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21. Juli 2014, 10:13 Uhr

Sanierung des Schienennetzes

Frisches Geld für Indiens Gammel-Bahn

Von , Neu-Delhi

Auf ihrer Gehaltsliste stehen 1,3 Millionen Menschen: Indiens marode Bahn ist einer der größten Arbeitgeber der Welt - und muss dringend saniert werden. Jetzt sollen höhere Preise und ausländische Investoren die Generalüberholung des maroden Netzes finanzieren.

Abid Zafar hat schon einen langen Weg hinter sich. Einen Nachtflug aus der omanischen Hauptstadt Muskat, in der der Ingenieur als einer von Millionen indischen Gastarbeitern am Golf arbeitet. Dann eine einstündige Fahrt mit der Autorikscha vom Flughafen zum Hauptbahnhof von Neu-Delhi. Doch der letzte Abschnitt seiner jährlichen Heimreise ist derjenige, den der 37-Jährige am meisten fürchtet: Er muss nach Bareilly im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. "Es sind nur 250 Kilometer, aber dafür braucht die indische Bahn über fünf Stunden", sagt Zafar.

Die fünfstündige Bahnfahrt Zafars muss man sich als Höllenritt vorstellen. Bei über 40 Grad Außentemperatur heizen sich auch die klimatisierten Waggons indischer Züge auf Bruthitze auf. Aus den offenen Klos am Ende der Wagen schwappt Kloake durch den Gang. Alle paar Minuten zwängen sich fliegende Händler durch die Menge, sie verkaufen ungenießbare Snacks und Tee, der mit Wasser von fragwürdiger Qualität zubereitet wurde. Das Schlimmste sei diese Enge, sagt Zafar. "Wir Passagiere sitzen Haut an Haut. Und bei dieser Hitze schwitzen alle - widerlich."

Zafar ist einer von 23 Millionen Passagieren, die die indische Bahn an diesem wie an jedem Tag transportiert. Für die Inder ist der Zug das wichtigste Verkehrsmittel, sei es im Nah- oder Fernverkehr. 8000 Passagier- und 4000 Frachtzüge rollen täglich über 115.000 Kilometer Schienen. Die durch das staatliche Eisenbahnministerium gelenkte Bahn beschäftigt 1,3 Millionen Menschen und ist damit einer der größten Arbeitgeber der Welt.

Doch Indiens Bahn steckt in der Krise. Über die Hälfte des Schienennetzes stammt noch aus der britischen Kolonialzeit, also von vor 1947. Züge, Stellwerke, Elektrik, Bahnhöfe: Alles ist veraltet, verrottet, überfüllt und verdreckt.

Sehr niedrige Ticketpreise, enorme Kosten für Fracht

Überall lauern Gefahren für Leib und Leben. Pro Tag sterben durchschnittlich 40 Menschen in oder durch Indiens Bahn. Die meisten fallen von den Dächern der überfüllten Züge oder kommen an nicht gesicherten Bahnübergängen ums Leben. Auch die Wirtschaft leidet unter den Zuständen: Die mangelhafte Infrastruktur des Landes sei in den vergangenen Jahren zunehmend zum Wachstumshindernis geworden, unterstrich der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo, bei einem Besuch in Neu-Delhi.

Schuld am desolaten Zustand der indischen Bahn sind auch die niedrigen Fahrkartenpreise. Obwohl Abid Zafar sich die zweitbeste von vielen Klassen und einen Sitz in einem Waggon mit Klimaanlage gönnt, wird er für seine fünfstündige Odyssee nur umgerechnet sechs Euro zahlen. Würde er nicht klimatisiert und ohne Reservierung reisen, würde sie ihn gar nur 50 Cent kosten. Paradoxerweise sind die Transportkosten für Fracht dagegen enorm. Für Fracht auf der Schiene gehört Indien zu einem der teuersten Länder überhaupt. Doch die Einnahmen aus dem Güterverkehr reichen nicht, um den Passagierverkehr quer zu subventionieren. Umgerechnet über drei Milliarden Euro Miese macht die indische Bahn im Jahr.

Indiens Schienenverkehr und seine Probleme waren eines der Dauerthemen im Wahlkampf für die im April und Mai abgehaltenen Parlamentswahlen. "Bahnhöfe müssen besser ausgestattet sein als Flughäfen", suchte sich der wirtschaftsfreundliche Kandidat der Indischen Volkspartei (BJP) Narendra Modi bei den zigmillionen Bahnkunden einzuschmeicheln. Auch, weil er die Wahl schließlich haushoch gewann, war es ihm möglich, umgehend unliebsame Neuerungen durchzusetzen. Mitte Juni erhöhte die Regierung die Preise für Bahnfahrkarten um 14,2 Prozent, Frachtkosten stiegen um 6,5 Prozent.

Mangelhafte Infrastruktur hemmt das Wachstum

Das Erstaunliche dabei: Der Protest gegen die Preiserhöhung hält sich in Grenzen. In der langen Schlange vor dem Schalter für Fahrkarten ohne Sitzplatzreservierung sprechen sich sogar die ärmsten der Bahnkunden im Hauptbahnhof in Neu-Delhi für teurere Tickets aus. "Ich sehe ein, dass das notwendig ist", sagt Veje Pande, der für seine Heimreise ins 380 Kilometer entfernte Khampur auch nach der Erhöhung nur 1,30 Euro zahlen wird. Zwar muss er als Packer einen halben Tag arbeiten, um diese Summe zu verdienen, "aber wenn der Service endlich besser wird, bin ich bereit, das zu zahlen", sagt Pande, während die Umstehenden nicken.

Neben der Preiserhöhung sollen ausländische Investoren die Schatullen der indischen Bahn füllen. "Wir müssen alternative Geldquellen auftun", sagt Bahnminister Sadananda Gowda. An konkreten Plänen, wie die Generalüberholung vonstattengehen soll, mangelt es jedoch bislang.

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