Demokraten-Parteitag Neue Politur für die Marke Obama

Barack Obama muss sich neu erfinden, wenn er den Wahlerfolg von 2008 wiederholen will. Sein Messias-Image ist verbraucht. Beim Wahlparteitag der Demokraten will sich der US-Präsident jetzt als Macher inszenieren.

Wahlkämpfer Obama: Rackern, um im Weißen Haus zu bleiben
AFP

Wahlkämpfer Obama: Rackern, um im Weißen Haus zu bleiben

Aus Charlotte, North Carolina, berichtet


Charlotte steht bereit. "Willkommen, Demokraten-Parteitag 2012", grüßt ein Plakat am Flughafen. An der Gepäckausgabe warten Helferinnen auf die Delegierten, zur Erkennung tragen sie Schildchen mit dem Wahlkampflogo Barack Obamas. Es ist das gleiche wie damals, 2008, und symbolisiert die aufgehende Sonne.

Nur die Worte "Hope" und "Change" fehlen.

"Hoffnung" und "Wandel" sind von gestern. Das Motto, das die Demokraten ihrem Wahlparteitag hier in Charlotte gegeben haben, ist diesmal prosaischer: "Amerikaner kommen zusammen."

Das sagt schon alles. Knapp eine Woche nachdem die Republikaner in Tampa eine gemeinsame Politikvision inszenierten, sind nun die anderen dran. Doch für Obama, den ersten schwarzen Präsidenten der USA, liegt die Latte ungleich höher als für seinen Herausforderer Mitt Romney, hier in Charlotte und danach: Während Romney ein überwiegend fiktives Wahlkampf-Amerika zeichnen kann, sieht sich Obama an die harschen Realitäten gefesselt.

Obamas neue Nüchternheit

Das hat er nicht zuletzt auch sich selbst zu verdanken. Auf den Tag genau vor vier Jahren, zum Finale des Krönungsparteitags von Denver, sprach er vor Zehntausenden in einem riesigen Football-Stadion zu Füßen der Rocky Mountains. "Die amerikanische Verheißung", war seine Rede betitelt, unverblümt und voller seither vergessener Wahlversprechen. Allen voran der Schwur, politische Brücken zu schlagen "und sich in gemeinsamer Anstrengung anzunähern".

Am Donnerstag, zum Ende dieser Drei-Tage-Show in Charlotte, wird Obama erneut in ein riesiges Football-Stadion treten, das etwas unglücklich benannte Bank of America Stadium. Doch seine Rede vor den rund 6000 Delegierten und Zehntausenden Fans wird anders ausfallen müssen, nüchterner, pragmatischer als 2008, als er die Wahl mit hehrer Rhetorik und 9,5 Millionen Stimmen Vorsprung gewann.

Dieser Vorsprung - die TV-Einschaltquote eines Footballspiels - scheint heute fast undenkbar. Die Stimmung ist düster, die Nation tief gespalten, der Umgangston im Wahlkampf rüder denn je. Aus dem Brückenschlagen ist nichts geworden - dank der renitenten Republikaner, die Obama sabotierten, aber auch dank seiner eigenen, sperrigen Natur.

Obama bleibt zwar persönlich beliebt, doch in Umfragen kommt er einfach nicht an Romney vorbei, obwohl der sich einen Patzer nach dem anderen leistet. Denn er hat es mit einem viel mächtigeren Feind zu tun - der Krise.

Die US-Konjunktur kränkelt weiter, die Arbeitslosenquote stagniert bei 8,3 Prozent. Und die nächsten Zahlen kommen ausgerechnet am Freitag heraus - dem Tag nach Obamas Rede.

Bill Clinton wird in Charlotte auftreten

Davor verblasst jede andere Errungenschaft. "Sind wir besser dran als vor vier Jahren?", fragen die Republikaner hämisch, in Anlehnung an Ronald Reagans Erfolgsslogan von 1980. Die Demokraten finden nur gewundene Antworten.

"Der Präsident", resümiert das "Wall Street Journal" zutreffend, "muss schonungsloser rackern, um im Weißen Haus zu bleiben, als er es musste, um überhaupt dorthin zu kommen."

Diese Rackerei beginnt an diesem Dienstag hier in Charlotte. Die US-Parteitage beenden den Sommer und sind der Startschuss zur heißen Wahlkampfphase: Drei Tage haben die Demokraten die Chance, die Marke Obama zu relaunchen - als Macher statt als Messias.

Dazu fahren auch sie jetzt natürlich prominente Redner auf. Höhepunkt der ersten Nacht ist First Lady Michelle Obama, zuständig fürs Menschliche und die Mittelklasse, gefolgt am Mittwoch von Bill Clinton. Der Ex-Präsident, bis heute ihre strahlendste Ikone, dürfte die alte Koalition der Moderaten heraufbeschwören, die ihn in den neunziger Jahren ins Weiße Haus katapultiert hatte, seither aber zerfasert ist.

"Eine starke Mittelklasse", verheißt Clinton in TV-Spots, die in North Carolina überall laufen. "So wie das auch war, als ich Präsident war."

Zwischendurch dürfen die Jungstars ran, um die Basis neu zu binden. Etwa Cory Booker, der schwarze Bürgermeister von Newark, oder Julian Castro, sein Amtskollege aus San Antonio - ein Latino, von dem man noch viel hören wird.

Am Donnerstag wird Vizepräsident Joe Biden die rund 74.000 Stadionzuschauer warmreden. Senator John Kerry, der Kandidat von 2004, der Hillary Clinton als Außenminister beerben könnte, soll an Obamas sicherheitspolitische Siege erinnern, allen voran den Tod Osama Bin Ladens.

Obama selbst muss in seiner Rede den großen Spagat wagen und jene mythischen Mitte-Wähler, die ihn 2008 zum Sieg trugen, erneut mobilisieren, ohne die linke Basis zu verstören.

Die Gewerkschaften halten sich bedeckt

Es ist der gleiche Seiltanz, der schon die erste Amtszeit so schwierig machte, die mit einer der verheerendsten Wirtschaftskrisen der US-Geschichte zusammentraf. Den einen ging er zu weit nach links (Gesundheitsreform, Wachstumsimpulse, Homo-Ehe), den anderen zu weit nach rechts (Guantanamo, Kriege, Geheimhaltungspolitik).

Trotz eines Wahlprogramms, das dem der Republikaner diametral entgegensteht und zugleich alle eigenen Flanken zu decken sucht, wird es schwierig, die Koalition von 2008 neu aufzufrischen. Schon jetzt spielen nicht alle mit.

So sitzen die Gewerkschaften, das traditionelle Rückgrat der Demokraten, den Parteitag weitgehend aus. Viele halten sich in Charlotte absichtlich bedeckt, einige kommen erst gar nicht. Stein des Anstoßes ist der Schauplatz: North Carolina ist ein erklärt gewerkschaftsfeindlicher Staat.

Auch die Spender bereiten Obama Sorge. Klinkenputzen liegt ihm nicht. Doch manche Finanziers von 2008 sehen darin Undank, halten sich zurück oder wechseln ganz zu den Republikanern, wie viele Wall-Street-Fürsten. In Charlotte hat Obama die beste und womöglich letzte Gelegenheit, ums große Geld zu betteln.

Was wird sonst bleiben von den Parteitagen? Nicht viel, glaubt man der Vergangenheit. Von 2008 ist kaum noch etwas in Erinnerung: Obamas Stadion-Rede, Sarah Palins Premiere. Dieses Jahr stahl Clint Eastwood dem Republikaner Mitt Romney in Tampa die Schau. Im Drehbuch für Charlotte ist so ein improvisierter Moment leider nicht vorgesehen.

insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
neuronenzenker 04.09.2012
1.
Obama ist eine Marionette der Bankster. Er hat nichts zu sagen. Genau wie Merkel, Hollande oder Cameron. Sie dürfen nur als Schauspieler ihre Rolle spielen, den vorgegebenen Text vortragen. Wer meint, die Regierungen der westlichen Staaten vertreten die Interessen der Bevölkerung, ist völlig naiv. Hier weiterlesen: Alles Schall und Rauch: Der €uro dient zur Ausplünderung der Staaten Alles Schall und Rauch: Der €uro dient zur Ausplünderung der Staaten (http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2012/09/der-uro-dient-zur-ausplunderung-der.html#ixzz25VbJoC4R)
pauerkraut 04.09.2012
2. Das Zuenglein an der Waage
werden das Drittel der unentschiedenen Waehler sein; die vor 4 Jahren in einer grossen Welle ins Obama Camp flossen. Diese Wechsel Waehler haben grosse Probleme mit den grossen Worten aber den nicht gehaltenen und leeren Versprechungen. Das wird noch eine ganz enge Kiste bis Novemebr...
derandersdenkende, 04.09.2012
3. ????
Zitat von sysopAPBarack Obama muss sich neu erfinden, wenn er den großen Wahlerfolg von 2008 wiederholen will. Sein Image als Messias ist längst verbraucht. Beim Wahlparteitag der Demokraten in North Carolina will sich der US-Präsident jetzt als Macher inszenieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,853727,00.html
Vielleicht könnte die Schließung von Guantanamo noch vor der Wahl ein Zeichen an seine Wähler sein, daß er seine Versprechen nicht vergessen hat und bei der Wiederwahl einzulösen gedenkt.
reihenfolge 04.09.2012
4. Weiter so!
Zitat von sysopAPBarack Obama muss sich neu erfinden, wenn er den großen Wahlerfolg von 2008 wiederholen will. Sein Image als Messias ist längst verbraucht. Beim Wahlparteitag der Demokraten in North Carolina will sich der US-Präsident jetzt als Macher inszenieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,853727,00.html
Verzeihung, aber das ist doch jämmerlich, nur noch jämmerlich und einfallslos.
herrherrmann 04.09.2012
5. Eigentlich ...
Zitat von sysopAPBarack Obama muss sich neu erfinden, wenn er den großen Wahlerfolg von 2008 wiederholen will. Sein Image als Messias ist längst verbraucht. Beim Wahlparteitag der Demokraten in North Carolina will sich der US-Präsident jetzt als Macher inszenieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,853727,00.html
... ist es doch egal wer in diesem lächerlichen "Zweiparteiensystem" gewählt wird. Wenn man genau hinschaut, ist es ja eigentlich ein "Einparteiensystem", denn beide Parteien repräsentieren die gleiche Klientel: Die Reichen. Bei Romney hätte man noch den Vorteil, dass er in Sachen IQ in der gleichen Liga spielt wie Bush, das kann durchaus lustig werden ;o)
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