Urteil im Fall Freddie Gray Das Fanal von Baltimore

Die USA warten auf das Urteil gegen den Polizisten, in dessen Gewahrsam der Schwarze Freddie Gray starb. Nach dem Tod brannte Baltimore - ein Freispruch könnte die Unruhen erneut entfachen.

Demonstranten vor dem Gericht in Baltimore
AFP

Demonstranten vor dem Gericht in Baltimore

Von Franca Wolf, Baltimore


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Es wirkt fast so, als sei der Angeklagte, der Polizeibeamte Caesar R. Goodson, gelangweilt von seinem eigenen Gerichtsverfahren. Jedes Mal, wenn die Anwälte an das Richterpult im Gerichtsgebäude von Baltimore gerufen werden, stellt er sich nach ganz außen an den Rand, als sei er nicht beteiligt. Er spricht an diesem Tag nur ein einziges Mal - um die Aussage zu verweigern. Entweder ist Goodsons scheinbare Teilnahmslosigkeit seine Art, mit der Anspannung umzugehen. Oder aber er ist so siegesgewiss, wie sich seine Anwälte öffentlich geben, wenn sie behaupten, dass die Anklage chancenlos sei.

Angeklagter Caesar Goodson
REUTERS

Angeklagter Caesar Goodson

Goodson, 46, ist von schmächtiger, fast zarter Statur, mit seiner getönten Brille und der Krawattennadel ginge er auch als Buchhalter durch. Er ist der Hauptverdächtige in einer der wichtigsten Prozessserien Amerikas: der Verhandlung gegen ein halbes Dutzend Polizeibeamte, die für den Tod des jungen Schwarzen Freddie Gray verantwortlich sein sollen.

Goodson wird unter anderem des Mordes mit bedingtem Vorsatz angeklagt. Es geht um Gerechtigkeit - für Grays Angehörige, für Baltimore, das seit den schweren Krawallen nach Grays Tod nicht zur Ruhe gekommen ist, und für die US-Gesellschaft insgesamt, die immer wieder von tödlicher Polizeigewalt gegen Schwarze erschüttert wird.

Am 12. April 2015 wurde Gray festgenommen. Der 25-Jährige war an einem Sonntagmorgen einer Polizeistreife in einem der Problemviertel im Nordwesten Baltimores aufgefallen, und als die Polizisten ihn zu mustern begannen, fing er an zu rennen, ohne ersichtlichen Grund. Die Polizisten liefen ihm hinterher, sie stellten ihn, warum, war nicht klar. Als die Beamten ihn durchsuchten, fanden sie weder Waffen noch Drogen, nur ein Messer, das erlaubt war.

Dennoch wollten die Beamten Gray auf die Wache bringen, Goodson fuhr ihn im Polizeiwagen. Auf der Fahrt erlitt Gray einen Bruch der Halswirbelsäule und fiel ins Koma, eine Woche später erklärten ihn die Ärzte für tot. Am Abend seiner Beerdigung eskalierten in Baltimore die Proteste, es gab Plünderungen, eine große Drogerie-Filiale wurde niedergebrannt, die Stadt verhängte eine Ausgangssperre und rief den Notstand aus.

Handyvideo: Augenzeuge dokumentiert Grays brutale Festnahme

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Vor Gericht wird nun verhandelt, ob Goodson und fünf andere Polizisten schuldig sind an Grays Tod. Goodsons Anklage ist dabei die schwerwiegendste, er muss sich als einziger einer Mordanklage stellen. Der Prozess gegen einen anderen Polizisten, William Porter, war bereits im Dezember gescheitert, weil sich die Jury nicht auf ein Urteil einigen konnte. Der zweite Angeklagte, Edward Nero, wurde Ende Mai in allen Anklagepunkten freigesprochen. Der Druck auf Staatsanwältin Marilyn Mosby ist enorm. Sollte auch Goodson freigesprochen werden, wird wohl keiner der beteiligten Polizisten zur Rechenschaft gezogen.

Die Anspannung groß. Bei der Zeugenbefragung schreit eine Vertreterin der Staatsanwaltschaft gereizt, dass es doch gesunder Menschenverstand sei, alle Passagiere im Polizeiauto anzuschnallen - wie sich im Laufe der Ermittlungen herausstellte, war Gray während der Autofahrt nicht angegurtet. Den Anklägern fällt es schwer zu beweisen, dass Goodson Gray gezielt verletzt hat, indem er ihn nicht anschnallte, besonders gefährlich und schnell fuhr und wiederholt Grays Bitte nach ärztlicher Hilfe ignorierte.

Der zuständige Richter Barry Williams hat bereits "Besorgnis" über die Erfolgschancen der Anklage geäußert, nachdem die Verteidigung beantragt hatte, alle Anklagepunkte fallen zu lassen. Zwar lehnte Williams den Antrag ab, betonte aber, dass es sich um eine knappe Entscheidung bezüglich der Mordanklage handelte.

Resignation vor dem alltäglichen Rassismus

Während Richter Williams den Prozess nach geltenden Gesetzen entscheiden muss, wird auch ihm bewusst sein, dass ein Freispruch neue Proteste auslösen könnte. Es war Staatsanwältin Marilyn Mosby, die die Lage in Baltimore voriges Jahr beruhigt hatte. In einer leidenschaftlichen, landesweit übertragenen Pressekonferenz verkündete sie zwei Wochen nach Grays Tod, dass sie Anklage gegen die beteiligten Polizisten erheben würde. Auf den Stufen eines Kriegsdenkmals stehend, wandte sich die schwarze Staatsanwältin an die "Jugend dieser Stadt" und versprach: "Ich werde in eurem Namen Gerechtigkeit herstellen. Unsere Zeit ist gekommen."

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Polizeigewalt gegen Schwarze in USA: "Gewalt bringt keine Gerechtigkeit"

In einem Land wie den USA, in dem das Risiko für Schwarze, in Polizeigewahrsam zu sterben, viermal so hoch ist wie für Weiße, wurde Mosby damit zur Symbolfigur. Freddie Gray sollte nicht noch ein weiterer Name auf der langen Liste derer werden, die von Polizisten getötet wurden, ohne dass diese belangt würden. Baltimore würde nicht Cleveland sein, wo kein Verfahren gegen den Polizisten eröffnet wurde, der den zwölfjährigen Tamir Rice erschoss. Oder New York, wo der Polizist, der Eric Garner in einen tödlichen Würgegriff nahm, einer Anklage entging. Oder Ferguson, wo der Polizist, der Michael Brown erschoss, ungestraft blieb. Die Menschen in Baltimore trugen T-Shirts mit Mosbys Antlitz und Marylands Kongressabgeordneter Elijah Cummings nannte Mosby "ein Geschenk Gottes".

Die Euphorie ist längst verflogen. Demonstranten, die Mosby vor einem Jahr noch feierten, protestieren nun lautstark vor ihrem Büro und ihrem Zuhause. Ihr wird vorgeworfen, nur aus politischen Gründen Anklage gegen die Polizisten erhoben zu haben. Ihr Ehemann Nick Mosby sitzt im Stadtrat für den Bezirk, aus dem Gray stammt, und kandidierte kurzzeitig für das Amt des Bürgermeisters. Außerdem sei Mosby inkonsequent: Während sie die Polizisten im Gray-Fall angeklagt habe, gäbe es zahlreiche andere Fälle von Polizeigewalt, die sie nicht verfolgen würde.

Drohen neue Unruhen in Baltimore?

Arthur Johnson, 65, verfolgt den Prozess gegen die Polizisten von Beginn an, jeden Verhandlungstag stellt er sich vor das Gericht mit einem Schild, auf dem "Gerechtigkeit für Freddie Gray" steht. Trotz der bisherigen Rückschläge der Staatsanwaltschaft versucht Johnson, optimistisch zu bleiben, aber es gelingt ihm nur schwer. "Ohne Verurteilung wird die Polizei nicht abgeschreckt. Die machen einfach weiter und kommen ungestraft davon", sagt der pensionierte Kranführer.

Auch die wirtschaftlichen und sozialen Umstände in Baltimore geben wenig Grund zum Optimismus. Die Arbeitslosenquote liegt über dem nationalen Durchschnitt. Die Mordrate ist innerhalb eines Jahres um 63 Prozent gestiegen und auf dem höchsten Stand der Stadtgeschichte. Der Polizei gelingt es nicht einmal, ein Drittel der Mordfälle aufzuklären.

In diesen Tagen ist die Polizeipräsenz rund um das Gericht im Zentrum Baltimores besonders hoch. In fast jeder Straße patrouilliert ein Polizist, zwei Polizeihubschrauber kreisen über der Stadt. Der Richter wird am Donnerstagmorgen das Urteil sprechen.


Zusammengefasst: Am Donnerstag endet in Baltimore der Prozess gegen den Polizisten, in dessen Gewahrsam Freddie Gray starb. Viele Menschen in der Stadt hoffen, dass der Beamte verurteilt wird, doch der Angeklagte gibt sich siegessicher. Bei einem Freispruch drohen neuen Unruhen.

insgesamt 16 Beiträge
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kosaptes 23.06.2016
1. Erwähnt
Frau Wolf erwähnt in ihrem Artikel nicht, dass der angeklagte Goodson selbst schwarz ist. Die Staatsanwältin scheint wenig Chancen zu haben und deshalb in diesem Fall nicht weiter zu kommen. Also scheint die Behauptung das hier ein politischer Prozess bei schlechter Beweislage scheitert nicht von der Hand zu weisen zu sein.
Harald Schmitt 23.06.2016
2. Merkwürdig
wenn es ums Aufklären von Straftaten geht, gibts immer keine zeugen aber sobald die Polizei auftaucht, gibts massenweise Handyvideos um die Polizeibrutalität zu zeigen. Der Polizist scheint ja auch kein weißer zu sein also deswegen immer gleich mit der Rassismuskeule zu kommen scheint mir etwas überzogen. Wollen die einen Job machen, in einem Land wo jeder frei an Sturmgewehre und Schusswaffen kommt und jede minute die letzte sein könnte?! Die verklagen doch lieber alle auf Millionen für Schadenersatz als bessere Ausbildun, Ausrüstung und Prevention zu fordern. Und wenn dann bei den Protesten noch einiges zu Bruch geht, spricht das auch nicht gerade für die Unschuld aller Schwarzen an den Problemen.
phboerker 23.06.2016
3. fahrlässige Tötung?
Und warum muss es gleich eine Verurteilung wegen Mordes sein? Täte es nicht auch fahrlässige Tötung, schwere Körperverletzung mit Todesfolge oder unterlassene Hilfeleistung?
imlattig 23.06.2016
4. Dieser polizist...
Wird verurteilt w e i l er ebenfalls farbig ist. Er war zur falschen zeit am falschen ort wie Man so schoen im weissen amerika sagt.
Aspekte plus 23.06.2016
5. Akzeptanz des Schuldstrafrechts schwindet
Unser westliches Strafrecht ist seit Jahrhunderten auf dem Weg vom Erfolgs- zum Schuldstrafrecht und vor allem allein auf den Täter und nicht die Opfer ausgerichtet. "Gerechtigkeit für Freddie Gray" ist darin nicht vorgesehen. Das klingt zynisch, ist es aber nicht. Auch in den Medien wird seit Jahren jeder Freispruch als "Urteil gegen das oder die Opfer" dargestellt. Das Schuldstrafrecht ist eine grosse kulturelle Leistung, die ganz sicher nicht vom Volk ausging und ausgeht. Für Betroffene kaum je zu akzeptieren, darum auch die strengen Ausstandsregeln überall. Kein normaler Mensch, der direkt betroffen ist, kann es wirklich anwenden - es ist nur abstrakt zu akzeptieren. Ich kenne das US-Fallrecht nicht und der US-Prozess im 2-Parteienverfahren ohne Offizialmaxime ist mit dem kontinentaleuropäischen nicht zu vergleichen. Zu sagen ist nur, nach der hiesigen Strafrechtslehre über die Täterschaft und die Tatherrschaft stünden die Chancen für einen Freispruch gut. Schulbeispiel im Haftpflichtrecht sind die zwei Autofahrer die hintereinander einen Fussgänger überfahren. Kann nicht festgestellt werden, wer den Fussgänger getötet hat, haftet keiner für den Schaden. Und das Zivilrecht verlangt nur den strikten, nicht den unumstösslichen Beweis. Aber ein tatsächlicher Fall ist keine Seminararbeit - auch das unabhängigste Gericht ist vom Einfluss der Öffentlichkeit nicht frei. Das Volksgericht und das Mediengericht tagt immer mit. Wenn gar noch "Unruhen" zu erwarten sind, die weitere Todesopfer fordern könnten, steht jedes Gericht vor Entscheidungen, die ausserhalb seiner Zuständigkeiten liegen. Politische Urteile sind Sargnägel am Rechtsstaat und jedes solche provoziert neue. Das US-Strafrecht wurde in extremis gestaltet, um jede "Kabinettsjustiz" zu verhindern - aus den Erfahren der Siedler, die ja oft vor religiöser Verfolgung geflohen sind. Alles sollte so transparent wie möglich sein - ohne die Unabhängigkeit der Gerichte zu gefährden. Darum auch die Isolation der Geschworenen. Nur haben sich die Zeiten und die Technik so geändert, dass heute dazu faktische Gruppen-Isolationshaft nötig ist. Allerdings scheint hier kein Schwurgericht einberufen worden zu sein. Früher war nicht alles besser, aber eines ganz sicher. Gisela Friedrichsen hat im SPIEGEL mit ihrer Berichterstattung immer auf eine auch für Laien verständliche Weise auf die ratio legis, den Sinn einer Strafnorm und ihre theoretischen Grundlagen hinweisen können und so sicher mehr zu Akzeptanz des Systems und zum gesellschaftlichen Frieden beigetragen als tausend Berichte über Demos vor Gerichtsgebäuden und die Stimmung im Volke das je könnten. Gerade die begründete Furcht vor Unruhen wäre ein Anlass zur vertieften, theoretischen Betrachtung. Von den Angehörigen der Opfer und denen, die sich mit ihnen aus offensichtlichen und zutiefst menschlichen Gründen identifizieren, darf das nicht erwartet werden. Viele Berichte in den Medien setzen sich scheinbar für die Opfer ein, machen sie aber im Falle eines Freispruchs zu einer Art Schuldigen und/oder Justizopfern. Vergeltung und Sühne sind auch Strafzwecke, die Schuld des Täters steht aber klar im Vordergrund.
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