Bagdad-Konferenz Krisengipfel sucht Rettung aus der Irak-Katastrophe

US-Diplomaten treffen iranische Unterhändler, Syrien kommt zurück auf die Weltbühne: In Bagdad beginnt heute die große Irak-Konferenz, bei der erstmals seit Jahren die wichtigsten Spieler an einem Tisch sitzen. Sie sollen endlich das blutige Chaos im Land beenden.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Wie hoch die Erwartungen an die Konferenz sind, die heute beginnen wird, ließ der irakische Premierminister Nuri al-Maliki bereits am Vorabend erkennen: "Mit ihrem Blut" hätten die Iraker für die politischen Fortschritte in den vergangenen vier Jahren bezahlt, sagte er am Freitag in Bagdad. Das große Diplomaten-Treffen solle helfen, die Lage zu verbessern.

Irakischer Soldat in Bagdad: Wie kann das blutige Chaos gestoppt werden?
AFP

Irakischer Soldat in Bagdad: Wie kann das blutige Chaos gestoppt werden?

Aus Furcht vor Anschlägen treffen sich die Vertreter unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen in der streng bewachten und abgeschirmten Grünen Zone im Zentrum Bagdads. Wann und wie genau das Treffens stattfindet wurde aus Sicherheitsgründen nicht bekannt gegeben.

Vier Jahre nach Beginn der US-geführten Invasion befindet sich das Land zwischen Euphrat und Tigris faktisch längst in einem ethnisch-religiösen Bürgerkrieg. Nun geschieht erstmals, was lange unvorstellbar war: US-Diplomaten, die Iran und Syrien beschuldigen, Militante und Terroristen zu unterstützen, werden sich mit Vertretern Teherans an einen Tisch setzen. Die Türkei wird teilnehmen, außerdem die mehrheitlich sunnitischen Nachbarstaaten Saudi-Arabien, Jordanien und Kuwait sowie die arabische Mittelmacht Ägypten.

Konkrete Ergebnisse werden nicht erwartet. Aber die Konferenz, deren Zustandekommen eine kleine Sensation ist, wird ein Testballon sein: Passen die Egos und divergierenden Ansichten der Teilnehmer an einen Tisch, ohne dass man sich anschließend lautstark beschimpft? Wird es gelingen, den Atomkonflikt zwischen den USA und Iran herauszuhalten und stattdessen nüchtern und sachlich über den Irak zu sprechen? Wenn in Bagdad heute nicht allzuviel Porzellan zerbrochen wird, dann soll schon im April ein Treffen auf Ebene der Außenminister stattfinden. Dann dürfte erstmals wieder Hoffnung keimen, dass der Irak nicht verloren sein muss.

Iran, der unheimliche "große Bruder"

Die Crux an dem diplomatischen Debütantenball in der Tigris-Metropole ist freilich, dass jeder der gewichtigeren Teilnehmer eine eigene Agenda hat. Alle Seiten beteuern, es gehe um den Irak - aber das bedeutet nicht in jedem Fall dasselbe. Die sunnitischen Nachbarstaaten etwa fürchten das machtvolle Ausgreifen Irans nach Bagdad. Teheran ist mittlerweile zum wichtigen Akteur im Irak geworden und träumt davon, für den nun erstmals ebenfalls von Schiiten regierten Irak zum "großen Bruder" zu werden.

Die USA sind überzeugt, dass es Teheran um mehr als nur politischen Einfluss geht. Washington verweist auf im Irak sichergestellte Waffenbestandteile iranischer Herkunft: angeblich Belege dafür, dass der Mullah-Staat schiitische Militante im Kampf gegen Sunniten und US-Armee munitioniert. Diese Vorwürfe werden wohl eine Rolle spielen, empörte Reaktionen Irans sind vorprogrammiert.

Auf der anderen Seite steht auch das sunnitische Syrien im Visier der USA. Noch immer, verlautet aus dem US-Außenministerium, sei die syrisch-irakische Grenze für Dschihadisten überwindbar. Damaskus, so die unausgesprochene aber unmissverständliche Unterstellung, habe kein Interesse daran, die Terroristen von al-Qaida & Co. zurückzuhalten.

Misstrauen gegenüber Washington

Die beiden "Schurkenstaaten" Syrien und Iran wiederum eint ein Ziel, das sie auch noch mit der Türkei teilen, die in der Vorbereitung der Konferenz eine konstruktive Rolle spielte: einen kurdischen Staat im Nordirak verhindern, weil damit Ansprüche der kurdischen Minderheiten in diesen Ländern einhergehen könnten. Außerdem misstrauen die beiden Regime ihrerseits den USA - sie wissen, dass Washington gern andere Kräfte sehe. Am unverdächtigsten sind wohl die Sorgen des kleinen Jordaniens: Das Land wäre schon froh, wenn der durch die Gewalt bedingte Flüchtlingsstrom abreißen würde.

US-Präsident George W. Bush und seine Außenministerin Condoleezza Rice haben trotz dieser explosiven Ausgangslage nach langen Monaten des Zögerns ihre "volle Unterstützung" für die Konferenz zugesagt - und ihr damit eine dramatische Fallhöhe verliehen. Washington wird sich ein sofortiges Scheitern damit kaum leisten können. Die unabhängige, vom US-Kongress berufene Iraq Study Group hatte Ende 2006 vorgeschlagen, dass man auch mit Syrien und Iran über den Irak spricht. Erst wand sich Bush, jetzt macht er mit - und deshalb muss auch etwas herauskommen, wenn er sein Gesicht nicht verlieren will. Zumindest darf man nicht im Streit auseinandergehen. Dass allerdings seit einigen Wochen zugleich der Ton gegen Iran deutlich verschärft wurde und am Persischen Golf US-Flugzeugträger Position bezogen haben, macht das Klima im Konferenzsaal sicher nicht herzlicher.

Die Idee zu der Konferenz hatte die irakische Regierung nach einer Reihe von informellen Treffen mit den Anrainer-Staaten in den vergangenen Jahren: zehn genau seit 2003. Im Gespräch mit dem SPIEGEL sagte der irakische Außenminister Hoschjar Sebari, dass die Teilnehmer schließlich alle zusagten, habe vor allem daran gelegen, dass man darauf gedrungen habe, nur und ausschließlich über den Irak zu sprechen.

Wackel-Premier al-Maliki

Als Wunsch an Teheran formulierte Sebari, Iran möge doch die ganze irakische Regierung unterstützen und nicht nur einzelne Gruppierungen. Schließlich sei ja der Irak Iran freundlich gesonnen. Das ist aber nur die Ansicht der von Schiiten geführten Regierung. Andere Iraker sehen das anders: Der Parlamentsabgeordnete Mithal al-Alusi etwa sagte dem SPIEGEL, Iran versorge nicht nur militante schiitische Gruppen mit Geld und Waffen, sondern sogar die sunnitischen Fanatiker der al-Qaida. Des einen Feind, des anderen Freund: Das gilt nicht nur im Inneren des Irak, sondern auch für die Konferenzteilnehmer. Wer in einer Frage übereinstimmt, kann in der nächsten über Kreuz liegen.

Die Regierung von Premier Nuri al-Maliki hat noch eine zweite Erwartung an die Konferenz: Sie rechnet auf Finanzhilfen und Schuldenerlasse. Gut möglich, dass hier etwas Konkretes zu erreichen ist, um ein vorzeigbares Ergebnis zu haben.

Aber auf der anderen Seite steht Maliki gerade innenpolitisch mächtig unter Druck, und sein Verhältnis zu den USA ist zudem starken Schwankungen unterworfen. Zuletzt funkte Washington starke Signale: Entweder die Regierung tut mehr gegen die stillschweigende Duldung der schiitischen Milizen - oder Malikis politisches Ende ist besiegelt. Die irakische Regierung ist nicht nur Teil der Lösung, sondern auch Teil des Problems.

Komplizierter könnte die Ausgangslage im Konferenzsaal in der Grünen Zone von Bagdad heute also wohl kaum sein. Nicht einmal in der Beschreibung des Hauptproblems stimmen die Teilnehmer überein: Die Macht Teherans? Der Bürgerkrieg, der in ihre Länder überschwappen könnte? Die Regierung al-Maliki? Die Terroristen der al-Qaida? Die Politik der USA?

Scheitert die Konferenz, scheitert auch die Hoffnung, dass der Irak multilateral zu befrieden ist. Jede Partei, die in dem Land Interessen hat, würde danach auf eigene Faust weitermachen. Mit unabsehbaren Folgen.



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