Bagdad Saddams Hinrichtung im Morgengrauen?

Immer verwirrendere Meldungen aus Bagdad: Mehrere Quellen besagen, dass Saddam Hussein spätestens bis zum Morgengrauen hingerichtet wird. Ein Sprecher des US-Außenministeriums dementierte Berichte, wonach der Ex-Diktator bereits an irakische Behörden übergeben worden ist.


Bagdad - Die Meldungen überschlagen sich: Nach Angaben seiner Anwälte wurde Saddam Hussein am Abend den irakischen Behörden übergeben. Ein Sprecher des amerikanischen Außenministeriums dementierte den Bericht. Saddam befinde sich seines Wissens nach noch in amerikanischem Gewahrsam, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters den Sprecher.

Die Exekution Saddams soll nach Angaben des irakischen Richters Munir Haddad spätestens morgen stattfinden. Aus Kreisen der Regierung zitiert Reuters eine Quelle, die besagt, das Urteil könne binnen Stunden vollstreckt werden. "In den vergangenen Stunden haben sich die Dinge geändert." Einer von Husseins Verteidigern sagte der Agentur AFP, Saddam solle im Morgengrauen sterben.

Saddam Hussein: Warten auf den Strang
Getty Images

Saddam Hussein: Warten auf den Strang

Ein hochrangiges irakisches Regierungsmitglied erklärte, Mitarbeiter von Ministerpräsident Nuri al-Maliki und US-Vertreter würden sich gegen 22 Uhr irakischer Zeit (20 Uhr mitteleuropäischer Zeit) treffen, um den Zeitpunkt der Hinrichtung festzulegen, berichtet die Nachrichtenagentur AP. Unterdessen zitierte der von Washington finanzierte Satellitenkanal "al-Hurra" mehrere Personen, die erzählten, Arbeiter würden in der stark gesicherten "Grünen Zone" in Bagdad einen Galgen aufbauen, so Reuters.

Ein enger Mitarbeiter des irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki hatte zuvor erklärt, die Regierung in Bagdad sei noch damit beschäftigt, die weitere Vorgehensweise zur Vollstreckung des Todesurteils gegen den ehemaligen Machthaber zu klären. Der genaue Zeitpunkt der Hinrichtung sei noch völlig offen, fügte der Vertraute Malikis hinzu, der namentlich nicht genannt werden wollte. Unterdessen sandte die irakische Regierung nach Angaben eines Parlamentsabgeordneten eine Anfrage an Religionsgelehrte, ob eine Hinrichtung auch während des am Samstag beginnenden islamischen Opferfests möglich sei.

Aus Angst vor einem Ausbruch der Gewalt nach der Hinrichtung des früheren Staatschefs Saddam Hussein hat die irakische Regierung die Sicherheitskräfte in Alarmbereitschaft versetzt. Die irakischen Sicherheitsbehörden sind gewarnt: Schon bei der Verkündung der Todesstrafe Anfang November war es zur Gewalt in Teilen des Landes gekommen. Eine Ausgangsperre, wie sie damals für drei Tage verhängt worden war, wurde auch jetzt nicht ausgeschlossen. Die Entscheidung darüber liege allein bei Ministerpräsident Nuri al-Maliki, sagte der Leiter der Einsatzführung im Innenministerium, Abdel Karim Chalaf. Die Sicherheitskräfte stünden zum Eingreifen bereit, sobald sie über den Zeitpunkt der Hinrichtung informiert würden. Das amerikanische Verteidigungsministerium erklärte, die US-Kräfte im Irak seien auf einen Anstieg der Gewalt vorbereitet.

Wegen eines Massakers an Schiiten in den achtziger Jahren war Saddam am 5. November zum Tod durch den Strang verurteilt worden. Ein Berufungsgericht hatte das Urteil am Dienstag bestätigt. Über den Zeitpunkt der Vollstreckung des Todesurteils gegen den Ex-Machthaber und weitere Verurteilte herrschte in den vergangenen Tagen Verwirrung.

"Vermutlich geschieht die Hinrichtung in aller Stille"

In den letzten Stunden hatten sich die Hinweise auf eine baldige Hinrichtung von Saddam Hussein verdichtet: Nach ersten entsprechenden US-Berichten rechnete auch ein Anwalt des irakischen Ex-Diktators mit einer raschen Vollstreckung des Todesurteils. Vieles deute auf den morgigen Samstag als Exekutionstermin, erklärte er. Ministerpräsident Nuri al-Maliki schloss einen Aufschub der Hinrichtung aus. Ein enger Mitarbeiter Malikis erklärte allerdings am Abend, die Regierungsmitglieder seien sich in der Frage uneins, ob für die Exekution ein Dekret des Präsidenten notwendig sei oder nicht. Laut CNN gab es am Abend eine Krisensitzung der Regierung.

Der Direktor des Deutschen Orientinstituts, Udo Steinbach hält die Vollstreckung des Todesurteils für konsequent. "Vermutlich geschieht dies in aller Stille, weil ein Schauspiel international einen schlechten Eindruck machen würde", sagte er der "Stuttgarter Zeitung". Zum einen wünsche die Mehrheit der Iraker, dass der Gerechtigkeit auf diese Weise genüge getan werde. Zum anderen könne die irakische Regierung so Handlungsfähigkeit beweisen und ihre Stellung festigen, sagte Steinbach. Die Appelle, die Exekution aufzuschieben, gehen laut Steinbach an der Wirklichkeit im Nahen Osten vorbei: "In Bagdad ist die Vollstreckung der Todesstrafe zutiefst Teil der politischen Kultur."

Widersprüchliche Angaben über Besuch von Verwandten

Widersprüchliche Angaben gab es über einen Besuch von Verwandten bei Saddam Hussein. Einer seiner Verteidiger, Badi Issat Aref, sagte unter Berufung auf einen anderen Saddam-Anwalt, die Halbbrüder des Inhaftierten hätten ihn gestern besucht. "Saddam hat seinen Brüdern seine persönlichen Sachen ausgehändigt." Während das Treffen im irakischen Verteidigungsministerium bestätigt wurde, kam vom Sondertribunal, das das Todesurteil verhängt hatte, ein Dementi.

Nach internationaler Kritik an dem Verfahren gegen den gestürzten Machthaber erklärte der stellvertretende Sprecher des Weißen Hauses, Tom Casey, gestern, nach Einschätzung der US-Regierung habe der Prozess weder das Völkerrecht noch das irakische Gesetz verletzt. Das Urteil gründe sich auf Fakten. Ministerpräsident Nuri al-Maliki erklärte nach Angaben seines Büros gegenüber Familienangehörigen von Opfern der früheren Regimes, der Hinrichtung könne sich niemand entgegenstellen, weil dies "die Würde der Märtyrer des Iraks" verletzen würde.

Unterdessen hat der Jemen an die USA und den Irak appelliert, die Hinrichtung des früheren irakischen Machthabers Saddam Hussein zu verhindern. Die Vollstreckung der Todesstrafe werde zu mehr Unfrieden im Irak führen und das Leiden der Bevölkerung vermehren, schrieb der jemenitische Ministerpräsident Abdul-Kader Bagammal in einem Brief an US-Präsident George W. Bush. In einem Schreiben Bagammals an den irakischen Präsidenten Dschalal Talabani hieß es: "Wir appellieren an ihre Weisheit und ihren politischen Scharfsinn, die angemessene Atmosphäre zu schaffen, um der Einheit des irakischen Volkes und der Stabilität willen die Wunden zu heilen."

Die Europäische Union bekräftigte heute ihre Ablehnung der Exekution. Die EU sei gegen die Todesstrafe, die auch in diesem Fall nicht angewendet werden solle, sagte in Helsinki Außenminister Erkki Tuomioja für den finnischen EU-Ratsvorsitz. Auch der spanische Regierungschef José Luis Rodriguez Zapatero sprach sich in Madrid gegen die Todesstrafe aus.

anr/AFP/AP/Reuters/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.