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25. September 2015, 09:56 Uhr

Umweltpolitik

Die wundersame neue Klimaschutz-Allianz

Von , Washington

Barack Obama, Chinas Xi Jinging, Papst Franziskus - das Bündnis aus Kirche und Supermächten will den Rest der Welt doch noch zu einem Klimavertrag führen. Kann das klappen?

Dass der Papst sich gern politisch gibt, das dürfte man jetzt auch in Washington wissen. Ob Einwanderung, Todesstrafe oder Flüchtlingskrise - kaum ein großes Thema ließ Franziskus bei seinen Auftritten aus. Ein Anliegen aber schien ihm besonders wichtig: der Kampf gegen den Klimawandel. Der Moment für "mutige Handlungen und Strategien" sei gekommen, sagte der Papst im Kongress. "Ich bin überzeugt, dass wir etwas verändern können."

Natürlich muss der Papst dieses Thema ansprechen. Am Ende geht es beim Klimawandel um den Erhalt des menschlichen Lebensraums, welche Frage sollte das Kirchenoberhaupt mehr interessieren. Aber ein bisschen ernster sollte man sein Engagement schon nehmen. Denn Franziskus, der sich in passender Symbolik in einem kleinen Fiat durch die Straßen Washingtons fahren ließ, ist nicht allein. Er hat zwei mächtige Verbündete: US-Präsident Barack Obama und Chinas Staatschef Xi Jingping.

Die wundersame Umweltallianz aus Kirche und Supermächten ist gerade gemeinsam an der Ostküste Amerikas unterwegs, dem Geiste nach zumindest. Franziskus reist im Anschluss an seinen Aufenthalt in der US-Hauptstadt nach Philadelphia und zur Uno nach New York. Obama empfängt Präsident Xi zu Gesprächen in Washington. Sowohl vor der Uno als auch im Weißen Haus dürfte der Klimaschutz eine zentrale Rolle einnehmen. Xi, so heißt es, werde ankündigen, in China 2017 ein nationales Emissionshandelssystem zu starten. Drei Männer, ein Ziel. Es stellt sich die Frage, ob das schillernde Bündnis es schafft, die internationale Gemeinschaft doch noch von einem neuen, verbindlichen Klimavertrag zu überzeugen.

Neue Nähe zwischen China und USA

Um einen solchen Klimavertrag, der fixe Emissionsziele beinhalten und die globale Erderwärmung auf zwei Grad begrenzen soll, steht es im Moment nicht sonderlich gut. Europa kann sich ein Abkommen vorstellen, führt aber nicht. Die USA sind für einen Vertrag offen. Nicht einmal die Schwellenländer wehren sich grundsätzlich dagegen. Aber die jeweiligen nationalen Interessen und Befürchtungen sind so unterschiedlich, dass eine Einigung auf verbindliche Ziele und konkrete Sanktionen sehr fraglich ist, wenn man im Dezember in Paris zum Klimagipfel zusammenkommt.

Es ist richtig: Wirklich grün sind weder China noch die USA, erst kürzlich erlaubte Obama dem Ölkonzern Shell Bohrungen vor Alaska. Auch beim einstigen Kyoto-Abkommen haben China, vor allem aber die USA keine wirklich konstruktive Rolle gespielt, die Amerikaner haben es nie ratifiziert. Lange gaben sich beide Länder in der Klimapolitik trotzig wie kleine Kinder, ganz nach dem Motto: Wenn ihr nicht mitmacht, machen wir auch nicht mit.

Doch das hat sich inzwischen geändert. Obama und Xi, deren Länder weltweit die beiden größten Emissionssünder sind, stimmen ihren Klimakurs ab. Im November 2014 vereinbarten sie gemeinsame Ziele. Die USA wollen ihren CO2-Ausstoß bis 2025 um 28 Prozent verringern. Peking will mit der Einsparung im Jahr 2030 beginnen und bis dahin den Anteil von erneuerbaren Energien am Energiemix auf 20 Prozent steigern. Auf einem Gipfel in Los Angeles verabredeten China und die USA in der vergangenen Woche Ziele zur Reduktion des Treibhausgasausstoßes in ihren Großstädten. Das geplante Emissionshandelssystem, das Xi an diesem Freitag vorstellen will, soll der nächste, konkrete Schritt werden.

"Washington und Peking haben ihre Zurückhaltung aufgegeben, sie sind vorgeprescht und beanspruchen eine Führungsrolle", lobt Jennifer Morgan, Klimaexpertin vom World Resources Institute.

Papst spricht von "heiliger Pflicht"

Die Kooperation ist umso erstaunlicher, als dass es derzeit etliche Streitthemen gibt. Washington macht Peking für einen Cyberangriff auf Daten von Regierungsmitgliedern verantwortlich. Auch Chinas Währungsabwertung hat die Obama-Regierung irritiert. Aber auf dem Feld der Klimapolitik wollen sie sich offenbar unterhaken. "Beide Staatschefs scheinen den Gipfel in Paris zu einem Erfolg machen und andere Länder mitziehen zu wollen", sagt Morgan.

Der päpstliche Einsatz ist in dieser Hinsicht für die beiden Staatschefs sehr hilfreich. Während sie sich um die harten Zahlen und konkreten Ziele kümmern, versucht Franziskus, das Thema moralisch aufzuladen und es so ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Gerade Obama kann die Hilfe gut gebrauchen. In den USA ist das Feld der Umweltpolitik äußerst umstritten. Viele Amerikaner halten den Klimawandel noch immer für kein drängendes Problem.

Obama weiß, dass unter den Klimawandel-Skeptikern viele sind, die sich als gläubig bezeichnen und er hofft, dass die Appelle von Franziskus manchen Zweifler in seinem Land überzeugen.

Die entsprechende Rhetorik bringt der Mann aus dem Vatikan mit. Der Schutz der Erde, sagte der Papst im Weißen Haus, sei eine "heilige Pflicht".

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