Proteste in Bangkok Thailands Machthaber jagen den Anführer der Revolte

Zehntausende Demonstranten versuchen, Thailands Regierung zu stürzen. Sie stürmen Ministerien in der Hauptstadt Bangkok. An ihrer Spitze steht der ehemalige Vizepremier Suthep. Jetzt droht ihm die Festnahme - und damit eine Eskalation.

DPA

Aus Bangkok berichtet Mathias Peer


Es war eine kurze Nacht für den Mann, der Thailands Regierung stürzen möchte. Um kurz nach sieben Uhr morgens trifft Suthep Thaugsuban, der Anführer der Protestbewegung, auf dem Gelände des Finanzministeriums in Bangkok ein. Mit Hunderten Demonstranten hat er den Gebäudekomplex eingenommen. Wie ein Volkstribun marschiert er am Dienstagmorgen über das Areal. Seine Anhänger umringen ihn, schwenken thailändische Landesflaggen und blasen in ihre Trillerpfeifen. Suthep lächelt in die Handykameras.

Es ist Tag zwei der Protestoffensive in der thailändischen Hauptstadt. Nach der Besetzung mehrerer Regierungsgebäude am Montag fühlen sich die Oppositionsanhänger im Aufwind und wollen nun weitere Teile der Regierung lahmlegen. Doch einige Stunden später reagieren die Machthaber: Ein Strafgericht erlässt einen Haftbefehl gegen Suthep. Er solle aufgeben, andernfalls werde er in Gewahrsam genommen.

Doch damit ist nicht zu rechnen. Denn das Ziel von Suthep und seinen Anhängern ist klar: Sie wollen die Regierung von Premierministerin Yingluck Shinawatra mit aller Macht zu Fall bringen.

Doch wie das geschehen soll, weiß niemand so recht. Die Bewegung wartet auf die Anweisungen ihres Anführers. Im Halbkreis scharen sich am Dienstag seine Anhänger und Fernsehteams um den Oppositionspolitiker, der sich nach seiner Tour über das Ministeriumsgelände auf einem blauen Plastikstuhl im Innenhof niederlässt. Doch statt zu seinen Mitstreitern zu sprechen, trinkt Suthep Kaffee und liest Zeitung. Das Titelbild zeigt ihn bei der Stürmung der Behörde am Vortag.

Als er die Lektüre beendet hat, winkt Suthep den Reporter von SPIEGEL ONLINE zum Gespräch zu sich. Er will bei der internationalen Presse einen guten Eindruck hinterlassen und sich als Reformer positionieren. "Wir müssen das politische System in Thailand grundlegend ändern und die Korruption mit aller Härte bekämpfen", sagt er. "Die aktuelle Regierung missachtet den Rechtsstaat, betreibt Populismus und verfolgt eine desaströse Haushaltspolitik. Wir können das nicht länger zulassen."

Volksfeststimmung bei den Ministeriumsbesetzern

Der 64-Jährige war noch bis vor kurzem Abgeordneter der Opposition, legte sein Mandat aber nieder, um die Proteste der Regierungsgegner anzuführen. Mit seinem Eindringen in die Machtzentren der thailändischen Politik sorgt er für die schwerste politische Auseinandersetzung in dem südostasiatischen Land seit den blutigen Unruhen im Jahr 2010. Damals waren Proteste von Anhängern der heutigen Regierung von den Streitkräften gewaltsam niedergeschlagen worden. Rund 90 Menschen wurden dabei getötet. Suthep war zu dieser Zeit Vizepremier. Ihm wird vorgeworfen, den Einsatz der Soldaten angeordnet zu haben.

Bei den aktuellen Protesten verspricht er Gewaltfreiheit. "Wir sind absolut friedlich", sagt er. "Niemand von uns hat eine Waffe, nicht einmal meine Leibwächter." Von Aggression ist unter den Ministeriumsbesetzern tatsächlich nichts zu spüren. Rund um die Behörde herrscht Volksfeststimmung. An mehreren Ständen wird kostenloses Essen an die Demonstranten ausgeteilt. Auf einer improvisierten Bühne musiziert ein Klarinettenspieler. Händler verkaufen Trillerpfeifen und Stirnbänder in den Nationalflaggen - die passenden Fanartikel zum Protest.

Deutlich hitziger sind die Szenen, die sich seit Dienstagmittag Ortszeit vor weiteren Regierungsgebäuden abspielen. Hunderte Demonstranten haben das Innenministerium umzingelt, sie fordern die Beamten lautstark dazu auf, ihre Arbeit niederzulegen. Auch vor den Ministerien für Tourismus, Landwirtschaft und Transport haben sich Oppositionsanhänger versammelt. Sie drohen damit, die Strom- und Wasserversorgung zu unterbrechen.

Währenddessen muss sich Regierungschefin Yingluck im Parlament einer zweitägigen Debatte zu einem Misstrauensvotum stellen. Der Druck auf sie ist in den vergangenen Wochen massiv gewachsen. Auslöser der Protestwelle war der Versuch der Regierungspartei, ein umstrittenes Amnestiegesetz durchzusetzen. Dieses hätte Yinglucks Bruder, Ex-Premier Thaksin Shinawatra, die Rückkehr aus dem Exil ermöglichen sollen. Er lebt derzeit im Ausland, um einer Haftstrafe wegen Korruption während seiner Amtszeit zu entgehen.

"Thaksin-System endgültig beseitigen"

Unter den Oppositionsanhängern ist Thaksin verhasst. Allein die Aussicht darauf, dass er wieder ins Land kommen könnte, hat ausgereicht, um Hunderttausende zu mobilisieren. Das Amnestiegesetz ist mittlerweile zwar vom Tisch. Die Opposition versucht aber die Chance zu nutzen, um die Regierung komplett zu entmachten, die aus ihrer Sicht im Hintergrund von Thaksin gelenkt wird. "Es ist die Zeit gekommen, das Thaksin-System endgültig zu beseitigen", sagt Protestanführer Suthep.

Welches System ihm stattdessen vorschwebt, bleibt im Ungewissen. Noch am Wochenende sprach er sich laut Medienberichten für eine "Monarchie in ihrer wahren Form" aus. Jetzt sagt er nur: "Wir werden das Wahlrecht verändern müssen." Mit weiteren Demonstrationen will er aufs Tempo drücken.

"Ich möchte die Sache so schnell wie möglich zu Ende bringen", sagt er. "Die Leute müssen schließlich bald wieder zur Arbeit gehen."

insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
highflight 26.11.2013
1.
---Zitat--- Thailands Machthaber jagen den Anführer der Revolte ---Zitatende--- Wieder mal eine Schlagzeile auf BILD-Niveau. Gegen Suthep wurde ein Haftbefehl erlassen, weiter nichts. Abgesehen davon, dass dies auch in jedem Rechtsstaat das Mittel der Wahl waere gegen einen Mann, der zum Landfriedensbruch aufruft und ihn selbst begeht: In Thailand werden seit Jahren permanent Haftbefehle erlassen, die nur seltenst je vollzogen werden. Gegen die Anfuehrer der Gelbhemden wurden anlaesslich der Unruhen 2006 bis 2008 Dutzende Haftbefehle ausgestellt. Weder Sondhi Limthongkul, noch sein Kumpan Chamlong Srimuang haben auch nur einen Tag hinter Gittern verbracht. Der "Freiheitskaempfer" Suthep war uebrigens in seiner Funktion als Innenminister massgeblich daran beteiligt, als 2010 in Bangkok (nach offiziellen Angaben) um die hundert Demonstranten erschossen und Tausende verletzt wurden. Was hier seit dem Putsch von 2006 stattfindet ist kein Kampf zwischen Demokraten und Unterdrueckern oder zwischen Reich und Arm, sondern schlicht einer um die Plaetze an den Futtertroegen eines der korruptesten Laender der Welt.
dschungelmann 26.11.2013
2. Ich kenne Suthep persoenlich.....
Dieser Mann hat dafuer gesorgt, das ca. 10 Korruptionsprozesse gegen ihn niedergeschlagen wurden u.a. der Ankauf und die beginnende Abholzung eines unter Naturschutz stehenden Berges bei Surrathani durch seinen Sohn. Das einzige das ihn von Thaksin Shinawatra unterscheidet ist, das er kein Massenmoerder ist(Drogenkrieg 2004 waehrend dem ueber2000 Menschen durch Todesschwadrone aussergerichtlich ermordet wurden auf Befehl Thaksins, sehr viele erwiesenermassen unschuldig). Was Suthep versucht ist, das "alte Geld" Bangkoks und die intellektuellen Eliten wieder an die Futtertroege zu bringen von denen Yingluck sie durch ihren Wahlsieg und durch ihre kaum bezahlbaren populistischen Massnahmen verdraengt hat. Im Grund ist es egal wer Thailand "regiert". Korrupt bis ins Mark sind sie alle. Daher kann ich ueber Sutheps "Kampf der Korruption" nur mild laecheln. Bleibt abzuwarten wie sich die Armee verhaelt. Es bleibt spannend.
addit 26.11.2013
3. Ist doch eigentlich wie bei uns!
"Die aktuelle Regierung missachtet den Rechtsstaat, betreibt Populismus und verfolgt eine desaströse Haushaltspolitik. Wir können das nicht länger zulassen."... nur stellt sich hier keiner gegen Mutti oder geht auf die Strasse. Der Gysi könnt's machen, oder? Ich wär jedenfalls dabei!
fxe1200 26.11.2013
4. Kann mich den Kommentaren
Nr. 1 und 2 nur anschließen, nach 11 Jahren in diesem an sich so schönen Lande. Gut, dass die ganze Arie sich in Bangkok abspielt, hier im Süden, in Hat Yai, ist alles wie immer. Und hier wird sich auch nichts ändern, egal wer dort oben am Ruder steht.
eaglereno 26.11.2013
5. Alle paar Jahre
wieder das gleiche Spiel in Thailand. Ich habe 17 Jahre in diesem Land gelebt und gearbeitet, und weiß garnicht mehr wie oft ich diese Situationen miterlebt habe. Das Land wird wohl kaum um einen Bürgerkrieg herumkommnen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.