Obamas Trauerrede in Dallas Ein Land, zwei Welten

Dallas hat Abschied von den fünf ermordeten Polizisten genommen. Bei der Trauerfeier versuchte US-Präsident Obama, die Nation zu trösten. Doch selbst der Meisterredner erkannte: Worte allein helfen nicht mehr.

Von , New York


Wieder muss er Hinterbliebenen sein Beileid aussprechen. Wieder muss er eine Stadt, ein Land trösten. Wieder muss er versuchen, mit seinen Worten zu kitten, was eine Gewalttat zerrissen hat.

"Im Laufe meiner Präsidentschaft habe ich auf zu vielen Gedenkfeiern gesprochen", sagt Barack Obama. "Ich habe zu viele Familien umarmt." Er hält inne - und fügt dann hinzu: "Ich sehe nun, wie unzulänglich meine Worte waren."

Ein außerordentliches Eingeständnis des Meisterredners. Doch dies ist auch ein außerordentlicher Anlass. Mehr als 2000 Menschen haben sich an diesem Freitag in einem Konzertsaal in Dallas versammelt. Auf der Bühne ein Chor, davor einen Phalanx blauer Uniformen und fünf Fotos der Polizisten, die in der vergangenen Woche von einem schwarzen Heckenschützen erschossen wurden.

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Gedenkfeier in Dallas: Gemeinsam trauern, gemeinsam weitermachen

Der Bürgermeister spricht. Dann Ex-Präsident George W. Bush, der in Dallas lebt. Der Polizeichef der Stadt, David Brown, bringt First Lady Michelle Obama zum Weinen, als er seine Männer mit einem Liebeslied von Stevie Wonder verabschiedet: "I'll be loving you always / Until the rainbow burns the stars out in the sky."

Als Letzter tritt Obama ans Pult - und bricht erstmals mit den Konventionen der präsidialen Trostrede. "Ich muss zugeben, dass auch ich manchmal Zweifel habe", sagt er. "Dies passiert zu oft."

Mehr als ein Dutzend solcher Reden hat er schon halten müssen. Doch diese ist anders, sie hat eine neue, brisantere Dimension: Seit dem Massaker von Dallas, dem der Tod zweier Schwarzer durch Polizeigewalt in Louisiana und Minnesota vorausgegangen war, finden sich die Amerikaner in ihrer schwersten Sinnkrise: gespalten, verunsichert, einander misstrauend - und selbst der Präsident hat diesmal Mühe, die passenden Worte zu finden.

Denn die Ereignisse von Dallas, Baton Rouge und Falcon Heights und die bitteren Demonstrationen überall haben gezeigt: Ein tiefer Riss zieht sich durch die USA, emotional, gesellschaftlich, politisch. Ein Land - zwei Welten.

"Die tiefsten Verwerfungslinien unserer Demokratie wurden entblößt, wenn nicht noch weiter aufgerissen", sagt Obama über die fatalen Schüsse auf Schwarze und Polizisten. Man frage sich, ob sich "Amerikas Rassenfragen je überwinden" ließen. Ob stattdessen nicht das Undenkbare eintrete: "Dass die Mitte nicht mehr zusammenhält und die Dinge noch schlimmer werden."

Zwei Welten. Die eine sieht sich täglich bedroht - durch Armut, Elend, offenen Rassismus. Durch Polizisten und weiße Extremisten, die in der hasserfüllten Rhetorik Donald Trumps politische Absolution gefunden haben. Aber auch die andere Welt sieht sich täglich bedroht - durch das Zerrbild vom schwarzen "Thug", dem Verbrecher. Durch die Black-Lives-Matter-Proteste. Durch den eigenen Machtverlust und die wachsende Macht bisheriger Minderheiten.

Seit dem Blutbad von Dallas stehen sie sich verbitterter denn je gegenüber.

Obama würdigt beide Seiten. Die fünf Polizisten von Dallas, die starben, um die Demonstranten zu schützen. Aber auch Alton Sterling, den Schwarzen, der in Louisiana erschossen wurde, und Philandro Castile, der in Minnesota starb, weil ein Polizist ihn wegen seiner "breiten Nase" für kriminell hielt.

"Ich bin gekommen, um..."

Doch Obama wäre nicht Obama, wenn er selbst in dieser Krise nicht einen Hoffnungsschimmer sähe. "Ich bin gekommen, um zu sagen, dass wir solche Verzweiflung ablehnen müssen", ruft er. "Ich bin gekommen, um darauf zu beharren, dass wir nicht so gespalten sind, wie es scheint. Ich weiß, wie weit wir gekommen sind, trotz unmöglichster Widerstände. Ich weiß, dass wir es schaffen können, denn ich habe es in meinem eigenen Leben erlebt."

Also appelliert er an das Gute im Menschen und beschwört dazu jene, die in beiden Welten leben. Polizeichef Brown, ein Polizist und ein Schwarzer, dessen besonnene Ruhe in den letzten Tagen zum nationalen Exempel wurde und den sie bei der Trauerfeier mit stehenden Ovationen feiern. Und Shetamia Taylor, eine schwarze Black-Lives-Matter-Demonstrantin, die "die Nase voll" hatte von der dauernden Polizeigewalt und im Chaos jener Nacht in Dallas verletzt wurde, als sie sich schützend auf ihre vier Söhne warf. "Jetzt will ihr Zwölfjähriger selbst ein Polizist werden", sagt Obama unter Jubel.

Mut sei gefordert, ruft er. Mut, die eigenen Mankos zu akzeptieren, die Würde des anderen zu erkennen und unbequeme Realitäten auszusprechen.

Am Ende bleibt aber auch das nur - eine Rede. Überall im Land gibt es immer neue Demonstrationen, und mindestens zwei weitere Schwarze sind seit dem Attentat von Dallas durch Kugeln aus Polizeiwaffen umgekommen.

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Dramaturg 13.07.2016
1. Reden, reden, reden
Das Kapital kennt nur sich und seine Vermehrung. Es hört nicht auf Appelle für Frieden und Menschlichkeit. Der immer größer werdende Riss zwischen Schwarz und Weiß in Amerika ist der Riss, der durch alle westlichen Staaten geht. Es ist der Riss zwischen Arm und Reich. Wie Marx richtig analysierte: Für Profit geht das Kapital am Ende auch über Leichen. Und ja, es ist am Ende - das zeigen seine Krisen, die es seit 1929 schon wieder durchlebt und die uns - wenn wir es nicht zu verhindern wissen - wieder in furchtbare Kriege treiben wird. Auch in ganz Europa.
alzaimar 13.07.2016
2. Schön pathetisch
... Toll. 5 Polizisten werden ermordet und das ganze Land trauert, Ex-Präsidenten reden und sprechen Mut zu. Wieso lässt sich diese Politprominenz nicht auf den Trauerfeiern der ermordeten Unschuldigen blicken? Wie hat es eine trauernde Mutter eines ermordeten Schwarzen gesagt:"An die Mütter der ermordeten Polizisten: Welcome in the club". Wenn jetzt Gleiches mit Gleichem vergolten wird, ist das hausgemacht. Ich habe -so schwer mir das fällt- leider kein Mitleid mit dem Land.
colonium 13.07.2016
3. Buschs Anwesenheit eine Zumutung
Ich finde es höchst unpassend, dass ausgerechnet George W Bush an dieser Trauerveranstaltung teilgenommen hat. Der Mann, der einen völkerrechtswidrigen "Kreuzzug" im Irak unternahm, nicht zuletzt auch aus der rassistischen Überzeugung heraus, dass Muslime minderwertig sind, sitzt nun ausgerechnet bei einer Trauerfeier in Reihe 1, bei der es auch um die Folgen von Rassismus geht, der zur Eskalation der Gewalt geführt hat. Der Mann der ein lautstarker Unterstützer der Waffenlobby ist, gedenkt der Polizisten, die auch wegen dieses Waffenfetischismus in ständiger Todesgefahr schweben. Meiner Meinung nach solte Bush vor dem internationalen Strafgerichtshof als Angeklagter in der 1. Reihe sitzen und nicht bei solch einer Gedenkveranstaltung.
simonweber1 13.07.2016
4. Schade
das SPON nicht auch ein bißchen umfassender über die in den USA erschossenen, meist Jugendlichen unbewaffneten Schwarzen geschrieben hat.Wenn in einem Jahr nahezu tausend Menschen in den USA durch überzogenen Polizeieinsatz getötet werden, darf man sich nicht wundern, wenn es irgendwann einmal zur Eskalation der Gewalt kommt. Rassissmus in den USA ist im starken Maße ausgeprägt.
micromiller 13.07.2016
5. Der Meisterredner koennte die Probleme
anpacken, wenn er nur wollte. Die Kriegskasse von US$ 700Milliarden im Jahr um 200 Milliarden verringern und das Geld in Bildung und Aufbau der Unterprivilgierten der Vereinigten Staaten investieren.
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