Bagdad Viele Tote bei Anschlag auf Linienbus

Kurz vor den irakischen Parlamentswahlen nimmt die Gewalt im Zweistromland weiter zu: Heute riss ein Selbstmordattentäter in Bagdad mindestens 30 Menschen mit in den Tod. Er hatte sich in einem Linienbus in die Luft gesprengt.


Canberra/Bagdad - Der Selbstmordattentäter saß nach Polizeiangaben in einem Auto und sprang in letzter Minute auf den schon anfahrenden Bus im Busbahnhof al-Nahda auf. Auf diese Weise umging er die Sicherheitskontrollen. Dann zündete er den Sprengsatz an seinem Körper. Der Bus ging sofort in Flammen auf. Mehrere Verkaufsstände in der Umgebung brannten nieder.

Helfer am zerstörten Bus in Bagdad: Bei dem Anschlag gab es Dutzende Tote und Verletzte
REUTERS

Helfer am zerstörten Bus in Bagdad: Bei dem Anschlag gab es Dutzende Tote und Verletzte

Den Einsatzkräften bot sich ein schreckliches Bild. Die verkohlten Leichen der Fahrgäste saßen auf ihren Plätzen, die Gesichter den zerbrochenen Fensterscheiben zugewandt. "Der Busfahrer wollte den Mann aufhalten, aber er beharrte darauf mitzufahren", sagte der Polizeibeamte Wisam Hakim. "Er setzte sich in die Mitte des Busses und dann kam es zur Explosion." Dutzende Menschen wurden verletzt. Sie wurden in das in der Nähe des Anschlagsortes gelegene kanadische Krankenhaus gebracht.

Das Fahrzeug sollte in die Schiitenstadt Nassirijah im Süden des Landes fahren. Die Schiiten stellen die Bevölkerungsmehrheit im Irak und sind nach dem Sturz des Sunniten Saddam Hussein erstmals in der Geschichte des Landes maßgeblich an der Regierung beteiligt.

Der Busbahnhof war bereits im August Schauplatz eines dreifachen Autobombenanschlags, bei dem 43 Menschen getötet wurden. Die irakischen Behörden rechnen damit, dass die Gewalt in dem Golfstaat vor den Parlamentswahlen am Donnerstag in einer Woche noch weiter zunehmen könnte. Erst Vorgestern waren bei einem Anschlag auf eine Polizeischule in Bagdad 43 Beamte und Kadetten getötet worden.

Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan warf während eines Australienbesuchs den USA vor, durch ihren Einmarsch im Irak das Land zu einer Ausbildungsstätte für militante Islamisten gemacht zu haben: Ein Militäreinsatz sei kein effektiver Weg, Extremisten zu bekämpfen. Die USA gäben im Rahmen des Verteidigungshaushaltes jedes Jahr riesige Summen aus, jedoch nur einen Bruchteil, um die Wurzeln des Extremismus wie Armut, Ignoranz und religiöse Intoleranz zu bekämpfen. "Wir müssen sicherstellen, dass wir den Terrorismus-Sumpf trockenlegen, und um das zu erreichen, müssen wir Geheimdienstinformationen austauschen", sagte Erdogan.

Heute billigte das japanische Kabinett die Verlängerung der Truppenstationierung im Irak um ein Jahr. Im Irak sind derzeit 600 japanische Soldaten stationiert, was in der Öffentlichkeit zunehmend auf Kritik stößt. Die japanische Verfassung untersagt Kampfeinsätze im Ausland. Die Soldaten in der südirakischen Stadt Samawah unterstützen daher nur den Wiederaufbau wie die Erneuerung von Schulen oder die Trinkwasserversorgung.



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