Balkan-Experte Altmann Es droht ein Flächenbrand

Die Rebellen, die Tetovo seit Tagen angreifen, wollen für die albanische Minderheit in Mazedonien mehr Rechte durchsetzen. Franz-Lothar Altmann, Leiter der Forschungsgruppe Südosteuropa bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, warnt in SPIEGEL ONLINE vor einem Flächenbrand in der Krisenregion.


UCK-Forderung: Mehr Rechte für die albanische Minderheit
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UCK-Forderung: Mehr Rechte für die albanische Minderheit



SPIEGEL ONLINE:

Wer sind die Kämpfer, die Tetovo derzeit umlagern?

Altmann: Es scheint eine Mischung zu sein. Am Anfang waren es Leute, die zum Teil als mazedonische Albaner im Kosovo gekämpft haben und auch einige Kämpfer der kosovarischen UCK. Nachdem die UCK aufgelöst wurde standen sie plötzlich auf der Straße und sind verbittert darüber, dass sie auch in den Verwaltungen nicht unterkamen. Sie suchten Beschäftigung und haben sich den mazedonischen Kämpfern offensichtlich angeschlossen, die aus dem Krieg zurück kamen. Das war der Kern. Und in letzter Zeit haben sich junge albanische Mazedonier angeschlossen. Insgesamt ist ihre Zahl jetzt auf geschätzte 1000 bis 2000 angewachsen.

SPIEGEL ONLINE: Die Rebellen fordern mehr Gleichberechtigung für die albanische Minderheit in Mazedonien. Welche Ziele verfolgen sie genau?

Altmann: Für Mazedonien lässt sich festhalten, dass sie die albanische Minderheit als zweite staatstragende Nation aufgewertet haben wollen. Zudem treten sie dafür ein, das Albanische als zweite Amtssprache zu etablieren. Zudem wollen sie eine eigene staatliche Universität. Sprecher der sich neu formierten UCK fordern darüber hinaus eine Umwandlung des Staates in eine Föderation.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Albaner leben derzeit in Mazedonien?

Altmann: Nach der letzten Volkszählung, die allerdings von Albanern als weit überholt bezeichnet wird, waren es 500.000. Albanischen Angaben zufolge sind es inzwischen 800.000. Also zwischen einem Drittel und einem Viertel der Gesamtbevölkerung.

SPIEGEL ONLINE: Vielfach wird vermutet, die Drahtzieher der jüngsten Angriffe sitzen im Kosovo.

Altmann: Die neue UCK agiert nicht als verlängerter Arm der Kosovo-Kräfte, zumindest nicht von denen, die politisch im Kosovo tätig sind. Die haben sich eindeutig von den Angriffen distanziert. Politiker wie Ibrahim Rugova und Hashim Thaci merken mitterweile, dass die Aktivitäten im Presevo-Tal als auch jetzt in Mazedonien und die Übergriffe im Kosovo dem Bild der Albaner sehr schaden und damit auch ihren politischen Bestrebungen , nämlich die Unabhängigkeit des Kosovo zu erreichen. Die Sympathien, die bei den "good guys" lagen, schwinden und sie werden langsam zu den "bad guys".

SPIEGEL ONLINE: Die letzten Kommunalwahlen im Kosovo hat der als gemäßigt geltende Rugova gewonnen. Was aber ist mit den Verlierern, den radikaleren Albanern? Es gibt Vermutungen, dass sie als Drahtzieher dieser neuen Gewaltaktionen versuchen, das Ruder wieder herum zu reißen und die ethnischen Auseinandersetzungen gezielt zu schüren.

Altmann: Das ist aber durch die Wahlen widerlegt worden. Da hatte man ja auf der Thaci-Seite gemeint, dass man radikale Forderungen stellt und radikale Aktionen unterstützt und die Leute damit auf seine Seite ziehen könnte. Das ist offensichtlich nicht aufgegangen. Ich glaube daher nicht, dass die jüngsten Aktionen von diesen Kräften getragen werden. Andererseits kann man bei Thaci auch nie ganz sicher sein.

SPIEGEL ONLINE: Wer steckt also hinter den jüngsten Angriffen der Freischärler?

Altmann: Ich bin überzeugt, dass keine zentrale Lenkung von einer oberen politischen Instanz ausgeht, sondern dass es eine kleine Splittergruppe war, die sich entschlossen hat, die Albaner in Mazedonien zu radikalisieren. Mit den Forderungen, die man stellt, versuchen sie, die Leute auf ihre Seite zu ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert so etwas?

Altmann: Es ist natürlich immer einfach, zu behaupten, die andere Seite, die mazedonische Polizei, ist rüde, repressiv und die gemäßigten albanischen Politiker haben nichts erreicht. Nach dem Motto: Jetzt müssen wir endlich selbst etwas tun, um für die albanische Minderheit größere Rechte durchzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie die Lage der Albaner in Mazedonien ?

Altmann: Sie sind eine Minderheit, nicht staatstragendes Volk. Dafür haben sie für den Balkan sehr weit reichende Rechte. Sie stellen Minister in der Regierung und haben Stellvertreter in den Ministerien, die nicht von ihnen besetzt sind. Zudem verfügen sie über eigene Schulen, eine eigene Universität. Es ist also nicht so, dass sie völlig missachtet werden. Aber sie sind eben trotz allem eine Minderheit.

SPIEGL ONLINE: Welche Lösungen zur Beilegung der Krise bieten sich momentan an?

Altmann: Man kann derzeit nur eines versuchen: alle Parteien so schnell wie möglich an einen Tisch bringen, auch die UCK-Vertreter. Die sollen dann ihre Forderungen auf den Tisch legen. Die Regierung in Skopje muss dann ebenfalls ihre Positionen definieren und sagen, was Mazedonien bereit ist, den Albanern zu geben - also staatstragende Nationalität zuzugestehen, Albanisch als zweite Amtssprache zu akzeptieren und auch die albanische Privat-Universität in Tetovo als staatliche Universität anzuerkennen oder nicht. Wenn man es hier nicht schafft, einen Kompromiss zu finden, dann entsteht ein Bürgerkrieg.

SPIEGEL ONLINE: Woher haben die Albaner ihre Waffen ?

Altmann: Die UCK hat nach dem Kosovo-Krieg nicht alle Waffen abgegeben. Es gibt immer noch versteckte Lager, die man findet, und auch in Mazedonien hat es Lager gegeben. Während des Befreiungskampfes kam ein Teil der Waffen für den Kosovo aus Albanien über Mazedonien in den Kosovo. Die Waffenkäufe waren vor allem durch Spenden der albanischen Diaspora in ganz Europa finanziert worden. Und noch immer sind albanische Spendeneintreiber unterwegs, so dass auch von dem neuen Geld Waffen gekauft werden können. Für gezielte Geschenke der Amerikaner oder auch der Engländer an UCK-Einheiten, wie das jetzt auch diskutiert wird, gibt es keine stichhaltigen Hinweise.

SPIEGEL ONLINE: Die mazedonische Armee hat mobil gemacht und damit begonnen, die Stellungen der Albaner anzugreifen. Ist sie den Rebellen überhaupt gewachsen?

Altmann: Die mazedonische Armee ist schwach. Sie verfügt über lediglich 10.000 Mann und veraltete Waffen. Als die jugoslawische Armee abzog, wurden die wichtigsten Waffen mitgenommen. Wenn die Situation eskalieren sollte, hat die mazedonische Armee allein keine Chance, sich gegen die Rebellen durchzusetzen. Zumal in der Armee ja auch Albaner dienen. Wie die sich dann stellen, kann man sich ausrechnen.

SPIEGEL ONLINE: Die Nato hat für die Kfor-Friedenstruppe lediglich ein Mandat für das Kosovo. Die USA und die EU haben ein militärisches Eingreifen bislang ausgeschlossen. Welche Möglichkeiten bleiben für die internationale Gemeinschaft, sich in den Konflikt einzuschalten?

Altmann: Wenn es die Parteien nicht schaffen, sich so schnell wie möglich an einen Tisch zu setzen, besteht die Gefahr eines Flächenbrandes, der allerdings auf Mazedonien beschränkt bleiben wird. Dass die Gewalt auf Albanien überspringt, kann man derzeit ausschließen. Wenn die mazedonische Regierung die internationale Staatengemeinschaft um Hilfe bittet, den Uno-Sicherheitsrat anruft und Friedenstruppen fordert, dann wird es spannend.

Die Fragen stellte Marion Kraske



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