US-Politberater Ben Rhodes Obamas Wunderkind plaudert zu viel

Obamas engster Sicherheitsberater Ben Rhodes spricht freimütig über das Atomabkommen mit Iran - und macht seinem Chef damit viel Ärger. Die Republikaner wittern ihre Chance.
Ben Rhodes

Ben Rhodes

Foto: Pablo Martinez Monsivais/ AP

Ben Rhodes ist nicht gekommen. Trotzdem reden hier im Ausschuss-Saal des US-Kongresses alle über ihn - 38 Jahre alt, Sicherheitsberater des Weißen Hauses, politisches Wunderkind. Hat er Amerika getäuscht? Oder sogar in Gefahr gebracht? Für die Republikaner an den langen, dunklen Holztischen fällt die Antwort deutlich aus: Rhodes, das Weiße Haus, sogar Präsident Barack Obama - sie alle haben die Öffentlichkeit gemeinsam in die Irre führen wollen.

Amerikas Hauptstadt Washington ist in Aufruhr: Mit Ben Rhodes steht einer der wichtigsten Politberater der Nation im Mittelpunkt der Kontroverse. Im Gespräch mit dem "New York Times Magazine"  hatten er und seine Mitarbeiter erklärt, wie sie offenbar mithilfe unerfahrener Reporter und einem engen Netzwerk von Think Tanks und Lobbyorganisation für das Atomabkommen mit Iran geworben hatten - gegen den massiven Widerstand der Republikaner.

Nach Jahren der Verhandlungen hatte die Regierung in Teheran im Juli 2015 zugestimmt, auf die Herstellung von Nuklearwaffen zu verzichten - im Gegenzug versprachen die Amerikaner die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen. Heute gilt der Deal als eine der wichtigsten außenpolitischen Errungenschaften Obamas.

Anruf bei den Compadres

Aus dem Artikel der "New York Times" ergibt sich das Bild einer hochprofessionellen Medienkampagne. Mitarbeiter des Weißen Hauses nutzten offenbar sowohl massiv soziale Medien als auch direkte Verbindungen zu Journalisten, um der amerikanischen Öffentlichkeit ihre Version des Iran-Deals zu präsentieren. "Es gibt da diese Multiplikatoren", wird ein Kollege von Rhodes zitiert. Wenn er ein Thema auf die Agenda setzen wolle, rufe er eben ein paar seiner Compadres von der Hauptstadtpresse an.

Rhodes selbst staunt in dem Artikel darüber, wie leicht es seinen Leuten gefallen sei, ihre Perspektive in den Medien zu verbreiten. Journalisten und Wissenschaftler hätten damals "Dinge gesagt, die wir ihnen zuvor zugespielt hatten". Auch wundert Rhodes sich über die Reporter, die im Weißen Haus arbeiten. Sie seien im Schnitt nicht älter als 27 Jahre und hätten kaum Erfahrung: "Die wissen überhaupt gar nichts."

In Washington sind Kampagnen dieser Art keine Seltenheit - bemerkenswert ist hingegen die Offenheit, mit der Rhodes und seine Leute Auskunft über die von ihnen gesteuerte Kampagne geben. Deutlich schwerer wiegt eine andere Erkenntnis: Durch die engen Beziehungen konnte das Weiße Haus offenbar ohne Probleme seine Version der Geschichte verbreiten.

Gespräche mit dem Erzfeind

Rhodes zufolge hatte Washington erst Gespräche mit der iranischen Regierung aufgenommen, nachdem der ultrakonservative Präsident Mahmud Ahmadinedschad Mitte 2013 von seinem Nachfolger, dem als moderat geltenden Reformer Hassan Rohani, abgelöst wurde. Das entspricht jedoch nicht der Wahrheit.

Tatsächlich hatten die Gespräche über ein mögliches Atomabkommen schon unter dem Hardliner Ahmadinedschad Ende des Jahres 2012 begonnen. Die US-Regierung wollte aber offenbar für sich behalten, dass sie mit ihm verhandelt hatte - also mit jenem Mann, der Amerika seit Jahren den Tod wünschte. Demnach sah sich Obama nur so in der Lage, die Führung der Republikaner im Kongress dazu bewegen, nicht gegen den Iran-Deal vorzugehen. Schließlich hatte er das Abkommen mit Teheran ohne die Zustimmung des Parlaments und auf Basis seiner rechtlichen Privilegien als Präsident unterzeichnet.

Anfang vergangener Woche forderten erste Kongressabgeordnete Obama in einem Brief dazu auf, seinen Sicherheitsberater zu feuern. Rhodes hatte zu diesem Zeitpunkt schon abgelehnt, sich vor dem parlamentarischen Ausschuss den Fragen der Abgeordneten zu stellen. Rhodes, der Literaturwissenschaften in New York studiert hat und vor seiner Karriere im Weißen Haus Kurzgeschichten schrieb, gilt als enger Vertrauter des Präsidenten - offenbar war er an allen außenpolitischen Entscheidungen Obamas maßgeblich beteiligt. Unter Rhodes' Führung hat Washington auch die diplomatische Öffnung gegenüber Kuba eingeleitet - ein weiterer Meilenstein in Obamas Karriere. Dass Rhodes das Weiße Haus nun verlassen muss, gilt deshalb als unwahrscheinlich.

Viele Abgeordnete in Washington fragen sich ohnehin, warum er und seine Leute so offen mit der Presse gesprochen haben. Denn die Äußerungen bieten dem politischen Gegner eben jene Breitseite, die das Weiße Haus eigentlich vermeiden wollte: Die Republikaner versuchen nun, die Untersuchung des Falls im Kongress möglichst medienwirksam auszubreiten. Sie wittern ihre Chance, den verhassten Iran-Deal als schmutziges Geschäft mit Amerikas Feinden zu diskreditieren.