Obamas Vermächtnisrede Was zählt schon ein Präsident

"Hoffnung statt Furcht": Bevor Barack Obama nach Deutschland kommt, hat er in Athen eine Rede zur Demokratie gehalten. Seinen Nachfolger Donald Trump machte er darin zu einer Fußnote der Geschichte.

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Barack Obama ist nach Athen gekommen, um die Demokratie zu loben. Also die Demokratie an sich. Das bietet sich ja an, weil: die alten Griechen, Wiege der Demokratie, Aristoteles und so. Erwähnt er dann später auch tatsächlich alles. Unter normalen Umständen wäre also diese Reise nach Griechenland - und an diesem Mittwochabend weiter nach Deutschland - ein prima internationaler Schlusspunkt seiner Präsidentschaft gewesen.

Nur sind seit der Wahl Donald Trumps zu Obamas Nachfolger die Umstände nicht mehr normal. Und in der westlichen, also der demokratisch verfassten Welt herrscht politische Katerstimmung. Was wird Trump tun? Wer führt künftig den Westen an? Wie gefährdet sind Demokratie und Republik?

So ist aus Obamas geplantem Kürauftritt in Athen plötzlich ein gewichtiger Pflichttermin geworden: Die erste Vermächtnisrede des 44. US-Präsidenten. Und das ist es, was der US-Präsident abliefert.

Obama liefert ein Hoch auf die Demokratie als schlechteste Regierungsform abgesehen von allen anderen Formen.

Ein Hoch auf die Hoffnung, auf den Kompromiss und auf den Fortschritt, den es ohne Rückschritt nicht gibt.

Ein Hoch also auf das Menschliche, weil Demokratie die Herrschaft durch das Volk ist.

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Obama in Athen: Akropolis und Adieu

Obamas zentraler Satz: "Das wichtigste Amt in der Welt ist nicht das des Premierministers oder des Präsidenten, sondern der wichtigste Titel ist der des Staatsbürgers."

Trump und Obama im Weißen Haus
AP

Trump und Obama im Weißen Haus

Er erklärt seinen Nachfolger Trump damit zu einer Fußnote der Geschichte. In einer Demokratie sei es schließlich möglich, frühere Fehler zu korrigieren - ob es sich nun um Gesetze oder Wahlen handele. "Sie werden bemerkt haben", sagt Obama, "der nächste amerikanische Präsident und ich, wir könnten nicht unterschiedlicher sein." Aber die Demokratie sei eben "größer als jeder Einzelne". Deshalb bemühe er sich um die bestmögliche Übergabe der Amtsgeschäfte, sagt der Nochpräsident. Was er damit auch meint: In vier Jahren kann alles wieder andersherum sein.

Damit bleibt Obama bei jener amerikanischen Fortschrittserzählung, die sich durch seine beiden Präsidentschaftswahlkämpfe 2008 und 2012 sowie seine acht Jahre im Weißen Haus gezogen hat. Schritt für Schritt geht es letztlich vorwärts, trotz aller Rückschläge: "Fortschritt folgt einem kurvigen Pfad, manchmal geht's vorwärts, manchmal rückwärts - aber solange wir auf die Demokratie setzen, wird unsere Zukunft okay sein."

Dass Obama verstanden hat, wie Trump den USA passieren konnte, zeigt seine Passage zu den zwei Seiten der Globalisierung: Einerseits habe sie Wohlstand und Fortschritt ermöglicht, andererseits aber auch die Ungleichheit und die Wahrnehmung von Ungleichheit massiv verstärkt.

Ein Beispiel: Wenn man "globale Eliten" sehe, die ganz offensichtlich nach anderen Regeln lebten als der Rest, indem sie etwa keine Steuern zahlten - kleiner Seitenhieb auf Trump - dann entstehe eben das Gefühl von Unfairness. Nun würden sich die Zurückgelassenen wehren, ob beim Brexit oder der US-Wahl. Künftig müssten die Früchte der globalisierten Wirtschaft gerechter verteilt werden.

Barack Obama auf der Akropolis
AFP

Barack Obama auf der Akropolis

Auch damit schließt Obama an ein zentrales Motiv seiner Jahre im Weißen Haus an. Nur wenige US-Präsidenten vor ihm haben ja so viel über Umverteilung und soziale Gerechtigkeit gesprochen wie er. An der Umsetzung aber hat es letztlich gehapert, auch wenn etwa die Finanzwirtschaft stärker reguliert wurde. Eine Regulierung, die - Ironie der Geschichte - Donald Trump wohl rückgängig machen wird. Wie so vieles, das Obama in den vergangenen Jahren politisch erkämpft hat.

Das macht den scheidenden Präsidenten zum eigentlichen Opfer Trumps. Hillary Clinton, die unglückliche Wahlverlierern, ist da längst Geschichte. Trump kommt als erklärter Anti-Obama nach Washington, er bekämpft (fast) alles, wofür der erste schwarze US-Präsident steht.

"Wir wählen die Hoffnung statt der Furcht", sagt Obama an diesem Novembertag in Athen. Das mag nicht nur für seine Zuhörer, nicht nur für die Europäer und die Amerikaner gelten.

Das gilt wohl zuvörderst auch für ihn selbst.



insgesamt 133 Beiträge
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tmhamacher1 16.11.2016
1. Große Worte!
So kennen wir unseren Obama: Große Worte, kleine Taten! Dieser Artikel bringt auf den Punkt, wer uns einen Präsidenten Trump eingebrockt hat: Obama himself! Er hat selbst vor 8 Jahren aus seinem anmaßenden Ehrgeiz heraus Hillary Clinton irreparabel beschädigt, und dadurch, dass er Trump erst möglich gemacht hat, ist seine Präsidentschaft ruiniert, bevor sie beendet wurde!
Skyscanner 16.11.2016
2. Statt große Reden zu schwingen sollte Obama
den wahren Grund seiner Reise erzählen. Er ist immer noch im Amt als Präsident der USA und man kann doch nicht von einer Abschiedsreise reden. Der Hauptgrund seiner Reise liegt doch im Schuldenschnitt von GR. Oder warum ist er als erstes nach GR geflogen, warum macht er nicht als erstes halt in London, Paris oder Berlin! Wenn er danach in Berlin ankommt, bekommt Merkel zum einen erzählt ob Sie sich wieder zur Wiederwahl aufstellen darf oder nicht (letzteres wäre zu begrüßen). Zum anderen wird mitgeteilt wieviel Obama GR an Schulden erlassen hat, die dann Deutschland bezahlen darf. Solche Besuche sind zwar für USA hörige Merkel erfreulich aber für den Steuerzahler wird es richtig teuer.
zeichenkette 16.11.2016
3. Obama hatte schlechte Vorausetzungen
Die Republikaner haben grundsätzlich absolut alles, was er tun wollte, blockiert. Das war eine destruktive Totalopposition. Und jetzt werden sie alles wieder rückgängig machen, was er durchsetzen konnte, einschließlich Bankenregulierung. Und Trump wird die Steuern für Reiche senken, wie er ja heute schon angekündigt hat, vor Leuten, die ein Steak für $70 gegessen haben. Ich werde nie verstehen, wie man auf so einen offensichtlichen Scharlatan derartig seine Hoffnungen projizieren kann... aber die Enttäuschung wird umso wütender sein.
stepanus34 16.11.2016
4. Wer führt künftig den Westen an?
Was für ein Kindergarten! Der Ruf nach einem Führer? So war's schon in der Schule: Wer soll der Anführer sein? Amerika soll es sein? Aber nicht mit Trump an der Spitze? Kann Europa nicht für sich selber stehen, Deutschland nicht für sich selbst? Main stream Medien und Politiker ziehen wahlweise den Kopf ein bzw hacken jetzt gemeinschaftlich auf Trump rum bzw haben Angst vor der Zukunft? Was für rein erbärmlicher Haufen! Und ihr wollt das Land regieren, mittels Politik und Meinungsmache? Angst vor Trump aber nicht vor Clinton?
burgundy 16.11.2016
5.
Man sollte Obama nicht überschätzen, auch er selbst scheint es nicht zu tun. Auch Obama wird nur eine Fussnote der "Geschichte" sein, soviel hat er denn nun doch nicht geschaffen oder erreicht. Obama mag viel guten Willen gehabt haben, aber mit vielem ist er einfach umständehalber nicht durchgedrungen. Vielleicht wurde ihm gerade deswegen versagt, ein "grosser" Politiker zu sein. Er wird wohl nicht richtungsweisend gewirkt haben, und das wenige, das er erreicht hat, wird Trump wohl zurückschneiden. Wobei hoffentlich Obamacare ein Projekt bleibt, dass lange in die Zukunft der USA hineinwirkt, ist es doch der einzige sozial annähernd gerechte Aspekt in diesem Land. Kritik an den "globalen Eliten" sollte sich Obama verkneifen, es ist ja auch mehr Scheinheiligkeit in seinen Worten, sind es doch gerade die grossen US - Konzerne, die die Zeche prellen, wo immer es geht. Er selbst weiss doch nur zu gut, dass die "Früchte der Globalisierung" nie und nimmer denen zugute kommen werden, die sie erarbeiten müssen und in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt zum lästigen Couch - Potato im Prekariat oder zum arbeitenden Sklaven verkommen. Viel Hoffnung kann da nicht mitschwingen. Und wenn er von den "Zurückgelassenen" spricht, dann sind es auch die von ihm zurück Gelassenen, die sich Trump zugewandt haben. Dies zu vergessen, bedeutet, eben genau nicht in geschichtlichen Dimensionen zu denken. Das macht Obama, der ansonsten zu den sympathischsten, intelligentesten und durchaus auch besseren amerikanischen Präsidenten gehört, zu geschichtlichen Fussnote.
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