Textilarbeiterinnen in Bangladesch "Die meisten leben auf neun Quadratmetern, ohne Fenster"

Kalpona Akter setzt sich für die Rechte der Textilarbeiter in Bangladesch ein. Hier erklärt sie, was sich seit dem Rana-Plaza-Einsturz in den Fabriken verändert hat - und worauf Konsumenten achten sollten.
Ein Interview von Fiona Weber-Steinhaus
Arbeiterin in einer Textilfabrik in Bangladesch (Archivbild)

Arbeiterin in einer Textilfabrik in Bangladesch (Archivbild)

Foto: Nick Kaiser/ dpa

Weil viele Menschen im Westen Fast Fashion lieben, nähen in Textilfabriken in Bangladesch die zumeist weiblichen Arbeiterinnen im Akkord T-Shirt um Hose um Sommerkleid.

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Dass die Arbeitsbedingungen mies und sogar lebensgefährlich sind, erfuhr die Welt am 24. April 2013, als das achtstöckige Rana-Plaza-Fabrikgebäude am Rande von Dhaka einstürzte und mehr als 1100 Menschen unter sich begrub.

Eingestürztes Rana-Plaza-Gebäude im April 2013

Eingestürztes Rana-Plaza-Gebäude im April 2013

Foto: ABIR ABDULLAH/ DPA

Was hat sich seit dem Fabrikeinsturz von Rana Plaza verändert? Kalpona Akter empfängt in ihrem Büro in der Hauptstadt Dhaka, um darüber zu sprechen. Die Gewerkschafterin und NGO-Gründerin reist regelmäßig um die Welt, um Politiker, Firmen und auch Käufer über die Situation in den Textilfabriken aufzuklären.

SPIEGEL: Frau Akter, seit mehr als 20 Jahren kämpfen Sie für die Rechte der Textilarbeiter in Bangladesch. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Kalpona Akter: Nicht wirklich viel. Wir kämpfen noch immer für faire Löhne und Gewerkschaftsrechte. Was sich verbessert hat: Die Überstunden haben abgenommen. Und wir müssen die Arbeiter nicht mehr darüber aufklären, dass sie überhaupt Rechte haben.

Zur Person
Foto: Shariful Islam Sourav

Kalpona Akter, geboren 1976, gehört zu den bekanntesten Textilaktivistinnen in Bangladesch. Die Gewerkschafterin fing mit zwölf Jahren an, in einer Textilfabrik zu arbeiten. Vor 19 Jahren gründete sie das Bangladesh Center for Workers' Solidarity, eine NGO, die sich für die Rechte von Fabrikarbeitern einsetzt.

SPIEGEL: Sie fingen mit zwölf Jahren an, in einer Fabrik in Dhaka zu arbeiten. Wie sind Sie zur Gewerkschafterin geworden?

Akter: Als ich etwa 14 war, erklärten uns die Fabrikmanager, dass sie unsere Überstunden nicht bezahlen würden. Eine Gruppe Arbeiter begann daraufhin zu streiken, und ich schloss mich an. Damals war ich mir meiner Rechte gar nicht bewusst. Ich fand es vor allem unfair. Es war kurz vor dem Eid-Fest, und ich hatte fest mit diesem Geld gerechnet - ich wollte damit Geschenke für meine Geschwister kaufen.

SPIEGEL: Und dann?

Akter: Ging alles schnell: Wir bekamen recht. Aber nach den Eid-Feiertagen feuerten die Manager die Streikenden aus der ersten Reihe. Eine Arbeitnehmerorganisation half den Streikenden, die Fabrik zu verklagen, und lud mich zu einem Workshop über Arbeitsrechte ein. Diese vier Stunden haben mein Leben verändert. Alles, was ich dort lernte, war neu für mich: Eine Schicht hat acht Stunden. Man darf nicht 400 Stunden pro Monat arbeiten. Es gibt einen Mindestlohn. Der Vorsteher darf mich nicht schlagen. Es gibt Sicherheitsvorkehrungen. So begann alles.

SPIEGEL: Bangladesch hat sich seitdem stark verändert: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf etwa hat sich während der vergangenen vier Jahrzehnte verachtfacht. Die Zahl der Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, hat sich stark verringert. Inwiefern hat die Textilindustrie dazu beigetragen, Menschen aus der Armut zu befreien?

Akter: Na ja, die Lebenshaltungskosten sind ebenfalls gestiegen, und die Arbeiter bekommen noch immer Armutsgehälter. 30 Prozent des Lohns gehen oft für Miete drauf - nicht, weil die Arbeiter so traumhaft wohnen wollen. Die meisten leben in einem neun Quadratmeter kleinen Zimmer aus Beton, ohne Fenster. Viele können ihre Kinder nicht zur Schule schicken, sie können nichts zur Seite legen. Wenn jemand nach zehn Jahren aufhören möchte zu arbeiten, wird er mit leeren Händen in sein Heimatdorf zurückkehren.

SPIEGEL: Was fordern Sie?

Akter: Wir brauchen einen Lohn, von dem man leben kann. Zwar wurde im vergangenen Dezember der Mindestlohn verdoppelt; auf 8000 Taka, etwa 85 Euro pro Monat. Aber ein adäquater Mindestlohn müsste noch mal doppelt so hoch sein wie der aktuelle. Dafür brauchen wir jedoch die Marken und die Käufer - die müssen sich dafür einsetzen.

SPIEGEL: Wie denn?

Akter: Die Käufer können bei den jeweiligen Marken nachfragen, welche Löhne sie zahlen. Und: Auf jeden Fall sollten sie nicht aufhören, "Made in Bangladesh" zu kaufen. Wir brauchen diese Jobs. Aber wir wollen unsere Arbeit mit Würde erledigen - ohne Angst zu haben.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Akter: Über tausend Arbeiter haben Anfang dieses Jahres ihren Job verloren, weil sie gegen den neuen Mindestlohn protestiert hatten. Viele wurden angezeigt, der Vorwurf lautete Vandalismus und Körperverletzung. Die sind also jetzt vorbestraft.

Textilfabrik in Bangladesch (Archivbild)

Textilfabrik in Bangladesch (Archivbild)

Foto: Nick Kaiser/ dpa

SPIEGEL: Die Textilindustrie ist eng mit der Politik in Bangladesch verwoben. Sie selbst sind auch immer wieder Repressalien ausgesetzt. 2010 etwa saßen Sie im Gefängnis.

Akter: Die Regierung warf uns damals staatsfeindliche Aktivitäten vor. Meine zwei Kollegen und ich wurden auf Kaution freigelassen. 2014 wurden alle Vorwürfe fallen gelassen. Aber in der Zeit wurde mein Kollege entführt und brutal ermordet. Ein Mann wurde dafür verurteilt, er hat jedoch offensichtlich nichts damit zu tun. Es ist ein politischer Fall, über den niemand offen reden kann. Bislang haben wir noch keine Gerechtigkeit erfahren.

SPIEGEL: In den Textilfabriken arbeiten zu etwa 80 Prozent Frauen. Wie hat sich deren Stand in der Gesellschaft verändert?

Akter: Lange Zeit hatten Mädchen im ländlichen Raum keine andere Option, ihr Leben zu gestalten, als zu heiraten. Inzwischen akzeptieren es viele Eltern, wenn ihre Töchter arbeiten oder gar studieren. Diese Wahlfreiheit ist nicht zu unterschätzen. Aber sind die Frauen deswegen gleichberechtigt? Haben sie wirtschaftliche Freiheit? Nein. Wenn ich mein selbst verdientes Geld meinem Vater, Ehemann oder meinem Bruder geben muss - was in vielen Familien passiert - ist das für mich keine wirtschaftliche Unabhängigkeit.

SPIEGEL: Vor sechs Jahren stürzte die Fabrik Rana Plaza in Dhaka ein, mehr als 1100 Menschen starben, Tausende wurden verletzt. Damals war das Entsetzen groß. Hat sich seitdem etwas verbessert?

Akter: Ganz klar: Die Sicherheit am Arbeitsplatz. Es sterben kaum noch Textilarbeiter in den Firmen. Rana Plaza war ja nur ein Beispiel: Hunderte von Textilarbeitern sind jedes Jahr in den Fabriken von Bangladesch gestorben. Doch diese positive Entwicklung ist nicht den Unternehmen oder der Regierung zuzuschreiben. Sondern wirklich nur der Arbeit des "Accord on Fire and Building Safety"-Abkommens.

Rettungskräfte am eingestürzten Rana-Plaza-Gebäude

Rettungskräfte am eingestürzten Rana-Plaza-Gebäude

Foto: Andrew Biraj/ REUTERS

SPIEGEL: Mehr als 220 Textilfirmen wie H&M und Primark schlossen mit den Gewerkschaften dieses Abkommen. Die Accord-Initiative hat aber nur 1600 Fabriken überprüft, also etwa ein Drittel aller Fabriken in Bangladesch.

Akter: Aber zumindest arbeiten 2,2 Millionen Menschen in den von Accord überprüften Fabriken. Die tödlichsten Sicherheitslücken, wie etwa alte Elektrik oder versperrte Fluchtwege, wurden behoben. Und Fabriken, die kurz vor dem Einsturz standen, wurden geschlossen oder abgerissen. Leider hat das Oberste Gericht des Landes im Sommer beschlossen, dass Accord nur noch ein Jahr weiterarbeiten kann. Dann übernimmt die Regierung die Überprüfung der Fabriken.

SPIEGEL: Viele Textilunternehmer finden es falsch, dass ein internationaler Zusammenschluss Richtlinien vorschreibt. Manche sagen, es sei kolonialistisch.

Akter: Solche Argumente bringen mich zur Weißglut. In einem theoretischen Debattenbeitrag kann man darüber diskutieren, ob es kolonialistisch ist. Aber wo war denn unsere Regierung, als Arbeiter in den Fabriken gestorben sind? Rana-Plaza-Mitarbeiter weigerten sich, das Gebäude zu betreten, nachdem sie Risse im Fundament entdeckt hatten. Ein staatlicher Ingenieur gab sein Okay. Weniger als hundert Minuten später stürzte die Fabrik ein.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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