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18. Dezember 2018, 18:24 Uhr

Artikel im "New Yorker"

Obama soll Merkel zu vierter Amtszeit gedrängt haben

Tat Kanzlerin Merkel mit ihrer erneuten Kandidatur 2017 dem früheren US-Präsidenten Obama einen Gefallen? Beide einte laut einem US-Medienbericht nach dem Wahlsieg Trumps die große Sorge um Europa.

In einem Insiderbericht über das schwierige Verhältnis von Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Donald Trump stecken einige spannende Details über das deutsch-amerikanische Verhältnis - und über die letzten Wochen der Präsidentschaft von Trumps Vorgänger Barack Obama.

Laut einem Artikel im "New Yorker", der sich auf ehemalige Mitarbeiter der Obama-Regierung und deutsche Regierungsquellen beruft, drängte Obama die Bundeskanzlerin angesichts des Wahlsiegs von Donald Trump im Herbst 2016 zum Weitermachen nach der Bundestagswahl im Sommer 2017.

Charles Kupchan, damals Obamas Mitarbeiter für Europafragen im Nationalen Sicherheitsrat, sagte, der US-Präsident sei "in seinem letzten Amtsjahr besessen gewesen vom Schicksal Europas". Acht Tage nach der Wahl Trumps trafen sich Obama und Merkel im Berliner Hotel Adlon zu einem dreistündigen Abendessen. Obama erklärte dabei, er hoffe auf eine vierte Amtszeit Merkels.

"Ich glaube, die Kanzlerin hat Obama sehr genau zugehört", sagte eine ihr nahe stehende Person dem "New Yorker". Wenige Tage später hatte Merkel verkündet, sich im September erneut als CDU-Spitzenkandidatin um die Kanzlerschaft zu bewerben.

"Sag nicht, ich hätte dir nie etwas gegeben"

Die Interviewpartner verrieten dem "New Yorker" außerdem weitere Anekdoten über die von Beginn an schwierige Zusammenarbeit zwischen der Kanzlerin und dem amtierenden US-Präsidenten Trump.

Beim G7-Gipfel in Kanada im Juni 2018 entstand das ikonische Foto mit Merkel und Trump, bei dem sich die Kanzlerin tief über den Tisch zu einem trotzigen US-Präsidenten runterbeugt. Im Rahmen dieses Termins kam es laut dem US-Politikwissenschaftler Ian Bremmer auch zu folgender Szene: Trump warf Merkel im Vorbeigehen zwei Bonbons auf den Tisch, angeblich mit den Worten: "Hier Angela, sage nicht, ich hätte dir nie etwas gegeben." Das Weiße Haus erklärte später, der Präsident habe nur einen Witz gemacht.

Video: Drei Szenen des Unbehagens

Die Sache mit den angeblichen Billionen-Schulden

Merkel versuchte bei einem direkten Treffen mit Trump, ihm den Nahostkonflikt zu erklären. Mit eher mäßigem Erfolg. "Sie spricht über Dinge, bei denen man den Eindruck gewinnt, dass er diese nicht ganz versteht", sagte ein altgedienter deutscher Regierungsmitarbeiter dem Magazin. "Es wirkte, als erwartete sie zu viel von ihrem Zuhörer." Ort und Zeitpunkt dieser überlieferten Begegnung sind in dem Artikel allerdings nicht klar erkennbar.

Bei Merkels erstem Besuch im Oval Office im März 2017 verweigerte Trump der Bundeskanzlerin den Handschlag vor den Fotojournalisten. Nachdem die Kameras weg waren, soll Trump gesagt haben: "Angela, Du schuldest mir eine Billion Dollar." Ein Sprecher des Weißen Hauses bestritt den Wortlaut, den Wortsinn jedoch nicht.

Trump hatte sich vor dem Treffen mit einer Zahl versorgen lassen, wie viel mehr Geld an die Nato geflossen wäre, hätten alle Mitglieder ab 2006 zwei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Militärausgaben gezahlt. So soll die dahingesagte Forderung zustande gekommen sein. Tatsächlich ist das Zwei-Prozent-Ziel eine Vorgabe, die erst ab 2024 gelten soll.

cht

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