Bagdad vor dem Jahrestag Mit jeder Stunde steigt die Anspannung

Hinter Stacheldraht und Betonsperren feiern die Besatzer morgen den Jahrestag des Angriffs auf den Irak - den Jahrestag eines Krieges zur Vertreibung eines Tyrannen. Doch den Befreiten ist nicht zum Jubeln zumute. Der symbolträchtige Tag lässt die Nervosität weiter ansteigen - in einer Stadt zwischen Paranoia und Sorglosigkeit.


Straßentheater in Bagdad: "Die Terroristen werden nicht verhindern, dass der Irak eine bessere Zukunft hat".
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Straßentheater in Bagdad: "Die Terroristen werden nicht verhindern, dass der Irak eine bessere Zukunft hat".

Das Theater geht weiter. Auf Bagdads Stadtbühne wird wieder gelacht. Zutritt zum Spielsaal erhält man zwar nur nach eingehender Körperkontrolle und in dem geplünderten Bau warten nur Klappstühle, aber draußen wird frisch getüncht und drinnen die irakische Realität aufs Korn genommen.

Keine große Dramen, die gibt es im Alltag genug, eher Kabarett und Sketche sind gefragt. Das Haus ist voll. Auf der Bühne sitzt ein Schauspieler und pumpt einen Reifen auf. Als er einer vorbeigehenden Schönheit nachschaut vergisst er den Reifen und pumpt bis er platzt. Aber das ist keine irakische Pointe. Die kommt erst danach. Nach dem Knall stürmen aufgeschreckte US-Soldaten die Bühne und schießen wild um sich bis alle tot sind. Das Publikum gröhlt und klatscht. Das ist eine irakische Pointe. Treffer. Zum Totlachen.

Nervöse US-Soldaten gehören zum Stadtbild in Bagdad. Und seit der Jahrestag des Angriffs näher rückt, steigt die Spannung noch weiter. "Bei jedem Knall zucke ich zusammen", sagt Andrea Hilger, die für eine deutsche Hilfsorganisation seit einem Jahr in Bagdad arbeitet. Und es knallt oft bei ihr. Neben ihrem Büro ist eine Werkstatt mit Eisentoren, die Arbeiter schmeißen gerne die Tür zu. Psychoterror für Andrea Hilger.

Politiker und Terroristen lieben Symbole

Zwischen Übervorsicht, die zur Paranoia werden kann und Verharmlosung schwankt das Leben. Aber die vergangenen drei Nächte waren sehr unruhig in Bagdad. Erst eine Bombe vor dem US-Hauptquartier, am Mittwoch und Donnerstag dann heftige Anschläge auf Hotels und kleine Herbergen. Viele halten das nur für ein Vorspiel. "Immerhin haben wir jetzt ein Mobilfunknetz", sagt Mamur Dassam, der in Ruhe seinen Tee trinkt auf der Sadoun-Einkaufsstraße, während ein US-Konvoi die Straße entlangbrettert. Das allgegenwärtige Handyklingeln in Bagdad ist der Lockruf der neuen Freiheit, die man auf irakische Weise nutzt: "Wenn was passiert, kann ich jetzt schneller Hilfe rufen", sagt Dassam.

Am Mittwoch filzten die Amerikaner zusammen mit irakischen Kollegen in einer 250 Mann starken Gruppe den zentralen Markt in Bagdad auf der Suche nach Waffen und Verdächtigen. Am Donnerstag sah man in der Umgebung von öffentlichen Gebäuden und Hotels permanent GI-Trupps mit dem Sturmgewehr im Anschlag Häuser beobachten und durchsuchen. Es wurden noch weitere Betonsperren aufgebaut, damit Autobomben nicht nah genug an gefährdete Gebäude herankommen. Hubschrauber kreisten im Tiefflug über der Stadt. Präsenz zeigen. Entschlossenheit demonstrieren. Alle warten auf Samstag. Es soll ein symbolischer Tag werden. Und Politiker lieben Symbole mindestens so wie Terroristen. Deshalb rechnet man im Irak auch mit einem unruhigen April. Da warten viele Feiertage der Schiiten, der Christen, der Kurden und Saddams Geburtstag auf entsprechende Begleitmusik.

 Entschlossenheit demonstrieren: US-Patrouille vor einem Bagdader Kino
AP

Entschlossenheit demonstrieren: US-Patrouille vor einem Bagdader Kino

Rechtzeitig zum Jahrestag streute die Zivilverwaltung eine Umfrage, die behauptet, dass die Mehrheit der Iraker zufriedener ist als vor dem Krieg. Am Samstag erinnert eine Reihe von Veranstaltungen an den Kriegsbeginn. Von Friedenskonzerten bis zu politischen Demonstrationen wollen alle Flagge zeigen: Freunde und Gegner der aktuellen Entwicklung. Der Chef der Zivilverwaltung und damit de facto Interimspräsident, Paul Bremer, gab am Donnerstag dem irakischen Fernsehen ein Interview. Er zeigte sich entschlossen, am Demokratisierungsfahrplan festzuhalten: "Die Terroristen werden nicht verhindern, dass der Irak eine bessere Zukunft hat".

Pomp und gehaltvolle Reden

Aber dem widerspricht sogar die eigene Umfrage der neuen Machthaber: Die Unsicherheit bezeichnen fast alle Iraker als das zentrale Problem der Gegenwart - und sie unterwandert das Vertrauen in Freiheit und Demokratie.

Trotz der verschärften Sicherheitslage, einige Hilfsorganisationen haben ihre Mitarbeiter über das Wochenende eigens in den Urlaub geschickt, will auch die Deutsche Botschaft nicht kleinlich sein. Am Freitag wird mit gehaltvollen Reden und einigem Pomp das erste deutsch-arabische Kulturzentrum in Bagdad eröffnet. Die deutschen Vertreter sind sich sicher: das wird ein Fest. Und ein Symbol.

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