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Blitzanalyse Fünf Lehren für ein zerrissenes Land

Er hat es tatsächlich geschafft: Es war ein langes, knappes und schmutziges Rennen, doch am Ende steht Barack Obama als Sieger da - jetzt kann er seine Politik des Wechsels richtig angehen. Fünf Lehren aus der Präsidentschaftswahl. Die Blitzanalyse.

Es war ein knappes Rennen. So knapp wie lange nicht mehr. Barack Obama und Mitt Romney haben sich einen der härtesten und auch schmutzigsten Wahlkämpfe in der Geschichte der Vereinigten Staaten geliefert. Am Ende sieht Obamas Wahlsieg größer aus, als er wirklich ist: Er gewinnt deutlich die Mehrheit der Wahlmänner, aber in vielen Swing States war es nur ein dünner Vorsprung. Lesen Sie alle Details im Liveticker - hier!

Es ist ein mühsam in den Ebenen erkämpfter Sieg für den Präsidenten. Da ist nichts mehr von jener luftig-messianischen Stimmung aus 2008. Obamas Sieg ist wie Obamas Wahlkampf. Aber am Ende zählt das Winner-takes-all-Prinzip. Und Obama ist der Winner in dieser Nacht.

Was bedeutet das für die USA? Wie wird Obama seine zweite Amtszeit angehen? Und was hat die Welt vom Wiedergewählten zu erwarten?

Erstens: Erbe gesichert. Als Barack Obama vor vier Jahren als erster Schwarzer die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten erringen konnte, da war das ein historischer Sieg. Mit der Wiederwahl 2012 und damit der Verteidigung seiner umstrittenen Polit-Agenda begründet er ein eigenes Erbe. Im Rückblick wird man sich an Obama nun nicht mehr allein wegen des historischen Moments 2008 erinnern. Der 51-Jährige hat die Chance, als einer der großen Präsidenten in die Historie einzugehen. Zieht die Wirtschaft in den kommenden Jahren an, wird dies der Politik Obamas zugeschrieben werden.

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Foto: Chris Carlson/ AP

Zweitens: Kampf dem Stillstand. Obama hat gesiegt, aber einfach durchregieren kann er nicht. Denn die Republikaner haben zwar die Präsidentschaftswahl verloren, zugleich aber ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus verteidigt. Das Land bleibt tief gespalten. Weiterhin könnten sie den Präsidenten blockieren. Aber werden sie das wirklich tun? Ihre Niederlage wiegt schwer, Obama ist trotz ihrer massiven Obstruktionspolitik neu legitimiert worden. Reicht er ihnen die Hand bei den anstehenden Defizit-Verhandlungen, können sie sich kaum mehr verweigern. Denn bei Nicht-Einigung treten Steuererhöhungen sowie automatische Sparmaßnahmen in Kraft, die die Wirtschaft wohl schrumpfen und die Arbeitslosigkeit in die Höhe schnellen ließen. Sündenbock wären dann die Republikaner. Eine Hoffnung für den Change, den versprochenen Wandel aus dem Wahlkampf vor vier Jahren.

Drittens: Reformen legitimiert. Mit der Wiederwahl Obamas haben die Amerikaner zugleich Obamas große, umstrittene Reformen aus der ersten Amtszeit legitimiert - allen voran die Gesundheitsreform, die erstmals in der Geschichte der USA nahezu allen Amerikanern eine Krankenversicherung bieten wird. Ein Jahrhundertvorhaben, das nach Obamas Wahlsieg nun nicht mehr zurückzudrehen ist. Ähnliches gilt für die Regulierung der Finanzmärkte. Obama kann sich nun in der zweiten Amtszeit eines neuen Projekts annehmen, etwa der dringend nötigen Reform des US-Einwanderungsrechts.

Viertens: Republikaner in Gefahr. In den nächsten Stunden wird sich Mitt Romney zum Buhmann der geschlagenen Grand Old Party entwickeln. Sie werden ihm vorwerfen, nicht die reine Lehre vertreten zu haben: zu moderat, zu weichgespült, zu liberal. Dabei haben die Republikaner diese Wahl in der Mitte verloren, nicht am rechten Rand. Weil Romney seiner Partei gefallen wollte, hat er wichtige Wählergruppen verprellt: die Latinos, die Frauen, die Senioren. Obama war am Ende seiner ersten Amtszeit ein schwer angeschlagener Präsident, die Arbeitslosigkeit auf Rekordhoch, die Sympathiewerte im Keller. Dass es den Republikanern dennoch nicht gelungen ist, einen aussichtsreichen Gegenkandidaten aufzustellen, sagt viel aus über den Zustand der einstigen Partei von Abraham Lincoln. Ihr drohen nun interne Richtungskämpfe zwischen der von der Tea Party dominierten Rechtsaußen-Fraktion und moderateren, klassisch republikanischen Kräften wie etwa Chris Christie, dem Gouverneur von New Jersey. Am Ende könnte selbst eine Parteispaltung stehen.

Fünftens: Neu-Akzentuierung in der Außenpolitik. Der wiedergewählte Präsident kann den neuen Kurs seiner ersten Amtszeit fortsetzen: Fokussierung auf Amerikas Interessen im asiatisch-pazifischen Raum; weniger militärisches Engagement in den Krisenregionen der Welt, dafür "Nation Building" zu Hause; mehr Lasten für die Alliierten. Die Europäer - und insbesondere die Deutschen - werden einen fordernden US-Präsidenten erleben, wenn es um die Euro-Krise oder den Nato-Verteidigungsbeitrag geht.

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