18 Provinzen zuständig. Bis zum Jahresende sollen alle Provinzen übergeben sein, erklärte Regierungschef Maliki. Die irakischen Sicherheitskräfte würden nur dann in Regionen die Kontrolle von ausländischen Truppen übernehmen, wenn sie dazu auch in Lage seien.

ler/AP/Reuters/dpa/AFP



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