Barack Obama "Mehr Professor als Politiker"

Der Journalist und Biograf David Mendell hatte engen Kontakt zu Barack Obama - und zwar schon vor dessen Aufstieg. Wie hat das Amt den US-Präsidenten verändert?
Präsident Obama im Oval Office

Präsident Obama im Oval Office

Foto: The White House/ Pete Souza

Am 20. Januar wird Donald Trump als neuer US-Präsident eingeführt - damit endet die Amtszeit von Barack Obama. Die Medien sind voller Bilanzen über seine Amtszeit. Einer, der Obama gut kannte, bevor er ins Weiße Haus einzog, ist der Journalist David Mendell.

Als Reporter berichtete Mendell für die "Chicago Tribune" zu Beginn der 2000er Jahre über den Politiker: Er flog mit ihm nach Afrika, als dieser den Geburtsort des Vaters in Kenia besuchte. Er begleitete den Kandidaten bei dessen Wahlkampf für den Senat durch Illinois. "Ich hatte einen engen Kontakt", sagt Mendell. Der Journalist begann früh, eine Biografie über den Hoffnungsträger der Demokraten zu schreiben. Obama ermöglichte exklusive Interviews mit ihm und der Familie. Das Buch "Obama: From Promise to Power" erschien schließlich im August 2007 - nur wenige Monate, nachdem Obama verkündet hatte, als Präsidentschaftskandidat antreten zu wollen.

Obama habe einen Fehler gemacht, sagt David Mendell im Interview mit SPIEGEL ONLINE: Er habe nicht wie manche Vorgänger seine Position als Staatschef genutzt, um wichtige Kontakte auszubauen, nachts noch 20 Personen in Politik und Wirtschaft anzurufen, "die ihm dann geholfen hätten, Themen durchzuboxen". Wie hat er sich verändert?

Zur Person
Foto: Getty Images/ Meet the Press

David Mendell, 50, wurde in Cincinnati (Ohio) geboren. 1998 begann er für die "Chicago Tribune" zu arbeiten, seit 2003 berichtete er über Barack Obama. Die Biografie "Obama: From Promise to Power" verkaufte sich mehr als 200.000 Mal. 2008 verließ Mendell die "Chicago Tribune", arbeitet seitdem als freier Journalist.

SPIEGEL ONLINE: Barack Obama begeisterte während der Wahlkämpfe die Amerikaner mit seinen positiven Botschaften von "hope and change" und "yes, we can". Wie beurteilten Sie seine Regierungszeit?

David Mendell: Barack Obama flog auf einer Welle der Begeisterung. Diese hohen Erwartungen konnte er nicht erfüllen. Bei Obama haben die Menschen vielleicht ein bisschen mehr als bei seinen Vorgängern daran geglaubt, dass er die Politik in Washington drastisch verändern könnte. Nun müssen wir aber einsehen: Obama ist auch nur ein konventioneller Politiker - und zwar sehr viel mehr, als wir vermutet haben.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Mendell: Obama setzte darauf, mit den Republikanern zusammenzuarbeiten - so wie er es in Illinois getan hatte. Er glaubte, mit einer kollegialen Atmosphäre und seinem Charme die Republikaner einfangen zu können. Doch die spielten nicht mit, blockierten ihn, wo sie nur konnten. Und sie hatten relativ früh durch die Mehrheit im Kongress auch die Möglichkeiten dazu. Obama geriet in eine reagierende Position. Washington hat ihn letztlich zu einem Politiker gemacht, der moderater und konventioneller war, als er es eigentlich wollte. Damit hat er viele Menschen enttäuscht.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Obama erreicht?

Mendell: Er hat die Dinge in richtige Bahnen gelenkt, aber in einer sehr langsamen Bewegung. Man könnte fast sagen: Obama war eine Art Hausmeister der Politik, musste überall kleinere und größere Probleme lösen. Und er brachte dem Amt nach George W. Bush eine gewisse Würde zurück.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Mendell: Obama ist ein ausgezeichneter Redner, hat Charme und ein gutes Auftreten. In seiner Amtszeit gab es wahrscheinlich die wenigsten Skandale aller Präsidenten. Und der Großteil der Amerikaner beurteilt ihn als guten Repräsentanten des Landes im Ausland.

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Acht Jahre Barack Obama: Zwischen Macht, Stress und Truthähnen

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SPIEGEL ONLINE: Ist die Einführung einer Krankenversicherung Obamas größter Erfolg?

Mendell: Obama wird vor allem als erster schwarzer Präsident in die Geschichte eingehen. Aber sicher ist die Krankenversicherung innenpolitisch sein größter Erfolg: Nur wenige haben geglaubt, dass er sich mit "Obamacare" durchsetzt. Bis zu 20 Millionen Menschen haben dank ihm jetzt eine Krankenversicherung. Ich bin sicher: Das eingeführte System hat viele Leben gerettet. Daneben musste Obama aber eine ganze Reihe von Problemen seiner Vorgänger lösen.

SPIEGEL ONLINE: Welche meinen Sie?

Mendell: Er musste den Abzug aus den Kriegsgebieten organisieren. Diese Einsätze haben das Land Kraft, Geld und Menschenleben gekostet - geholfen haben sie dort am Ende niemanden. Das hat die ohnehin schon nicht rosige wirtschaftliche Lage in den USA verschärft. Seit einiger Zeit geht es ökonomisch sehr langsam wieder aufwärts. Diese Langsamkeit war für Obama ein Nachteil, denn seine Wahlkampagnen versprachen Veränderung über Nacht. Das geschah aber nicht.

Proteste in Phoenix, Arizona, nachdem die Polizei zwei Schwarze erschossen hat

Proteste in Phoenix, Arizona, nachdem die Polizei zwei Schwarze erschossen hat

Foto: RICARDO ARDUENGO/ REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Der Rassenhass in der amerikanischen Bevölkerung zeigt sich auch weiterhin - auch durch Übergriffe der Polizei auf Afro-Amerikaner. Hat Obama auf diesem Gebiet versagt?

Mendell: Wenn es eine gravierende Schwäche in seiner Präsidentschaft gibt, dann sicherlich, dass er die Differenzen in der Gesellschaft und auch der politischen Landschaft nicht überwinden konnte. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land, von Arm und Reich sind nicht weniger geworden. Das gilt auch für den Rassenhass. Vielleicht hat man an diesem Punkt aber zu viel erwartet - dieses Problem gibt es seit so langer Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Konnte Obama etwas für die afro-amerikanische Gesellschaft tun?

Mendell: Für sie war er teilweise eine Enttäuschung. Das Leben der armen Schicht hat sich nicht verbessert, ist so geblieben wie acht Jahre zuvor. Das Geld wäre da, um etwa die Bildung zu verbessern - wenn es nicht im Irak-Krieg ausgegeben worden wäre.

SPIEGEL ONLINE: Was war aus Ihrer Sicht Obamas größte Niederlage?

Mendell: Es ist ihm nicht gelungen, die Waffengesetze zu verschärfen. Während seiner Amtszeit gab es viele Schießereien mit Toten. Bei seinen öffentlichen Auftritten zeigte sich, wie ihn dieser Zustand frustrierte. Daran wird aus meiner Sicht aber auch deutlich: Obama ist eigentlich mehr Professor als Politiker. Nach den Tragödien sprach er über die notwendigen Veränderungen. Aber es ist ein Unterschied, über etwas zu räsonieren oder etwas als Politiker durchzusetzen.

Golfer Obama auf Marthas Vineyard

Golfer Obama auf Marthas Vineyard

Foto: The White House/ Pete Souza

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie diese Seite häufiger bei ihm beobachtet?

Mendell: Ich habe ihn bei seinen Wahlkampftouren für den US-Senat begleitet. Abends sitzen dann die Journalisten und Politiker meist noch im Hotel zusammen, lassen den Tag ausklingen. Obama suchte aber die Ruhe, ging auf sein Zimmer, las oder schaute sich ein Football-Spiel an. Man merkte ihm an, dass ihn die Touren ermüdeten. Ja, Obama hat eine sehr introvertierte Seite: Er mag es einerseits, vor einer Menschenmenge zu stehen und eine Rede zu halten. Es ist eine Stärke von ihm, auf Menschen zuzugehen. Obama mag es aber andererseits auch, Zeit für sich zu haben, ein Buch zu lesen, Papiere durchzuarbeiten oder mit engen Freunden Golf zu spielen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass ihm diese Eigenschaft politisch geschadet hat?

Mendell: Einige sehen das so. Bill Clinton war da ganz anders. Ihm schienen die Wahlkampfauftritte noch mehr Energie zu verleihen, der hätte direkt eine nächste Rede halten können. Kritiker werfen Obama vor, dass er nachts nicht noch 20 wichtige Personen in Politik und Wirtschaft angerufen hat, die ihm dann geholfen hätten, Themen durchzuboxen. Das hat Bill Clinton ganz anders gemacht. Der war ein Meister darin.

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