Gewalt in Barcelona Kontrollverlust

Seit fünf Nächten liefern sich Demonstranten in Barcelona Straßenschlachten mit der Polizei. Der Protest radikalisiert sich, die Separatisten haben die Kontrolle über eine kleine frustrierte Minderheit verloren.
Polizei und Protestierende in Barcelona: "Auf Sie!"

Polizei und Protestierende in Barcelona: "Auf Sie!"

Foto: Jesus Diges/EPA-EFE/REX

Die fünfte Nacht der Gewalt beginnt schon vor Einbruch der Dunkelheit. Hunderte junge Menschen, fast alle vermummt, stehen in der Via Laietana im Zentrum Barcelonas, vor ihnen brennen zwei Müllcontainer. "A por ellos!", grölen die Männer: "Auf sie!"

So zeigen es Fernsehbilder und die Videos der Journalisten vor Ort. Der Slogan ist ein kleiner Gruß an die spanischen Polizisten, die vor zwei Jahren nach Katalonien beordert wurden, um das katalanische Unabhängigkeitsreferendum zu verhindern. "A por ellos", sangen damals einige Beamte, als sie sich im Mannschaftswagen auf den Weg nach Katalonien machten. Das Video der Szene hat bis heute in Katalonien kaum jemand vergessen.

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Wenig später prasseln Steine auf Polizisten herab, die schießen mit Kugeln aus Hartgummi, prügeln auf Demonstranten ein, dazwischen der schwarze Rauch der Barrikaden.

Am nächsten Morgen geben die Behörden die Bilanz der Straßenschlachten bekannt: Mindestens 152 Personen mussten allein in Barcelona von Rettungskräften behandelt werden, drei Polizisten wurden verletzt.

Im Video: Brennende Barrikaden in Barcelona - 150 Verletzte

SPIEGEL ONLINE

Die Gewalt ist der Beginn einer neuen Phase im Konflikt zwischen katalanischen Separatisten und dem spanischen Zentralstaat. Ein Teil der Katalanen strebte bisher explizit gewaltfrei nach einem eigenen Staat, friedliche Menschen, so betonten die Separatisten immer wieder, seien sie.

Brennende Barrikaden statt Menschenketten

Auf eine große Mehrheit trifft das noch immer zu, aber diese Mehrheit hat die Kontrolle verloren über einige Hundert frustrierte junge Menschen, die nun schon seit fünf Nächten in Barcelona Müllcontainer und Absperrungen abfackeln.

Auch die Inszenierung des Protestes entgleitet den Separatisten zunehmend. Ihr Streben nach Unabhängigkeit kann nur Erfolg haben, so war es lange Konsens, wenn der Protest friedlich bleibt, wenn sich genug Spanier und Europäer auf ihre Seite schlagen.

Der Konsens ist Geschichte. Statt Menschenketten und Luftbilder von Menschenmengen zeigt das Fernsehen nun vor allem brennende Barrikaden und Molotowcocktails, die Ausschreitungen werden Nacht für Nacht live zur besten Sendezeit in die spanischen Wohnzimmer übertragen.

Der Freitag hatte in Barcelona mit gewohnten Bildern begonnen. An diesem Tag erreichten fünf sogenannte Friedensmärsche das Stadtzentrum von Barcelona. Aus verschiedenen Richtungen strömten mehr als 500.000 Menschen in die Stadt, die Separatisten hatten zum Generalstreik aufgerufen. Vor drei Tagen begannen die Märsche, als Zeichen des Protests gegen das Urteil vom Montag.

Hartes Urteil entzündet die Proteste

Da hatte der Oberste Gerichtshof in Madrid neun Anführer der katalanischen Separatisten zu langen Gefängnisstrafen zwischen 9 und 13 Jahren verurteilt. Unter anderem wegen Aufruhr, Veruntreuung öffentlicher Gelder und Ungehorsam, nicht aber wegen "rebelión", wie es die Staatsanwaltschaft gefordert hatte. Sonst wäre das Urteil noch härter ausgefallen.

Der Spruch des Gerichts markiert das Ende eines Prozesses, den sich die Separatisten zurechtgelegt hatten, um Katalonien von Spanien abzuspalten. Die Höhepunkte:

  • Am 27. November 2015 gewann eine Koalition aus den zwei großen separatistischen Parteien die Parlamentswahlen in Katalonien. Die beiden Parteien hatten die Wahl im Vorfeld zu einer Volksabstimmung über die Unabhängigkeit erklärt.
  • Am 1. Oktober 2017 hielten die Separatisten - gegen das Verbot des Verfassungsgerichts - ein Referendum über die Abspaltung Kataloniens von Spanien ab. Die Polizei intervenierte.
  • Wenig später erklärte die separatistische Mehrheit im Parlament die Unabhängigkeit der Region.

Mit dem Urteil ist klar, dass der "procés" gescheitert ist. Inzwischen nehmen an den immer noch riesigen Demonstrationen weniger Menschen teil, die Zustimmung zur Unabhängigkeit sinkt. Aktuell liegt sie bei 44 Prozent, so wenig wie seit zwei Jahren nicht.

Die Friedensmärsche, die Barcelona am Freitag erreichten, sind ein traditionelles Mittel des katalanischen Protests, gut organisiert, immer gewaltfrei. Aber vielen Separatisten ist mittlerweile klar, dass sie nicht zum Ziel führen.

Auch innerhalb des Lagers der Unabhängigkeitsbefürworter ist man sich nicht einig, wie es nun weitergehen soll. Ins Vakuum stoßen Aktivisten mit neuen Protestmethoden, organisiert über den Messenger Telegram und eine eigene App: Am Montag legten Tausende Katalanen den Flughafen in Barcelona lahm. "Tsunami Democràtic" ist das Motto dieses Protests.

Die neuen Methoden reichen einigen nicht

Die Aktivisten ließen sich bei ihrer Aktion wohl von den Protesten in Hongkong inspirieren. Das Ziel scheint klar: Mit radikaleren Methoden als zuvor die spanische Regierung an den Verhandlungstisch zwingen. Wirtschaftliche Schäden anrichten, mehr Aufmerksamkeit erregen.

So beschreibt Aniol Costa, 22, die neue Strategie der Separatisten. Costa, Mitglied der Jugendorganisation der separatistischen Linksrepublikaner, hat gerade die Uni abgeschlossen, 2017 half er als Student bei der Organisation der großen friedlichen Proteste, die die politische Kampagne begleiteten.

Besonders junge katalanische Separatisten seien extrem frustriert, sagt er. "Unsere Proteste haben nichts bewirkt. Normale Demos allein reichen nicht aus." Die Gewalt kann Costa zwar verstehen, er unterstützt sie aber nicht. "Am Ende gewinnt so immer die Polizei", sagt er.

Da Präsident Torra in Madrid nicht durchdringe, müsse man eben große spanische Unternehmen boykottieren, damit die der Regierung Druck machten, sagt Costa. Im Internet kursieren bereits Plakate, mit denen Läden markiert werden sollen, die angeblich die "Repression finanzieren".

Einigen - vor allem Teenagern und Menschen Anfang 20 - aber reicht es nicht, Flughäfen zu blockieren oder Unternehmen zu boykottieren. Sie sind es, die nun Nacht für Nacht mit katalanischen und spanischen Polizisten kämpfen.

Die jungen Protestler wuchsen auf mit den vollmundigen Versprechungen von katalanischen Politikern. Doch nach Jahren voller friedlicher Demos sehen sie sich keinen Schritt weitergekommen. Der Frust darüber entlädt sich auf der Straße.

Kein Ende der Gewalt in Sicht

Quim Torra, der katalanische Präsident, hat sich inzwischen nach tagelangem Zögern von der Gewalt distanziert. Am Samstag sagte er erneut: "Keine Form der Gewalt repräsentiert uns." Allerdings nutzt er die Proteste gleichzeitig, um Druck auf die spanische Regierung zu machen. Ein Verhandlungsprozess sei so dringend wie nie, sagte er.

Dass die Gewalt schnell nachlässt, ist nicht zu erwarten. Am 10. November wählen die Spanier ein neues Parlament. Bis dahin könnten die Straßenschlachten anhalten, nur wenige haben derzeit ein ernsthaftes Interesse an Deeskalation.

Für Sonntag hat die rechtsliberale Partei Ciudadanos zu einer Demonstration in Barcelona gegen den Separatismus aufgerufen. Immer wiederzogen bei solchen Demos in der Vergangenheit auch Rechtsextreme durch Barcelona.

Spätestens dann könnte es wieder zu größeren Auseinandersetzungen kommen.

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