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Clinton-Helfer Obama Im Rausch

Er nimmt Abschied und übergibt das Zepter: Barack Obama lobt sich selbst, lobt Hillary Clinton und zerlegt Donald Trump. Über eine Partei in Ekstase.

Am Ende stehen sie beide auf der Bühne, eng umschlungen, Arm in Arm. Sie blickt zu ihm hoch, wie die Tochter zum Vater. Beide lächeln und winken, die Kameras klicken, die Menge ist in Ekstase und Hillary Clinton wirkt ein wenig, als würde sie jetzt gerne mit dem Präsidenten verschmelzen. Könnte auch nicht schaden. Denn sie weiß: Ginge es nach denen hier im Saal im Wells Fargo Center, könnte das immer so weitergehen mit Barack Obama.

Es ist natürlich stets was los, wenn der Präsident bei den Demokraten auftritt, aber jetzt, nur wenige Monate vor der nächsten Wahl, kommt doch noch einmal ganz viel zusammen. Amerika ist in Wut, was bei der Wahl im November passiert, ist unsicher. Obama spricht zum letzten Mal auf großer Bühne vor seiner Partei. Es ist sein Abschied und gleichzeitig soll sein Auftritt eine neue Ära einläuten: für das Land, die Demokraten und natürlich für Hillary Clinton, die bis zum November nicht nur viele Amerikaner noch von sich überzeugen muss, sondern auch noch etliche ihrer eigenen Parteifreunde.

In dieser Hinsicht ist Obamas Auftritt an diesem dritten Abend des Parteitags von unschätzbarem Wert für die ehemalige Außenministerin. Er kommt, spricht und plötzlich skandieren sie "Hillary! Hillary!", was wirklich erstaunlich ist, weil man in diesen Tagen häufig die Dissonanzen spüren kann zwischen der Basis da unten und der Kandidatin da oben. Aber für den Moment ist alles prima und das Weiße Haus wirkt für viele Demokraten fast wie gewonnen.

Video: "Hillary, übernimmst du bitte!"

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Immer nach vorne, immer geht was

Die Inszenierung der Einigkeit wirkt, und wer könnte das besser garantieren als Obama. Sein Auftritt ist lang, aber natürlich gelingt es ihm spielerisch, den Saal einzunehmen. "Ich bin", ruft er gleich zu Beginn seiner Rede, "optimistischer für Amerika als ich es jemals war." Man möchte das sofort mit der Realität gegenschneiden, aber der Satz ist exakt das, was sie hier hören wollen in der Halle und er ist ja auch Obama pur. Immer nach vorne, immer positiv, immer geht was. Und sei alles noch so schrecklich.

Drei Personen kommen in seiner Rede vor. Natürlich: Er selbst. Es geht ihm darum, sein politisches Erbe zu präsentieren, er will belegen, dass er sein Versprechen des Wandels trotz allem doch irgendwie eingehalten hat. Also los: Die Arbeitslosigkeit herabgebracht, die Ehe für alle geöffnet, die Krankenversicherung durchgekämpft, die Energie grüner gemacht und - klar: "Wir haben Osama bin Laden Gerechtigkeit widerfahren lassen." Rauschender Applaus, mit Grüßen nach Abbottabad.

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Parteitag der Demokraten: Ich drück dich

Foto: JONATHAN ERNST/ REUTERS

All das, was er nicht geschafft hat, soll jetzt eine andere machen: Clinton, die alte Rivalin. Die Ironie bleibt im Saal keinem verborgen. Fast wehmütig erinnert sich Obama an die Vorwahlen von 2008, als sie bitterste Feinde waren. "Eineinhalb Jahre lang haben wir uns bekämpft", sagt er. "Es war hart."

Clinton habe alles getan, was er auch getan habe, "nur rückwärts und in Stöckelschuhen" - ein Bonmot der texanischen Ex-Gouverneurin Ann Richards, einer Demokraten-Ikone. Da jubelt Bill Clinton in der Ehrenloge. "Immer dann, wenn ich geglaubt habe, ich hätte gewonnen, da kam sie stärker zurück", ruft Obama. "Als es zu Ende war, habe ich sie in mein Team geholt. Sie war ein bisschen überrascht. Meine Leute waren auch überrascht. Aber es ging um mehr, als um uns beide." Viel Pathos, so wie sie es in Amerika lieben in solchen Situationen.

Clinton wusste natürlich allzu gut, dass ihre Versöhnung mit Obama das Fundament legen würde für ihre jetzige Kandidatur, acht Jahre später - und für diesen Moment, diesen seltsam emotionalen Moment, da der Mann, der sie schlug, nun das Zepter weiterreicht an sie.

"Der Donald ist nicht so ein Plan-Typ"

Natürlich kann Obama hier nicht auftreten, ohne eine dritte Person zu erwähnen. Es ist Donald Trump, den "hausgemachten Demagogen", wie er ihn nennt, was ein hübscher aber auch ganz schön fieser Begriff ist, weil er sich anlehnt an den Begriff des "hausgemachten Terroristen". Obama legt in Sachen Trump schon seit Längerem jegliche Zurückhaltung ab, hier in Philadelphia sowieso.

"Hillary hat spezifische Pläne", ruft Obama. "Und dann gibt es Donald Trump. Der Donald ist nicht so ein Plan-Typ. Er nennt sich Businessman, aber ich kenne viele Unternehmer, die ohne ständige Prozesse und unbezahlte Arbeiter auskommen." Obama macht den Milliardär nicht auf plumpe Weise fertig. Er zerlegt ihn eher fein säuberlich - auch indem er Ronald Reagan bemüht.

"Reagan hat Amerika die 'strahlende Stadt auf dem Hügel' genannt.", ruft Obama. "Trump nennt Amerika einen gespalteten Tatort, den nur er in Ordnung bringen kann. Wir wollen aber nicht beherrscht werden." Er erinnert an die Präambel der Unabhängigkeitserklärung. Wir, das Volk. Nicht du, der Herrscher. Das ist seine Botschaft. Es ist ein glänzender Moment.

Er schließt seine Rede mit einem Appell, auch an die Anhänger von Bernie Sanders. Die politische Rechte zeichne eine Karikatur von Hillary Clinton, was auch daran liege, dass sie seit 40 Jahren im Rampenlicht stünde und eben nicht an der Seitenlinie. "Hillary ist in der Arena. Und wenn ihr es ernst meint mit der Demokratie, könnt ihr es euch nicht leisten, zu Hause zu bleiben", ruft Obama. "Ihr müsst mit ihr in diese Arena. Denn Demokratie ist kein Zuschauer-Sport."