Bagdad Bombenangriff auf Wohngebiet - mindestens 14 Tote

Bei einer Explosion in einem Wohngebiet in Bagdad wurden zahlreiche Menschen getötet. Irakischen Angaben zufolge waren zwei Marschflugkörper der Alliierten in Wohnhäuser eingeschlagen. Auch ein Marktplatz sei bei einem Luftangriff getroffen worden, es habe viele Tote gegeben.


Brennendes Wohnhaus in Bagdad: Zahlreiche zivile Opfer bei alliierten Luftangriffen
REUTERS

Brennendes Wohnhaus in Bagdad: Zahlreiche zivile Opfer bei alliierten Luftangriffen

Bagdad - 15 verbrannte Leichen lägen auf den Straßen des Wohngebiets, berichteten Reporter der Nachrichtenagentur Reuters. Die irakische Führung sprach von 14 Toten und 30 Verletzten. "Offensichtlich haben zwei Rakten Wohnblocks getroffen", sagte einer der Korrespondenten. In der Nähe der Leichen standen drei schwer beschädigte Wohngebäude. Mehrere Autos brannten und rauchten.

Ein BBC-Reporter sagte, er habe mehrere Leichen gesehen. "Ich habe Gliedmaßen gesehen, Hände, einen Schädel, Kleider, Schuhe." Mehrere Geschäfte seien völlig zerstört worden. Anwohner hätten ihm von 45 Toten berichtet.

Der Angriff habe sich im nördlichen Stadtviertel Schaab ereignet, wo sich Dutzende Geschäfte und Wohnungen befinden. Beamte der Zivilverteidigung riegelten den Ort ab. Der arabische TV-Sender al-Dschasira zeigte mehrere verkohlte Autos am Schauplatz des Angriffs. Mindestens eine blutüberströmte Leiche wurde abtransportiert. Hunderte Menschen standen vor einem offenbar getroffenen Gebäude.

Das irakische Informationsministerium teilte zudem mit, ein viel besuchter Markt im Norden Bagdads sei bei einem Luftangriff getroffen worden. Es habe "sehr, sehr viele" Opfer gegeben, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Die Stelle werde später am Tage Journalisten gezeigt. Die US-geführten Truppen fliegen seit Beginn des Krieges am Donnerstag vergangener Woche fast rund um die Uhr Angriffe auf Bagdad.

Bombenangriff auf Bagdad: Iraker tragen die Leiche eines Mannes weg
REUTERS

Bombenangriff auf Bagdad: Iraker tragen die Leiche eines Mannes weg

Nach Worten des irakischen Informationsministers Mohammed Said al-Sahaf wurden bei alliierten Luftangriffen auf Nassirija 500 Zivilisten verletzt und 200 Wohnungen zerstört.

Britische und amerikanische Militärs bestätigten die Angriffe auf die beiden Städte zunächst nicht. Man werde sich die Berichte genau ansehen, hieß es. Beobachter gingen allerdings davon aus, dass die Angriffe mit zivilen Opfern, sollten sich die Berichte bestätigen, einen schweren Rückschlag für die alliierten Bemühungen um Hilfe durch die irakische Bevölkerung bedeuten würden.

Alliierter Vormarsch angeblich gestoppt

Al-Sahaf behauptete zudem, der Vormarsch der Alliierten sei vorläufig zum Erliegen gekommen. "Sie bewegen sich nicht mehr vorwärts, und wir haben sie in der vergangenen Nacht und heute Morgen angegriffen." Gleichzeitig warf er den Regierungen in Washington und London vor, sie führten die Menschen in ihren Ländern bewusst mit Berichten über angebliche Erfolge der alliierten Truppen in die Irre.

Die Kämpfe nahe Bagdad gingen am Donnerstag unvermindert weiter. Zu einer verlustreichen Schlacht kam es östlich von Nadschaf. Dort stieß das 7. Kavallerie-Regiment auf den erbitterten Widerstand irakischer Fußsoldaten. Nach Angaben des Pentagon wurden bis zu 500 Iraker getötet. Am frühen Mittwochmorgen kam es in der Hauptstadt wieder zu schweren Explosionen.

Sandsturm bei Nadschaf: Ein US-Soldat im Einsatz
REUTERS

Sandsturm bei Nadschaf: Ein US-Soldat im Einsatz

Auch während dieser jüngsten Attacken tobt angeblich noch immer ein Sandsturm. US-Sender berichten, im Süden Bagdads habe es sechs heftige Explosionen gegeben, im Stadtzentrum eine weitere. Der arabische Sender al-Dschasira berichtete von Dutzenden schweren Explosionen. Arabische Fernsehsender zeigten Bilder von dichten Rauchwolken über der Stadt. Nach Angaben der britischen BBC starteten am Mittwochmorgen erneut amerikanische B-52-Langstreckenbomber vom Stützpunkt Fairford in der Grafschaft Gloucestershire.

US-Truppen wollen Hunderte Iraker getötet haben

Auf der Strecke zwischen Kuweit und Bagdad sind nach Darstellung des amerikanischen Verteidigungsministeriums Truppen der Alliierten angegriffen worden. Ein Teil des 7. Kavallerie-Regiments sei bei Nadschaf mit Granaten beschossen worden. Daraufhin hätten die US-Truppen das Feuer erwidert. Die Schlacht habe sich bis nach Mitternacht hingezogen. Die Zahlen über irakische Verluste schwanken: Laut Pentagon sind 150 bis 500 irakische Soldaten ums Leben gekommen. Unklar blieb, ob es sich um reguläre Einheiten oder um Angehörige der Elitetruppe Republikanische Garde gehandelt habe. Einiges Gerät des 7. Kavallerie-Regiments sei bei den Kämpfen zerstört worden, hieß es weiter.

Auch die nordirakische Stadt Mossul wurde am Mittwochmorgen beschossen. In der Umgebung der Stadt seien zahlreiche Explosionen zu hören gewesen, berichtete der Korrespondent des arabischen Fernsehsenders al-Dschasira. Der Reporter sagte außerdem, bewaffnete Angehörige der lokalen Clans bereiteten sich darauf vor, Widerstand gegen eine mögliche amerikanisch-britische Bodenoffensive zu leisten.

Mit einem Taschentuch versucht die alte Frau sich vor dem Qualm zu schützen, sie ist auf dem Rückweg vom Markt
AP

Mit einem Taschentuch versucht die alte Frau sich vor dem Qualm zu schützen, sie ist auf dem Rückweg vom Markt

Angesichts der immer gefährlicheren Lage in Bagdad sind zahlreiche Bewohner aus der irakischen Hauptstadt geflohen. Die sonst quirligen Straßen der Fünf-Millionen-Metropole sind weitgehend leer. Vor Tankstellen und Bäckerei sind keine Schlangen mehr zu sehen. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, und in Büros wird nicht mehr gearbeitet. "Ich glaube, viele, die noch geblieben sind, obwohl sie hätten gehen können, haben gedacht, der Krieg kommt nicht oder wird nicht so schlimm", sagt Abbas, ein Taxifahrer. "Jetzt erkennen sie aber, dass dieser Krieg anders wird als die früheren."

Doch auch die Flucht ist gefährlich: Die US-Streitkräfte warnen inzwischen die irakische Bevölkerung davor, ihre Wohngegenden zu verlassen oder mit Autos aus der Stadt zu fliehen. Es sei schwer zu unterscheiden für die alliierten Truppen, ob es sich um Flüchtlinge oder irreguläre Kämpfer in Zivil handele, sagte General Victor E. Renuart.

Schon jetzt, bevor der Häuserkampf überhaupt begonnen hat, besteht in den Krankenhäusern nach Angaben des Internationalen Rotes Kreuzes zunehmend Knappheit an Verbandsmaterial und Medikamenten, vor allem zur Behandlung chronisch Kranker. Die Zahl der Patienten mit stressbedingten Erkrankungen sei sprunghaft angestiegen.



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