Obamas Rede vor der Uno Das Vermächtnis des Präsidenten

Es ist schon eine Art Abschied: Zum letzten Mal spricht Barack Obama vor der Uno. Sein großer Auftritt ist auch ein Appell an die Welt, sich zusammenzureißen.

Barack Obama
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Barack Obama

Aus New York berichtet


Die Generalversammlung der Vereinten Nationen ist gemeinhin eine sehr ernste Veranstaltung, aber an diesem Dienstag gibt es einen kurzen Moment der Heiterkeit. Barack Obama steht am Podium, und der US-Präsident teilt eine Beobachtung, die er in seiner Amtszeit machte. "Viele Menschen glauben entweder, dass Washington an allen Problemen Schuld ist, oder dass Washington alle Probleme lösen muss", ruft er. "Und vielleicht glauben das auch in Washington zu viele."

Das ist eine gute Umschreibung eines Dilemmas, in dem amerikanische Außenpolitik seit jeher steckt, und ein passender Satz für eine Rede, die aus Obamas Sicht in vielerlei Hinsicht problematisch ist. Er spricht zum letzten Mal vor der Uno, in New York blicken bereits viele auf seine möglichen Nachfolger und pünktlich zum Ende seiner Amtszeit ist die Welt in großer Unruhe. Für den Präsidenten ist das deshalb unangenehm, weil er sich fragen lassen muss, welchen Anteil er und seine Regierung daran eigentlich haben.

Nun sind Reden vor der Uno selten geprägt von Selbstkritik, und auch Obama macht da keine Ausnahme. Allenfalls peripher streift der US-Präsident die Tagespolitik, im Großen und Ganzen ist es eine Rede über das Große und Ganze. Mehr Demokratie wagen, die Öffnung zulassen, die Vielfalt umarmen - das ist sein Appell.



Sehen Sie hier einen Ausschnitt aus Obamas Rede im Original:

"Die Welt ist zu klein, als dass wir einfach eine Mauer bauen könnten, um uns vor den Folgen auf unsere Gesellschaften zu schützen", sagt er. Obama redet der Welt ins Gewissen, zum letzten Mal, wenn man so will, und es ist auch der Versuch, den versammelten Staatschefs zu signalisieren, dass Amerika alleine die globalen Probleme nicht lösen kann.

Er dankte ausdrücklich Deutschland und Kanada für die Öffnung der Grenzen für Schutzsuchende. Diese Länder hätten in einer "Krise epischen Ausmaßes" Verantwortung übernommen. Namentlich dankte Obama auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Für eine Politik der Offenheit gegenüber Flüchtlingen müssten Politiker oft einen hohen Preis zahlen.

"Wir haben jetzt alle die Wahl"

Es ist ein feiner Auftritt, Obama kann solche Reden halten, in dem jeder seinen Platz und seine Funktion zu haben scheint. Sie passen zu ihm, jedenfalls hat es den Anschein. Hoffnung, Frieden, Dialog: Wer den Präsidenten reden hört, möchte selten widersprechen, aber natürlich wirken seine Auftritte auch ein wenig aus der Zeit gefallen, wenn man sie mit der Realität kontrastiert. Obama ahnt das. Er will deshalb auch die finsteren Kapitel dieser Zeit nicht verschweigen, den Vormarsch des Nationalismus, die Anziehungskraft fundamentalistischer Ideologien, die Kriege in Syrien und anderen Teilen der Erde. "Das ist das Paradox, das unsere Welt heutzutage charakterisiert", ruft er. "Wir haben jetzt alle die Wahl. Wir können den Weg nach vorne suchen, oder uns in eine gespaltene Welt zurückziehen."

Obama, das fällt auf, gibt sich erneut als Anwalt der jüngeren Generation. Ihr Ruf nach mehr Teilhabe und Mitsprache könne nirgends mehr ignoriert werden, sagt der US-Präsident. Donald Trump erwähnt Obama nicht, aber mit jeder Silbe wird klar, wie sehr seine Präsidentschaft das komplette Gegenteil der Vorstellungen des Republikaners verkörpert. Obama dekonstruiert das Konzept des "starken Mannes", sagt, dass sämtliche Politiker, die sich als solche sähen, irgendwann vor dem Dilemma stünden, entweder ihre Bevölkerung dauerhaft unterdrücken oder aber äußere Feinde zum Sündenbock machen zu müssen. Sehr offensiv wirbt er für eine Lösung der Flüchtlingskrise und mahnt zu einer Politik der "offenen Herzen": "Wir müssen uns vorstellen, wie es für uns und unsere Familien wäre, wenn das Unvorstellbare passiert."

Obama zieht außenpolitisch Bilanz

Verglichen mit dem Sound des amerikanischen Wahlkampfs sind diese Sätze äußerst wohltuend. Aber natürlich ist sein Auftritt auch eine elegante Lösung, seine eigene Bilanz möglichst vorteilhaft hineinweben zu können. Obama erwähnt den Ausgleich mit Kuba, den er angestoßen hat. Er spricht über den Friedensvertrag in Kolumbien, in dem seine Regierung eine Rolle gespielt hat und erwähnt das Atom-Abkommen mit Iran, um zu belegen, wie viel Macht die Diplomatie haben kann. Tatsächlich hat der US-Präsident die amerikanische Außenpolitik auf vielen Feldern verändert. Dazu gehört auch, dass Obama das Engagement der USA im Mittleren Osten zurückgefahren hat, nur ist noch längst nicht geklärt, wie weise das wirklich war.

Ein Drama nämlich wird besonders mit seiner Präsidentschaft verbunden bleiben: Der Bürgerkrieg in Syrien. Amerika, das muss sich Obama vorwerfen lassen, fehlte in dem so komplizierten Konflikt von Beginn an eine klare Strategie. Die US-Regierung ging stets von der Prämisse aus, sich nicht noch einmal so leichtfertig in einen Krieg zu begeben, wie einst im Irak, allerdings verhedderte sie sich dann in einer Mischung aus halbherzigem Engagement und diplomatischen Fehlern. Jetzt scheint der Konflikt völlig verfahren, die Aufkündigung des jüngsten Waffenstillstands und der tragische Angriff auf den Uno-Hilfskonvoi zeigen in aller Deutlichkeit, dass Obama einfach kein Fortschritt gelingen will.

Sehr konkret wird Obama beim Thema Syrien nicht. Im Hintergrund versucht sein Außenminister, den Waffenstillstand und die militärische Abstimmung mit Russland noch irgendwie zu retten. Obama belässt es auch hier bei einem Appell an die Weltgemeinschaft. "In Syrien gibt es keinen militärischen Sieg zu gewinnen", ruft er. "Wir müssen den harten Weg der Diplomatie weiterverfolgen."



insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
rgw_ch 20.09.2016
1. Schön...
....dass die USA jetzt mit Bombardieren aufhören wollen, und stattdessen der Diplomatie eine Chance geben!
P-Centurion 20.09.2016
2.
Sie war vor allem nur wieder voll mit Doppelmoral. Er redet z.B. was davon, dass man sich an Internationale Regeln halten soll, und dann hinterlässt er sowas wie Libyen und Syrien. Unfassbar...
helmut.alt 20.09.2016
3.
Obama hat als Präsident gutes Augenmaß gezeigt und viele Konflikte, die er vom Vorgänger geerbt hat, entschärft. Der Deal mit Iran ist ein Musterbeispiel dafür, dass er nationale und internationale Scharfmacher bei seiner konstruktiven Politik ignoriert und seinen Plan durchgesetzt hat. Der Terrorismus, der mittlerweile eine internationale Plattform hat, wäre ohne seinen Aktivitäten (Osama Bin Laden ist nur ein Beispiel) noch viel problematischer. Am wichtigsten erscheint mir sein Appell die bestehenden politischen Probleme auf diplomatischer Ebene zu lösen. Kriege haben dies noch nie vermocht.
mimas101 20.09.2016
4. Nun Ja
Obamas Vermächtnis ist das er die US-Außenpolitik zu einem Miteinander und Teilen von Macht, Verantwortung pp mit anderen Nationen hin geändert hat (wenn auch die gründe eher in den riesigen Haushaltsdefiziten liegen dürften). Sprich die Supermacht USA die wie eine Glucke über der freien Welt thronte ist Geschichte. Diese Türe kann auch nicht wieder geschlossen werden, das wissen auch sehr viele US-Amerikaner und auch die "Wir sind die 99%"-APO.. Trump wirkt daher mit seiner Mauer, seinem "US strong and first" und seinem Isolationismus wie aus der Zeit gefallen und dürfte mit so einer Politik, wenn er denn Präsident wird und sich entsprechend durchsetzen kann, die USA eher in eine ungemütliche langanhaltende Isolation führen. Und auch die USA haben arge, zum Teil hausgemachte, Probleme mit Einwanderern aus Mittel- und Südamerika. Da war Obama ähnlich pragmatisch wie Merkel als er für eine Verwaltungsgebühr Green Cards an ehedem illegale Einwanderer verteilte. Ansonsten zeigte Obama das man auch zur Not mittels Dekreten am Parlament vorbei regieren kann wenn die Bude brennt. Allerdings hat er das Mittel immer nur als letztmöglichstes eingesetzt, andere Präsidenten waren da weniger zimperlich und Trump könnte noch ungemütlicher werden. Der nachfolgende US-Präsident dürfte mit Sicherheit nicht an Obama heranreichen. Allerdings haben die USA auch genug mit sich selbst zu tun, da liegt nicht nur in der Wirtschaft, den Sozialsystemen pp vieles im Argen. Das ganze Land muß umgebaut werden, eher hin zu europäischen sozial-marktwirtschaftlichen Verhältnissen.
Irene56 20.09.2016
5. Obama sagt
"Die Welt soll sich zusammenreißen. Der war gut, der war wirklich gut. Da fragt man sich, ist er ein Satiriker und Zyniker?
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