Bahrain Tausende verwandeln Trauerfeier in Massenprotest

In Bahrain sind große Menschenmengen zu Trauerfeiern für vier getötete Demonstranten geströmt. Diese "Märtyrer-Begräbnisse" nutzten sie zu neuen Protesten gegen die politische Führung. Bundespräsident Wulff hat eine geplante Reise in den Golfstaat bereits abgesagt.


Manama/Istanbul - Er wurde nur 22 Jahre alt. Mahmud Maki Abu Taki wurde bei den Protesten in Bahrain getötet, als die Polizei in der Nacht am Donnerstag brutal gegen Demonstranten vorging. Am Freitag sind er und drei weitere Menschen beerdigt worden - und zu den Trauerfeiern haben sich Tausende Menschen versammelt und protestiert.

Nach Berichten von Augenzeugen strömten am Freitagmorgen rund 15.000 Menschen zu den "Märtyrer-Begräbnissen". Sie forderten den Sturz von König Hamad Ibn Issa Al Chalifa. "Das Regime hat etwas in mir zerstört", sagte der Bruder eines Getöteten. "Wir haben den Rücktritt des Ministerpräsidenten gefordert, aber jetzt verlangen wir den Sturz der ganzen Herrscherfamilie."

Der einflussreiche schiitische Geistliche Scheich Issa Kassim sagte nach seiner Freitagspredigt in einer Moschee der Ortschaft Darras, der Angriff der Polizei auf die Demonstranten sei ein "großes Massaker" gewesen. Die Polizei habe von vornherein geplant, die Demonstranten zu töten, nicht zu vertreiben.

Auf dem Lulu-Platz sind inzwischen wieder Soldaten im Einsatz, die neue Proteste verhindern sollen. Die Polizei behelligte die Trauergäste nach Angaben von Reportern vor Ort zunächst nicht.

Gleichzeitig versammelten sich in der Hauptstadt Manama rund 15.000 Anhänger des Königs, um ihre Loyalität zu König und Regierung zu bekunden. In der ersten öffentlichen Stellungnahme der Regierung nach der blutigen Polizeiaktion sagte Außenminister Chalid Al Chalifa, der Einsatz sei nötig gewesen, weil die Demonstranten "das Land polarisieren". Er nannte die Gewalt bedauernswert und erklärte, die Polizei habe versucht, das "Risiko von Todesopfern zu minimieren".

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Proteste in Bahrain: Tote und Verletzte
Die anderen Golfmonarchien hatten dem Herrscher von Bahrain am Donnerstagabend bei einem Außenministertreffen in Manama den Rücken gestärkt. Sie erklärten, die Staaten des Golfkooperationsrats (GCC) seien alle bereit, Mitgliedstaaten zu unterstützen, wenn deren "Sicherheit und Stabilität" gefährdet sei. Zum GCC gehören Bahrain, Saudi-Arabien, Kuwait, Oman, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar. Arabische Beobachter rätseln nun, ob das benachbarte Saudi-Arabien Truppen nach Bahrain schicken würde, falls es den Sicherheitskräften dort nicht gelingen sollte, den Demonstranten auf Dauer die Stirn zu bieten.

International war der brutale Polizeieinsatz auf dem Lulu-Platz scharf kritisiert worden. Mindestens fünf Menschen waren getötet und mehr als 230 verletzt worden, als die Polizei am Donnerstag gegen Demonstranten in der Hauptstadt Manama vorgegangen war. Danach fuhren auch Panzer in der Stadt auf.

Bundespräsident Wulff sagt Reise nach Bahrain ab

Bundespräsident Christian Wulff sagte eine für kommende Woche geplante Reise nach Bahrain ab. Angesichts des Vorgehens der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten komme zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine Reise des Bundespräsidenten nach Bahrain nicht in Betracht, erklärte ein Sprecher. Versammlungs- und Meinungsfreiheit müssten in vollem Umfang garantiert werden.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Staaten im Nahen und Mittleren Osten aufgefordert, auf Gewalt gegen Demonstranten zu verzichten. In einem Telefonat mit dem Kronprinzen von Abu Dhabi habe Merkel ihre große Sorge über die Ereignisse in der Region zum Ausdruck gebracht, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Ausübung der Meinungs- und Demonstrationsfreiheit sei ein universelles Recht.

Handgranate verletzt Demonstranten im Jemen

Dieses Recht fordern auch am Freitag wütende Demonstranten in anderen arabischen Staaten ein. Einen dramatischen Vorfall gab es im Jemen: Ein Unbekannter warf laut Augenzeugen eine Handgranate in eine Menge demonstrierender Regierungsgegner in der jemenitischen Stadt Tais. Ein Mensch soll getötet worden sein, mindestens 25 wurden verletzt. Zehntausende Gegner und Anhänger von Präsident Ali Abdullah Salih hatten in Tais demonstriert, das rund 200 Kilometer südlich der Hauptstadt Sanaa liegt.

In Libyen wurden am Freitag erneut Demonstrationen gegen Staatschef Muammar al-Gaddafi erwartet. Augenzeugen berichteten, Regierungsgegner hätten die Nacht auf einem zentralen Platz in der zweitgrößten Stadt Bengasi verbracht. Am Donnerstagabend habe Gaddafi in der Hauptstadt Tripolis auf einer Kundgebung von Regierungsanhängern um Unterstützung geworben, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Jana. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch waren bei den Protesten am Mittwoch und Donnerstag 24 Menschen getötet worden.

In Ägyptens Hauptstadt Kairo versammelten sich am Freitag Tausende Ägypter zum Freitagsgebet und zogen danach in einem "Siegesmarsch" zur Feier des nach 18 Tagen erzwungenen Rücktritts des langjährigen Präsidenten Husni Mubarak zum Tahrir-Platz. Die Gruppen, die die Protestbewegung organisiert hatten, erklärten den Freitag zum "Freitag des Sieges und der Fortführung". Eine Woche nach dem Rücktritt Mubaraks ist die politische Lage in Ägypten noch ungeklärt. Die Macht hat der Oberste Rat der Streitkräfte, der Reformen versprochen hat.

In der Stadt Basra im Irak demonstrierten rund tausend Menschen für höhere Rentenzahlungen, bessere Versorgungsleistungen der Regierung und mehr Arbeitsplätze. Zudem blockierten die Demonstranten eine Brücke und forderten den Rücktritt des Provinzgouverneurs.

Rund 800 Menschen gingen im Golf-Sultanat Oman für ein Parlament mit stärkeren Vollmachten auf die Straße. Die Teilnehmer skandierten Parolen wie "Ja zu Reformen! Nein zur Korruption!" und "Wir wollen Demokratie!", berichteten Augenzeugen. Die Polizei hielt die Demonstranten allerdings davon ab, ins Stadtzentrum zu ziehen. Die Kundgebung verlief ohne Gewalt und Zusammenstöße. Im Oman, der von Sultan Kabus nahezu absolutistisch regiert wird, hat das Parlament lediglich eine beratende Funktion. Politische Parteien sind verboten.

kgp/dpa/Reuters/dapd

insgesamt 2 Beiträge
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join3 18.02.2011
1. Noch ein Plätzchen frei ?
Zitat von sysopIn Bahrain sind große Menschenmengen zu Trauerfeiern für vier getötete Demonstranten geströmt. Diese "Märtyrer-Begräbnisse" nutzten sie zu neuen Protesten gegen die politische Führung im Golfstaat. Anhänger des Königs hielten eine Gegendemonstration ab. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,746391,00.html
Falls begeisterte Forumsdemokraten ein Zimmerchen für flüchtende Bahrainis, Ägypter, Tunesier .... frei hat - bitte bei SPon melden !
snickerman 18.02.2011
2. ?
Zitat von join3Falls begeisterte Forumsdemokraten ein Zimmerchen für flüchtende Bahrainis, Ägypter, Tunesier .... frei hat - bitte bei SPon melden !
Was wollen Sie jetzt damit sagen? In die befreiten Länder werden nun nach und nach die Exilanten zurückkehren, die aus politischen Gründen fliehen mussten, wird die Wirtchaft reformiert, kommen auch weniger Armutsflüchtlinge. Wer wegen demokratischer Meinungsäußerungen ob in Bahrain, Lybien oder dem Iran verfolgt wird, dem gewähre ich gern die Aufnahme! Was allerdings die Kleptokratie angeht, die Hofschranzen und Diktatoren, für die es keinen Platz mehr gibt, für die findet sich bestimmt ein umzäuntes Refugium in der Wüste mit hohen Mauern und vergitterten Fenstern. Geboten werden Vollpension (3 Mahlzeiten am Tag), frische Luft (täglicher Hofgang) und fürsorgliches Personal (auch als "Wärter" bekannt).
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