Bagdad Raketenangriff galt einem Treffen ranghoher Iraker

Die Entscheidung für den ersten US-Militärschlag ist offenbar ganz kurzfristig gefallen. Die amerikanischen Kriegsplaner wollten nach US-Angaben die Gelegenheit nutzen, gleichzeitig fünf ranghohe Iraker zu treffen. Gerüchte, Saddam selbst könnte getötet worden sein, wies der Irak jedoch zurück.




Zehn Menschen sollen bei dem ersten US-Luftangriff auf Bagdad ums Leben gekommen sein
REUTERS

Zehn Menschen sollen bei dem ersten US-Luftangriff auf Bagdad ums Leben gekommen sein

Bagdad/Washington/London - Das Treffen der fünf ranghohen Irakern gehörte nach Angaben eines britischen Militärsprechers zu den Zielen der Angriffe auf Bagdad, mit denen die USA am Morgen begannen.

"Es gab ein Treffen von fünf Irakern, von dem sie dachten, sie sollten einen Versuch starten. Und so entschieden sie sich anzugreifen", sagte der Militärsprecher in der Nähe von Doha der Nachrichtenagentur Reuters. Nähere Angaben zu den Personen machte er nicht. Einem weiteren britischen Militärvertreter zufolge wurden bei den Angriffen Fahrzeuge getroffen. Einzelheiten nannte er nicht.

Das Militär habe von dem Treffen aus geheimdienstlichen Quellen erfahren, und zwar über Informanten "und andere Techniken", sagte der Militärsprecher, der sich in einem Hauptquartier der Streitkräfte der USA und Großbritanniens aufhielt. Die Angriffe seien mit Tomahawk-Raketen ausgeführt worden. "Das war ein Warnschuss und wir wollen nach wie vor, dass Saddam sich ergibt", fügte der Sprecher hinzu.

Ein irakischer Minister beschuldigte die US-Regierung indes, einen Mordversuch auf den irakischen Präsidenten Saddam Hussein verübt zu haben. Der Staatschef habe aber überlebt. Etwa drei Stunden nach den Angriffen zeigte das staatliche Fernsehen Bilder, wie Saddam eine öffentliche Erklärung abgab. Es war nicht klar, ob es sich um eine Live-Übertragung handelte.

Mit einem "gezielten Enthauptungsschlag", so die Militärs, hatte am Morgen der Irak-Krieg begonnen. Amerikanische Streitkräfte feuerten 40 Marschflugkörper ab, Tarnkappenbomber vom Typ F-117 warfen lasergesteuerte Präzisionsbomben auf den vermuteten Aufenthaltsort Saddams in Bagdad. Nach Angaben des irakischen Informationsministers Mohammed Said al-Sahaf hat Saddam den Angriff überlebt. Beweis sei sein Auftreten im irakischen Fernsehen.

Mit dem Befehl zu dem begrenzten Angriff wollte US-Präsident George W. Bush nach Angaben aus dem Pentagon Saddam Hussein vor Beginn des eigentlichen großen Krieges ausschalten. "Das hat offensichtlich nicht funktioniert", sagte ein CNN-Reporter aus dem Pentagon in Washington. Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon sagte in London, der Hauptangriff werde in Kürze folgen.

Die Raketen wurden von vier US-Kriegsschiffen und zwei U-Booten abgeschossen
REUTERS

Die Raketen wurden von vier US-Kriegsschiffen und zwei U-Booten abgeschossen

In einem BBC-Interview nannte Verteidigungsminister Geoff Hoon jedoch keinen genauen Zeitpunkt. "Man kann sicher sagen, dass mehr kommen wird. Das waren nur vorbereitende Aktionen", sagte er zu den ersten Angriffen gegen den Irak. Aus US-Regierungskreisen verlautete dagegen, die nächsten Tage werde es bei begrenzten Luftangriffen bleiben. Hoon betonte, dass britische Truppen eine Schlüsselrolle in dem Krieg haben.

Nach Berichten der britischen Nachrichtenagentur PA und der BBC gab es zunächst keine Hinweise darauf, dass britische Streitkräfte an der Anfangsphase des Krieges beteiligt waren. Das britische Verteidigungsministerium lehnte eine Stellungnahme ab.

In Bagdad wurde kurz vor Sonnenaufgang Luftalarm ausgelöst. Eine halbe Stunde lang hämmerte das Feuer der irakischen Flugabwehr durch den Morgendunst, vereinzelt waren Explosionen zu hören. Danach kehrte die Stadt zunächst zu gespannter Ruhe zurück. Kurz nach 8 Uhr Ortszeit (6 Uhr MEZ) lösten die Behörden in Bagdad jedoch erneut Luftalarm aus. Das berichtete der Korrespondent des arabischen Fernsehsenders al-Dschasira. Ein Sprecher im irakischen Fernsehen sagte, die USA und Großbritannien erwarte nun ein Inferno.

Nach Angaben des irakischen Informationsministeriums waren bei dem ersten Luftangriff zehn Menschen getötet worden. Das berichtete der Korrespondent des russischen Fernsehkanals ORT aus Bagdad. Eine Bestätigung dieser Angaben aus anderen Quellen gebe es bislang jedoch nicht, hieß es in dem Bericht.

Gegen 3.45 Uhr mitteleuropäischer Zeit trat Ari Fleischer, der Sprecher von Präsident George W. Bush vor die Presse. Fleischer sagte, die "Abrüstung des irakischen Regimes" sei eingeleitet. Die USA hatten dem irakischen Präsidenten Saddam Hussein und seinen Söhnen 48 Stunden Zeit bis Donnerstagmorgen 2 Uhr mitteleuropäischer Zeit gegeben, das Land zu verlassen, um einen Krieg abzuwenden. Saddam hatte das Ultimatum verstreichen lassen.

Amerikanische Flugzeuge warfen indes hunderttausende von Flugblättern über dem Irak ab. Wie der Fernsehsender CNN berichtete, wurden die Soldaten Saddam Husseins darin aufgerufen, sich zu ergeben. Außerdem wurde an die Soldaten appelliert, keine Massenvernichtungswaffen einzusetzen. Auf den Blättern wurden ihnen Anleitungen gegeben, wie sie überlaufen und auf welcher Radio-Wellenlänge sie weitere Informationen erhalten könnten.

Bodentruppen rücken zur irakischen Grenze vor

Saddam bei der Fernsehansprache an das irakische Volk
AP

Saddam bei der Fernsehansprache an das irakische Volk

Infanterie-Einheiten der US-Streitkräfte rückten am Morgen jedoch näher an die irakische Grenze vor, um sich für einen erwarteten Einmarsch im Irak zu positionieren.

Wie ein Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters vor Ort berichtete, hatten Soldaten der 3. US-Infanterie-Division ihr Lager in der kuweitischen Wüste verlassen und waren in Richtung der irakischen Grenze gefahren, um vorgeschobene Stellungen zu errichten. Diese liegen außerhalb der entmilitarisierten Zone an der irakisch-kuweitischen Grenze.

Diese Zone ist auf kuweitischer Seite fünf Kilometer und auf irakischer Seite zehn Kilometer breit. Den Soldaten sei nicht der Befehl erteilt worden, Schutzanzüge gegen chemische Waffen zu tragen, berichtete der Reuters-Korrespondent, der sich in dem US-Lager befand. Sie hätten jedoch Gasmasken getragen. Die USA befürchten, dass der Irak chemische und biologische Waffen gegen die Soldaten einsetzen könnte.

Saddam: "Krimineller kleiner Bush begeht Verbrechen gegen die Menschheit"

Der irakische Präsident Saddam Hussein wandte sich wenige Stunden nach dem Angriff in einer Fernsehansprache an sein Volk und verkündete Siegeszuversicht. "Wir werden mit Gottes Hilfe siegen", sagte Saddam, der in Militäruniform seine Rede verlas. Er warf den USA und deren Verbündeten vor, ein "schändliches Verbrechen gegen die Menschheit" zu begehen.

Der Diktator ging mit keinem Wort auf die Ziele der ersten amerikanischen Angriffe ein, was die Vermutung nahe legt, dass die Ansprache aufgzeichnet war. Er trug eine große Brille und las seine Rede vor einem schäbigen Pult sitzend von einem Notizblock ab. "Der Irak wird siegen und mit ihm werde die (arabisch-islamische) Nation siegen und die Menschlichkeit", sagte er zum Ende seiner Rede, "Gott ist groß, es lebe der Irak, es lebe Palästina", rief er. Seine Landsleute rief er zur Standfestigkeit auf.

Explosion in Bagdad
AFP

Explosion in Bagdad

Das Land werde die Invasoren bekämpfen, bis sie ihre Geduld verloren hätten. In Anspielung auf den Vater von US-Präsident George W. Bush, der 1991 Krieg gegen den Irak geführt hatte, sagte Saddam: "Der kriminelle kleine Bush hat ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen."

Saddams Rede war anfangs sowohl auf den lokalen Sendern als auch im irakischen Satellitenfernsehen übertragen worden. Doch die Ausstrahlung des Satellitensenders wurde direkt nach seinen ersten Worten gestört. Im nationalen Fernsehsender al-Schabab, der vom Präsidentensohn Udai geleitet wird, konnte die irakische Bevölkerung die Rede jedoch bis zum Schluss verfolgen. Angekündigt worden war die Ansprache Saddams von Informationsminister Mohammed Said al-Sahaf. "Heute ist der Tag des großen Heiligen Krieges gekommen", sagte der Minister. Nun gehe es um die Verteidigung der Unabhängigkeit.

Informationsminister: "Piratenstreich"

Al-Sahaf warf Amerikanern und Briten "nackte Aggression" und einen "Piratenstreich" vor. In einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Kulturminister wenige Stunden nach dem ersten Angriff auf Bagdad beschimpfte er sie als Tyrannen, Kriminelle und Kriegsverbrecher. "Das internationale Recht gilt für sie nicht", sagte er in einer von mehreren Fernsehsendern übertragenen Rede in Bagdad. Er sprach von einem "Akt der Dummheit". Den Reportern sagte er zu, dass sie Zugang zu allen Kriegsschauplätzen erhalten werden und sich in Bagdad frei bewegen dürften. Zugleich sagte er einen schwierigen Krieg voraus, der aber für den Irak mit einem Sieg enden werde. Präsident Saddam Hussein nannte er einen "Helden der Menschheit".

Auf die Frage, ob die US-Streitkräfte einen der Paläste des Präsidenten ins Visier genommen habe, sagte er: "Der Präsident war gerade im Fernsehen zu sehen."

"Das ist der Tag, auf den wir gewartet haben"

Tomahawk-Raketen beim Start auf der USS Donald Cook
DPA

Tomahawk-Raketen beim Start auf der USS Donald Cook

Die Nato will am Morgen in Sondersitzungen über den Kriegsbeginn im Irak beraten. "Die Alliierten werden uns über ihr Vorgehen informieren", sagte ein Nato-Sprecher in Brüssel. Das Bündnis warte die weitere Entwicklung ab, habe aber vorsorglich eine höhere Alarmstufe ausgelöst. Die Sicherheitsvorkehrungen seien verstärkt worden.

"Dies ist keine direkte Nato-Aktion", betonte Nato-Sprecher Mike Laity. Die nordatlantische Allianz habe allerdings Kräfte zum Schutz des Bündnispartners Türkei entsandt und fühle sich als wichtigstes Konsultationsorgan auf militärischer Ebene betroffen. Eine formelle Reaktion der Nato auf den Kriegsausbruch werde es aber nicht geben.

Ähnliches berichtet auch die Agentur Reuters unter Verweis auf US-Kreise.

Unterdessen war auf der Frequenz des irakischen Rundfunks der amerikanische Militär-Rundfunk in Arabisch zu hören: "Das ist der Tag, auf den wir gewartet haben."



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